Das Internet jubelt: Unser Lieblingsstalker Joe Goldberg ist zurück. „Season 3 of ‘You’ is its best yet, thanks to its true horrors: Marriage and suburbia” lobt die Washington Post, “’You’ finds twisted new wrinkles with Love and marriage in the suburbs” meint CNN. Ok, I’ll give it a try. Immerhin hat die dritte Staffel Squid Games vom Netflix-Thron gestoßen. Zwar fand ich Staffel 2 schon enttäuschend, aber vielleicht lassen die Macher:innen sich doch noch was Neues einfallen.

Neues Setting, neues Glück

Love (Victoria Pedretti) und Joe (Penn Badgley) haben geheiratet und leben jetzt mit Sohn Henry in den Suburbs. Staffel 3 beginnt damit, dass Joe sich ständig darüber mokiert, dass er sich eine Tochter gewünscht und nun einen Sohn hat. Warum – keine Ahnung. Drauf geschissen. Bis auf die neue Umgebung bleibt alles beim Alten. Joe findet schnell eine neue Obsession: erst die Nachbarin, dann seine Chefin. Das Morden der beiden geht fröhlich weiter und suprise auch der Käfig ist wieder mit dabei. Nur steht er diesmal im Keller von Loves neuer Bäckerei. Wie erfrischend anders. Nicht.

Ich erinnere mich zurück an Staffel 1. Die war gut. Ich habe mitgefiebert. Fand den bücherliebenden Hipster-Stalker Joe Goldberg gleichzeitig creepy und sympathisch. Aber über drei Staffeln bleibt sein Pattern immer das Gleiche und die Geschichte wird unerträglich vorhersehbar. Ich bleibe trotzdem dran. Quäle mich durch zahlreiche cringe Momente (looking at you Swinger Szene), die fast nicht auszuhalten sind. Die Staffel ist trashig, was nicht unbedingt schlecht sein muss.

Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass die Serie eigentlich deep sein will.

Thematisiert sie doch Themen wie häusliche Gewalt, Co-Abhängigkeit, Sucht und Trauma. Dabei kratzt sie aber maximal an der Oberfläche. Gewürzt wird dann nochmal mit einer großzügigen Prise Wokeness. Ganz nebenbei werden Impfgegner:innen thematisiert, nochmal erklärt, dass Joe als weißer Mann nicht nachvollziehen kann, wie Marianne die schwarze Frau vom System behandelt wird. Und der schwule Sehbehinderte nimmt am Ende der Staffel gemeinsam mit seinem schwarzen Partner Sohn Henry auf. Weil Kinder auch in nicht-hetereo Partnerschaften glücklich sein können. Ja ach.

Nicht falsch verstehen, alles wichtige Punkte. Aber mich beschleicht das Gefühl, dass die Serie einfach eine Checkliste abarbeitet, um keinen Shitstorm zu kassieren und die woke audience zu befriedigen.

Zum Zeitpunkt des Drehs dominierte Black Lives Matters die Schlagzeilen in den USA: Ok nehmen wir auf. Aber lassen wir die Schwarze besser nicht ermorden, das kommt gerade nicht gut. Oprah Daily erzählt Schauspielerin Tati Gabrielle, die die Bibliothekarin Marianne spielt, dass ihr als schwarze Frau eine gewisse „Awareness“ wichtig war, um die Rolle anzunehmen. Und dass es für sie eine Bedingung war, dass ihr Charakter nicht stirbt. Wahrscheinlich sind die Macher:innen von YOU also nicht mal selbst auf den Trichter gekommen. Trotzdem geht auch da nichts in die Tiefe. Woke capitalism? In jedem Fall woke genug, dass Reddit-Trolle sich über „horrible woken garbage“ beschweren können.

However auch das Staffelfinale hat mich nicht von der Couch gerissen und ich fand es auch nicht so „shocking“ und „unbelievable“, dass ich das Bedürfnis verspüren würde, die Marie Claire müsse mir das Ende nochmal erklären.

Fest steht: Man kann die Staffel schauen, es ist Unterhaltung, auch nicht zwingend schlechte. Aber ich habe mein Kontingent an Joe-Voice Overs, Sepia-Flashbacks und vorhersehbaren Morden aufgebraucht und werde Staffel 4 (die schon angekündigt ist) nicht schauen. Worin mich die Serie jedoch bestärkt hat: Lasst Vorsicht bei der Gesichtserkennung eures Smartphones walten!

Was Bianca und ich sonst noch zur dritten Staffel YOU zu sagen haben, könnt ihr im Podcast nachhören.

Esther Ecke
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