Ganz ehrlich, i am so fucking sick of “Aber wo sind jetzt eure Lösungen?” motzenden Babyboomern in Real-Life, TV und Radio (besonders peinlich aktuell: Philipp Möller), die sich nach der 54. Einbahnstraßen-Diskussion bequem in ihre SUVs setzen um das Spanferkel für die Grillerei am Wochenende abzuholen und vorher, hinter- und nachher jegliche politische Verantwortung von sich weisen, ganz so, als ob sie die vergangenen drei Jahrzehnte in einem Heile-Welt-Vakuum gelebt und alleinigen Anspruch auf die verbleibenden Ressourcen unserer Erde hätten, ohne selbst aktiv zu werden.

„Jede Generation hatte ihre Konflikte zu lösen!“, sagt ihr beleidigt. „Toll, dass wir ausgerechnet die Klimakrise und den Spätkapitalismus im teuflischen Doppelpack bekommen haben“, antworten wir mit hochgezogenen Augenbrauen.

Danach? Herrscht erstmal Stille. Ist ja auch unangenehm, auf die eigene Scheinheiligkeit hingewiesen zu werden. Denn das, was wir als Millennial/Gen Z-Kollektiv jetzt „mal so eben zu lösen“ haben, übersteigt jegliche tatsächlich zu bewältigende Relation.

Das, was ihr uns aufbürdet, ist kein zweiseitiges Briefing. Es ist eine Lebensaufgabe, die alles andere in den Schatten stellt, wenn wir sie konsequent angehen.

Zeig mir deinen Durchschnitts-Boomer und ich sag dir, wie politisch dieser ist (gar nicht)

Wo anfangen? Ihr hasst Amazon, Instagram, Fandom und zerrissene Hosen – und glaubt offenbar, dass wir uns auch ohne Social Media vernetzen und die „Welt“ retten können. Ja, am besten schicken wir das nächste mal eine Brieftaube, wenn wir uns organisieren wollen oder probieren es bei 4.000 Leuten auf dem Festnetz. Hintereinander. Damit wir auch ja keine Kartelle unterstützen!

Und wenn wir uns im Kleinen weigern, schlechte Arbeitsbedingungen hinzunehmen, Chefs kritisieren oder bezahlte Überstunden fordern, sind wir faul und leistungsverweigernd. Dabei sind Konzerne wie Amazon doch genau dadurch groß geworden, dass wehrlose und von McJobs abhängige Mitarbeiter*innen ausgebeutet wurden. Weil da keiner „Nein“ gesagt hat. Weil irgendwer von euch damals Gesetze zugelassen hat, die die Ausbeutung des Individuums zum Profit weniger Mogule erlauben.
Ja, wir können die Gesetze von den 00er-Jahren gar nicht verantworten, denn – surprise, surprise – wir waren zu jung, um zu wählen oder uns als Kandidat*innen aufstellen zu lassen.

Aber wer ist am Ende wieder Schuld an der Existenz Amazons?

Millennials, wie denn sonst. Als ob dort noch nie ein Boomer ein Produkt bestellt hätte, für das er nach der Arbeit eine Stunde durch die Stadt fahren müsste. Als ob Boomer nicht ausgerechnet die wären, die auf Glitzer, Protz und hässliche Wandfassaden aus Holz frei Haus stünden.

Ganz ehrlich, ich scheiß auf eure Erwartungen an uns. Auf euer Tone Policing, mimimi, „aber bitte nicht so moralisierend!“ Ich scheiß auch auf Leistungsbereitschaft, wenn sie am Ende wieder nur den Status Quo erhält. Ja, den Status Quo von dem ihr als bald oder schon Rentner*innen profitieren werdet. Aber die schlechtbezahlten Pfleger*innen aus Osteuropa, die euch den Arsch abwischen sollen bitte nicht mit dem Billigflieger zu Weihnachten nach Hause dürfen, während ihr euren nächsten 2000€-Kreuzfahrttrip in Südamerika plant.

Boomer? Haben anders als wir „hart“ gearbeitet (erinnert ihr euch noch an den guten alten Leerlauf und Kolleg*innen, die einfach so dasaßen weil,… warum auch nicht? „Den*die nimmt doch sonst keiner!“) und verdienen sich jetzt „ein gutes Leben“. Warum das gute Leben nicht schon früher kam? Ja, weil Boomer eben nicht (!) die Rebell*innen sind, als die sie sich ausgeben, sondern ihren mickrigen Teil des Kuchens wollten, egal mit wie viel buckeln, um entspannt vor realen Problemen wegzulaufen. In Österreich auch gerne in den Keller.

Boomers haben den Kapitalismus groß gemacht, aber jetzt, wo er da ist, sollen wir ihn mit einem Fingerschnips “einfach mal abschaffen”? Ja, geht’s noch?

Rückgratneid, der

„Die neue Generation wird es schon richten“, “Hinter mir die Sintflut” und bis die Klimakatastrophe tatsächlich eintritt, „sind wir eh tot“. Aber die Millennials, die verstehen wir wirklich nicht mit ihren Forderungen, ihrem Veganismus und den Tattoos. “Fleisch? schmeckt doch super! Und überhaupt, lass ich mir jetzt meinen Standard nehmen? Sicher nicht!”

Sie sollen wählen gehen, genau, denn die Demokratie hat ja schließlich auch die letzten zwanzig Jahre so funktioniert, dass LÖSUNGEN rechtzeitig eingebracht und umgesetzt wurden (nicht). Sie sollen sich zehn Jahre lang in Parteien kaputtschleimen, um dann wegen einer medialen Lappalie rausgemobbt zu werden. „Hätten wir schließlich auch so gemacht!“

Ja, wir sollen gefälligst nicht so unpolitisch und egoistisch sein! Wir sollen als kapitallose, hauslose Erwerbstätige in oft prekären Arbeitssituationen am besten jeden Tag ab 21 Uhr ums Aktivist*innenfeuer tanzen und überlegen, wie wir auch euch die übrigen 20 Jahre den Arsch retten.

Denn ihr? Werdet einen Teufel tun, jetzt, nachdem ihr 40 Jahre lang dem vermeintlich endlosen Wachstum zugesehen habt, das euch Häuser gab und unbeschwerte Dreißiger im Reihenhaus mit Kindern.

Wir müssen das jetzt lösen. Ihr? Geht euch in Thailand massieren.

Wir müssen schauen wie wir mit Schlechter-Witz-Gehältern unsere 900€ Mieten im Wedding oder Rudolfscrime bezahlen, die eigentlich maximal bei 400 € liegen sollten, aber auch hier sind wir Schuld, letztlich.

Denn wir sind eingezogen. Wir haben dazu „ja“ gesagt. Stattdessen hätten wir auch anderthalb Stunden Pendelei in Kauf nehmen können, um jeden Tag in die beschissene Arbeit zu fahren. Genau.

Aber natürlich sind es wir, die prozentual betrachtet wenigerhäufig-regierenden Unter-Dreißigjährigen, die jetzt im Alleingang alternative Ökonomien schaffen sollen.

Aber ohne Enteignung, bedingungslosem Grundeinkommen, fairen Erbschaftssteuern oder gewaltvoller Revolution, bitte!

Na dann schlage ich einfach mal vor, dass alle Babyboomer ab Renteneintritt freiwillig und aus kollektiver Nächstenliebe ihre harterbauten Häuser an uns Nachfolgenden abgeben, damit wir zumindest die finanzielle Stabilität haben, um uns politisch zu engagieren.

Alternative: macht doch einfach selbst!

Geht doch selbst protestierten. Ihr habt die Zeit. Ihr habt die Mittel! Fridays for Future findet ihr scheiße? Dann macht eurer eigenes Pensionisten for Future, statt im Radio darüber zu labern, was wir alles „falsch machen“! Ihr habt schon Kinder gezeugt, die Welt gesehen. Lasst euch doch wählen, man ist auch mit 75 offensichtlich nicht zu alt dafür. Gründet eure Initiativen ohne Internet. Versucht mit weniger als 1000 Follower ein MOVEMENT zu starten. Verkauft eure Autos. Fliegt nie mehr in den Urlaub. Einkaufen? Verboten. Kauft eure extra breiten Schuhe Second Hand und schneidet euch einfach selbst die Haare. Man braucht ja auch nicht viel zum Leben, also nur so eine österreichische 2500€-Beamtenrente zum Beispiel, mit der ihr dann: nichts tut. So wie die letzten 10 Jahre Sesselfurzen in Altersteilzeit zuvor, die um 15:30 mit einem Verlängerten beim Seppi im Büro endeten.

Und bitte, hört auf irgendwas davon zu labern, dass es „früher auch hart war.“ Können wir uns einfach mal auf Kosten der Umwelt austoben und dafür keine Schelte bekommen? Kann sich heute irgendein Lehrling vom Mindestlohn ein Grundstück am Wiener Stadtrand kaufen? Oder eine mittelerfolgreiche Grafikerin? Eine Wohnung für eine 4-köpfige Familie kostet aktuell um die 845.000 Euro im Berliner Stadtzentrum.

Alles, was wir tun, ist nicht genug.
Hashtag-Activism? Nicht genug. Und peinlich!
Politische Bildungsarbeit? Nicht genug. Und außerhalb der Realpolitik!
Protestieren? Aber wer geht dann in die Schule!
Fridays for Future? Viel zu moralisierend!

Ich frage mich: was habt ihr denn bitteschön getan? Wo sind die eingereichten Gesetzesanträge? Wo sind die #wasteless-Start-Ups von Ü55ern? Warum seid ihr nicht in der Politik, wenn’s so lustig ist? Warum seid ihr nicht auf der Straße?

Weil es euch gut geht, nicht uns. Weil es euch, ja leider, tatsächlich einfach furzegal sein kann, solange sich bestehende Machtstrukturen immer noch um euch als Subjekte und uns als meckernde Objekte drehen, die es zu maßregeln gilt.

Ich wünsche mir, dass jeder beleidigte Babyboomer mit einem Wisch verschwinden könnte. Dann hätten wir das Housing- und Klimaproblem gleich in einem gelöst!

Dann könnten wir tatsächlich neu starten.

Aber bis dahin? Habe ich a) keine Hoffnung und b) keine Lust mehr, mir anzuhören, was wir alles zu tun hätten.

Den Planeten retten könnt ihr gleich mal selbst.