Lieber E.!

Die schlechte Nachricht zuerst: sobald du als der lebst, der du bist und dich aus deiner bedürftigen Position befreist, wirst du erstmal einige, wenn nicht sogar viele Freunde verlieren. Das liegt nicht daran, dass du ein „schlechter Mensch“ oder nicht liebenswert genug bist, sondern daran, dass du dich emanzipiert hast – und endlich verdammt nochmal für dich selbst einstehst, statt dich weiter gedanklich kleinzureden und für die Spezifika deines Charakters zu hassen.

Während dein „früheres“ Selbst, wenn man es so benennen mag, dein Selbst vor der Realisation stets daran orientiert war, anderen zu gefallen um in soziale Kreise aufgenommen und mit „sozialer Interaktion“ versorgt zu werden, merkt dein heutiges Selbst, wenn auch vielleicht noch unbewusst, dass es den Weg der Unterwerfung und Abhängigkeit nicht länger gehen kann. Ja, du kannst scheinbar nicht mehr länger so tun, als ob.

Du kannst nicht mehr so tun, als ob L. und du eine Zukunft hättet, obwohl euch wenig verbindet, er sich nicht für dein politisches Engagement interessiert und drei Wochen braucht, um dir ein „Alles paletti, und bei dir?“ zurückzuschreiben.

Du bist dir nicht „zu gut“, du kennst lediglich deinen Wert. Du weißt, dass du ein einfühlsamer Freund bist, der sich Gedanken macht, was die oder der andere fühlt, aber das heißt nicht, dass andere dieselben Qualitäten mit in die Beziehung bringen. Das kannst du wahrnehmen, sogar akzeptieren – oder weiterziehen.

Nicht jeder Mensch ist wie du.

Manche Menschen wissen gar nicht erst, wie man in Kontakt bleibt. Andere warten immer darauf, bis du auf sie zukommst. Andere sagen jedes Treffen eine Stunde vorher ab und erwarten, dass sie dich dann nächste Woche „auf einen Kaffee treffen“. Andere versuchen dir Dinge über dich selbst einzureden, weil sie unzufrieden mit ihrem eigenen Dasein sind und sich an jemand Nahestehendem abarbeiten müssen.

Sobald du weißt, was du möchtest, kannst du entscheiden. Möchtest du mit jemandem befreundet bleiben, für den du nur eine Option bist? Und falls ja, wie eng soll der Kontakt dann sein? Kannst du dich abgrenzen, und trotzdem im Dunstkreis anderer bleiben, ohne verletzt zu werden? Gibst du anderen einen höheren Stellenwert in deinem Leben als umgekehrt?

Keine Beziehung ist gleichberechtigt.
Trotzdem: Cut that shit.

Ich weiß, es wird oft von uns erwartet, dass wir andere educaten und Nachsicht haben. Als ob wir nicht jahrelang Arbeit ins uns gestekct hätten, um jetzt da zu sein, wo wir sind – emotional, psychisch, intellektuell. Sich nicht um das Verhalten jeder Person einzeln zu kümmern, ist keine Ignoranz, es ist notwendige Abgrenzung um irgendwie in dieser Welt leben zu können.

Während dein „früheres“ Selbst darauf gepolt war, Beziehungen um jeden Preis aufrechtzuerhalten und Menschen Freundinnen zu nennen, die dir wenig bis nichts zurückgegeben haben, ist dein heutiges Selbst davor ein Stück weit gefeit.

Du siehst, wenn es kippt.

Du gibst nicht mehr so viel, du überanstrengst dich nicht. Hast Energien für dich übrig. Du bondest „plötzlich“ nicht mehr mit jedem und jeder, und fragst dich vielleicht, was „falsch“ mit dir ist.

Die Antwort: gar nichts. Dass du weniger Freunde hast als früher, ist ein gutes Zeichen. Du hast so viel an dir gearbeitet, hast die rosarote Brille abgenommen und siehst Menschen erst jetzt als das, was sie sind, während du ihr missgünstiges, aggressives oder schlicht gemeines Verhalten früher unter Qualen, Selbsthass und persönlicher Unsicherheit geduldet hast.

Ich möchte nicht lügen. Sobald diese Menschen also nach und nach aus deinem Leben verschwinden, lieber E., wird es dir erstmal schlechter gehen. Du wirst Angst haben, dass du „übrig bleibst“, du wirst dich fragen, was du anders hättest machen können, und ja, du wirst auch einige Punkte finden, die dich an dir stören. Nur ist es ein Unterschied, ob du diese Dinge selbst an dir bekrittelst und verändern möchtest, oder ob sie andere an dir bekritteln, um sich über dich zu stellen und Macht auszuüben.

Schade, dass wir in unserer über ein Jahrzehnt dauernden Ausbildung zu „ordentlichen Bürgern und Bürgerinnen“ nie gelernt haben, Grenzen zu erkennen und zu ziehen. Erst in mühseliger Kleinstarbeit kommen Individuen nach und nach zu der Erkenntnis, wie du sie schon in deiner Nachricht formuliert hast.

Je mehr du dich selbst kennst, je mehr du dich auch als der akzeptiert hast, der du bist, umso weniger wird dich die Zurückweisung anderer treffen. Wenn du die Deutungshoheit hast, wirst du sie nicht anderen geben. Je mehr du weißt, was du möchtest, desto weniger wirst du akzeptieren – in deinen Augen – schlecht behandelt zu werden.
Warum glauben wir auch, dass Freundschaft leicht kommt? Man denke nur an das Büro, in dem man seine Zeit absitzt, und die Menschen, die einem dort begegnen. Mit wie vielen von ihnen würden wir unsere Freizeit verbringen wollen? Einer Person, maximal zwei. Manchmal auch mit: keiner.

Also sei nicht traurig. Lass alles los, und schau, was oder wer bleibt. Geh an die Thematik ran wie an ein Bewerbungsgespräch: unter X.YYY Betrag fängst du gar nicht erst an.

Und alles, was drunter liegt, wird eiskalt abgesagt.

Erst danach, lieber E., können die Menschen kommen, die zu dir passen. Erst danach bist du wirklich frei.