Manchmal geht es nicht primär um den Inhalt, nicht um die Hard Facts – sondern um die Person, die ein Buch schreibt. Die Art, wie sie es schreibt.

Dass „How to not always be working“ von Marlee Grace bei mir landete, war nicht weniger als meiner Hoffnung geschuldet. Denn ehrlich gesagt hatte ich nicht mehr daran geglaubt, dass ich jemals ein Buch finde, das mir bei meinem Reflektionsprozess am Ende des Tages weiterhilft. Ich hatte doch schon tausende Stunden darüber nachgedacht, wie ich effizienter, stressfreier und besser arbeiten könnte.

Ich hatte doch schon alles durch, oder? Die Kanban-Methode, Time-Out-Apps, Smartphone-Regeln. Ich laß mal mehr, mal weniger theoretische Schinken von Rutger Bregman (Utopien für Realisten), Thomas Vašek (Work Life Bull Shit), David Graeber (Bullshit Jobs), Sahra Wagenknecht (Reichtum ohne Gier) und Oli Mould (Against Creativity), die mich meist etwas lethargisch zurückließen. Sprich: Ich wusste genau darüber Bescheid, warum es so vielen Menschen in der kreativen Arbeitswelt des Spätkapitalismus schlecht ging. Trotzdem war ich Teil davon. Trotzdem musste ich darin weiterleben und betrieb in manchen Wochen gnadenlosen Raubbau an meinem Körper und Intellekt.

Wenn Fakten nicht reichen

TL;DR: Also habe ich in meiner Verzweiflung doch das kleine, quadratische Ex-Zine in Peach bestellt. Autorin ist die Anfang 30-jährige US-Amerikanerin Marlee Grace, die als Tänzerin, Autorin, Podcasterin irgendwo zwischen Kalifornien und New Mexiko lebt und das Zine ursprünglich als Workbook für sich, Freunde und Bekannte geschrieben hat.

„I wrote it for myself. The more I shared the little workbook with other people, the more I found that my friends were also in deep need of this process of identifying our work.”

Marlee Grace

Das Besondere an dem Buchprodukt ist, dass es als Manual, als Liebesbrief und als Manifest daherkommt – ohne dabei ständig irgendwelche Studien und Ergebnisse zu zitieren. Es ist eben ganz Marlee Grace. Es gibt zum Beispiel drei Seiten zum Thema Finanzen, in denen sie sagt, dass sie ganz ehrlich keine Ahnung davon hat und damit ist das Thema abgeschlossen.

Groundbreaking war für mich, dass Marlee Grace in ihrem Ansatz schon Post-Selbstoptimierung ist und uns lieber mit dem arbeiten lässt, was wir haben. Und wenn das eben ein scheiß, stressiges Small-Business ist, dann ist es so.

„Learning how to now always be working isn’t about working less or never working or never having a job. It’s about starting to personally determine for one’s self the concept of work. To ask the questions: Why does it matter? What does it mean? How do you always show up for yourself?“

Marlee Grace

Dieser Ansatz hat mir gut gefallen. Denn ich hatte nicht sofort das Gefühl, dafür verurteilt zu werden, dass ich manchmal auch gerne und viel arbeite und meine Tage in Jogginghose vor dem Bildschirm verbringe – ohne dabei Millionärin, Top-30-unter-30-Kandidatin oder Bestseller-Autorin zu werden.

Es geht nicht darum, wie du dein Gehalt verhandelst oder morgens noch eine Stunde Extra freischaufelst, um deine Masterarbeit zu schreiben. Sondern um die Wertschätzung der kleinen Dinge. Eine positive Bewältigung der Geschehnisse, die uns Kreativarbeitenden – ob wir wollen, oder nicht – eben widerfahren: Overwhelm, anxiety, unpaid overtime. Es geht darum, das Menschsein an oberste Stelle zu setzen, und nicht den inkorporierten Leistungsfetisch.

Grace sagt: „When you love something, it can be extremely hard to tell if you’re working. For example, gardening is absolutely not working to me. But if I share it on the internet, I am getting into some tricky territory.“ Es geht nicht darum, lediglich effizienter und organisierter zu sein, sondern gewisse Dinge für sich selbst klarzustellen. Ist es schon Arbeit, wenn ich meine Freizeit auf Instagram poste? Ist es Arbeit, wenn ich Menschen mein Hobby zeige?

„There is no real answer, it’s all work. It’s also all not work. Work is subjective. I do, however, know that when the things on my work list became the only things I was doing, it hurt my spirit, my partnership, my friendships, and my business.“

Marlee Grace

Ihr versteht jetzt vielleicht, warum ich den Einleitungssatz geschrieben habe. Marlee Grace hat mir nichts explizit Neues gesagt – mein Gott ich weiß, dass ich Pausen machen sollte und vor dem Schlafen nicht aufs iPhone schauen soll –, sondern Altbekanntes in neue Perspektiven gesetzt, in dem sie teils echt banale Fragen stellte, auf die ich einfach keine Antwort hatte.

Zum Beispiel:

  • Look at each item and expand on why it is your work? Is it because it’s hard? Because it makes you money? Because you would prefer not to do it?
  • Write your own nighttime ritual here to help you decide what time you need to stop working
  • What are the grey areas in my work?
  • How do 5 hours of not working look like?

Vor zwei Jahren hätte ich das Buch vermutlich verächtlich weggelegt, weil mir Grace einen Tick zu eso ist.

Aber fuck it, wir schreiben 2020 und wenn sie eben Kerzen in unterschiedlichen Farben hat, um damit irgendwelche Geister zu vertreiben, so be it.

Auch nach der Lektüre vermeide ich es, die Einnahme meines Abendessens „Feeding myself“ zu nennen, spreche immer noch keine wohlwollenden Gebete für meine Feinde und ich habe auch nicht angefangen, eine Yoga-Matte neben meinen Schreibtisch zu platzieren.

Dafür weiß ich jetzt, was ich in fünf Stunden Nicht-Arbeiten gerne mache: Kochen, Spazieren, Podcasts-Hören und mit Freund*innen telefonieren. Ich weiß, dass meine Netflix-Abende definitiv nicht Arbeit sind, auch, wenn ich am nächsten Morgen schnell eine Review schreibe und ich habe mir ein White-Board gekauft, um dort wieder eine sichtbare „Nein“-Liste – inklusive der WARUMS – anzubringen.

Sind es große Veränderungen? Nein. Jein. Wir werden sehen. Hat es Spaß gemacht, dieses Work-Book auszufüllen und sich so ein bisschen Self-Care-Time freizuschaufeln? Definitiv.

(Außerdem sieht das Zine-Buch schön aus. Period.)