Berlin – die vielleicht dreckigste Großstadt aller deutschen Großstädte – hat sich dieses Wochenende in ein zuckersüßes Winter-Wonderland verwandelt. Und auch die Laune ihrer Bewohner*innen stieg schlagartig an, als sie endlich den vor zehn Jahren verstauten Schlitten aus dem Keller holen konnten.

Es ist wie mit den abzippbaren Hochwasserhosen und Klappfahrrädern: jede*r Alman scheint welche zu haben. Für den Fall!

Wohin man auch blickte, Schlitten überall. Als ob wir uns in einem bayrischen Skiort befänden! Kinder in Ski-Overalls und Erwachsene, die – mürrisch, aber doch – grüßten. Zumindest dort, wo wir dieses Wochenende hin sind: nämlich in ein 20.000 Einwohner Dorf in der Nähe von Frohnau.

In zwanzig Minuten mit der A111 vom Wedding aus zu erreichen, befand ich mich plötzlich in einem Suburb, der Wien Donaustadt verdammt ähnelte. Die Straßen? Beinahe planwirtschaftlich in säuberlichen Quadraten angelegt. Die Häuser? Zweistöckig, mit Dachböden und braunen Satteldächern. „Hier ziehen wir auf gar keinen Fall hin“, sagte ich schon beim Aussteigen zu meinem Freund. „Hier sieht’s trotzdem schöner aus als bei deinen Eltern“, konterte er.

Klassisch Berliner. Hauptsache mir widersprechen!

Achso. Der Grund, warum wir uns ausgerechnet dieses Dorf ausgesucht hatten, war einer Recherche meinerseits zu verdanken. Manchmal, wenn ich gelangweilt bin, prokrastiniere ich nämlich auf Immobilienportalen und suche mir Bauprojekte im Berliner Umland raus. Einfach nur so, zum Schauen. Damit ich weiß, wie viel die 66 qm Neubauwohnung der Zukunft kostet, die ich nicht haben will – und naja, die ich mir auch nicht leisten könnte, wenn ich wollte.

Wir haben nie ernsthaft darüber gesprochen. Der Gedanke, nach Brandenburg zu ziehen, erfüllt meinen Berliner mit Panik. Und, ganz ehrlich? Mir ist auch nicht so wohl bei der Sache. In der Theorie hört es sich eigentlich sehr erwachsen und okay an, man ist ja „nah dran an der Stadt“, nur 20 Minuten mit der Autobahn und schwupps ist man wieder im Stadtgebiet. Man kann sich das schon schönreden.

Es gibt richtige Wälder und Golfplätze und Pferdehöfe direkt vor der Tür. Perfekt, oder? Die Pferde darf man zwar nicht füttern, sonst ist man bei der örtlichen Polizei als gesuchte Giftmörderin verschrien, aber kurz Anschauen jeden fünften Tag reicht ja eigentlich auch.

So viel zur fantasierten Vorstellung.

Die Realität bedeutet im Kaufland neben Pensionist*innen an der Kasse zu stehen und trotz meiner beinahe 30 Jahre in der Masse als Teenie durchzugehen. Weit und breit: niemand wie wir. Nicht, dass wir alle Menschen kennengelernt oder gesehen hätten – aber die, die uns über den Weg gelaufen sind, waren keine Berliner, ganz eindeutig!

Auf dem Rückweg zum Auto passieren wir eine Siedlung mit Thujen-Bäumen. Ihr wisst schon, diese struppigen, hohen Alice-im-Wunderland-Bäume, mit denen man sich angeblich seine Privatsphäre bewahrt.

Von wegen Baum des Lebens“, sagt mein Freund.
Das sind Bäume des Todes.

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