Eine To-Do-Liste für die Ämter, eine To-Do-Liste für den Steuerberater, eine To-Do-Liste für die Renovierung, eine To-Do-Liste für kleinere Aufgaben, die die Familie übernehmen kann – und eine To-Do-Liste für ihren Mann Alex, den Melanie zur Eröffnung ihres Yoga-Studios in Schwäbisch Hall Anfang 2019 selbstverständlich eingespannt hat.

„Es war unheimlich stressig, an alle Eventualitäten zu denken und nicht wie in einer Festanstellung darauf zu warten, dass dir jemand sagt, was gemacht werden muss“, sagt Melanie zum Ausnahmezustand Existenzgründung. „Ich musste lernen, zu delegieren.“ Auch, wenn die finalen Entscheidungen bei ihr alleine lagen. Fast wäre der Traum ihres eigenen Studios an den Räumlichkeiten gescheitert.

„Ich habe eigentlich mit einer Freundin eine Location gesucht, die ist dann aber kurz vorher abgesprungen. Obwohl der Raum allen Kriterien entsprach, hatte ich Angst, ihn mir trotz Entgegenkommen der Vermieterin nicht leisten zu können. Dieses Projekt alleine nicht stemmen zu können.“ Zur finalen Besichtigung nahm Melanie schließlich ihren Mann Alex mit. „Das ist dein Raum. Der liegt perfekt, der hat die perfekte Größe, er ist wunderschön. Mach das!“, war seine Antwort.

Melanie unterschrieb den Mietvertrag.

Fotos: privat

Seit 2011 unterstützt Alex seine Frau vorbehaltslos in allen Ideen. Seine emotionale Arbeit umfasst dabei das Beruhigen vor wichtigen Terminen mit dem Denkmalschutz- oder Gewerbeaufsichtsamt, aber auch das Leisten von Zuspruch, wenn kurz vor der Eröffnung doch noch Muffensausen einsetzt. Aufgaben, die traditionell eher Frauen zugeschrieben werden. Melanie weiß das zu schätzen. „Er hat mir immer wieder gesagt, dass ich schon Schüler habe, die Fans sind und auch weiterhin kommen werden. Darüber zu reden, hilft mir total, wenn ich wieder anfange Panik zu schieben.“

Als ruhiger Charakter fragt Alex seine Frau dann, wo das Problem eigentlich liege, bevor Melanie diese selbst erörtert und so zu einer Lösung kommt.

Die Leute sind überzeugt von dir, du bist authentisch und deshalb ein Publikumsmagnet!

Alex zu Melanie

Von Männern, die ihre Frauen mit Sprüchen wie „Du wirst es nie schaffen!“ oder „Wer soll denn den Scheiß kaufen?“ kleinmachen, liest man immer wieder. Besonders dann, wenn ihre berühmten Ex-Freundinnen wie Lady Gaga oder Kesha darüber sprechen. Melanie findet es schade, wenn Partner nicht an die Talente ihrer Freundinnen glauben.

„Dann ist er auch einfach nicht der Richtige!“, sagt sie. Ihr Mann hat für sie renoviert, ist zu IKEA gefahren, um Regale zu kaufen und geht auch mal ins Studio, um staubzusaugen oder zu wischen. Bei der Eröffnung hat er Sekt eingeschenkt und sich um die Gäste gekümmert.

Nicht etwa, weil er als Justizvollzugsbeamter mit einem reichen Leben und zahlreichen Hobbies nichts Besseres zu tun hätte, sondern, ­­– so Melanie – weil er von Kindheitstagen von seiner Mutter vermittelt bekommen hat, nicht nur um sich selbst zu kreisen und das Ego manchmal hintenanzustellen. Alex hat nicht das Gefühl, Melanie würde ihm die Show stehlen – oder spontan mit einem Yoga-Lehrer durchbrennen, den sie in Indien kennenlernte.

„In den Köpfen der Menschen herrscht schon ein diffuses Bild“, sagt Melanie. „Manche haben echt geglaubt, ich würde mich in eine andere Frau verlieben, nie wieder zurückkommen und fortan nur noch über Chakras reden. Und der Alex hat nur gesagt: Wenn du glaubst, dass du nach Indien musst, dann mach’s!“

Er ist sich meiner sicher, und ich bin mir seiner sicher.

Melanie über Alex

Blöde Sprüche gab es natürlich trotzdem – schließlich leben die beiden nicht in einem hippen Ballungszentrum, sondern in einer 37.000-Einwohner-Stadt in Baden-Württemberg. Regelmäßig fliegt Melanie zu Fortbildungen ins Ausland.

„Ah, ist die Melanie schon wieder alleine weg?“, „Bleibst du schon wieder alleine zuhause?“ oder „Ah, darf der Alex diesmal mit in den Urlaub?“ sind einige der passiv aggressiven Nachfragen, die das unkonventionelle Paar inzwischen nur noch müde weglächelt. „Wir haben eine Zeit lang gegen blöde Sprüche angekämpft, aber mittlerweile habe ich mir ein Fell wachsen lassen und meine Standard-Antworten parat, damit die Leute sich mal wieder selbst zuhören.“


Fotos: Privat

Als selbstständige Frau und Yoga-Lehrerin mit Größe 46, so Melanie, kämpfe sie dauerhaft gegen Konventionen. Das Problem sei auch, dass sich Menschen gerne ein Urteil über Yoga-Praktizierende bilden, ohne sich je tatsächlich damit befasst zu haben.

„Die glauben dann, dass Menschen schlank und gelenkig sein müssen, um Yoga zu machen, aber das ist ein Irrglaube. Yoga kann wirklich jeder Mensch machen. Nicht nur das Melaniechen, das sich selbst verwirklichen muss.“

Tatsächlich waren es vielmehr die geregelten Berufe als Erzieherin und die Büro-Existenz als Veranstaltungskauffrau, die Melanie 2011 nicht mehr glücklich machten und in ein Burn-Out schlittern ließen. In dieser Zeit lernte sie auch ihren heutigen Ehemann Alex online kennen, mit dem sie seit 2012 zusammenlebt. „Ganz lange haben wir nur geschrieben, mir war das sehr recht. Irgendwann wollte mich Alex dann aber doch sehen. Danach ging es recht schnell.“ Melanie lacht.

Der Umzug nach Schwäbisch Hall war also nicht ganz geplant. Aber mal ehrlich: was ist das schon im Leben? Während viele Paare nichts mit dem Hobby des jeweils anderen anfangen können, gab sich Alex von Beginn an Mühe – obwohl er laut Melanie ein absoluter Körper-Klaus ist. „Wenn du sagst: streckt deine Ellbogen, dann hebt er die Schultern zu den Ohren.“

Die ersten Wochen im Studio liefen gut, die To-Do-Listen werden nach und nach kürzer. Inzwischen hat sich Alex an die Neo-Selbstständigkeit seiner Frau gewöhnt. Ab und an erstattet er dem Studio seiner Frau einen Besuch ab. „Alex hat definitiv Phasen, in denen er sich selbst in meine Kurse einträgt, ja. Er erzählt auch gerne Menschen von meinem Studio und er trägt auch T-Shirts mit meinem Logo im Park. Wenn ich jemanden zum Vorzeigen der Partner-Yoga-Übungen brauche, hilft er mir dabei.“

Das schätzen inzwischen auch die Kursbesucherinnen, die Alex bei schwierigeren Übungen mit einem Haltegriff unterstützt. Auch, wenn es für Fremde anders aussehen mag: Sein eigenes Leben vernachlässigt Alex deshalb noch lange nicht. Er geht weiterhin gerne wandern oder mit Freunden Fahrradfahren. Mit oder ohne erfolgreicher Frau.

Ob sich Melanie heute, – acht Jahre nach ihrer ersten Begegnung mit Alex – wieder in einen Mann mit Festanstellung verlieben könnte? „Wenn ich nicht schon mein Gegenstück gefunden hätte, ständen heute sicher andere Aspekte eines Mannes im Vordergrund“.

Vielleicht passt die Kombination Freiberuflerin und Beamter auf Lebenszeit deshalb so gut, weil zumindest einer ein geregeltes Einkommens auf Dauer garantieren kann, und somit nicht nur emotionale, sondern auch ökonomische Sicherheit bietet. Reißen alle Stricke, wäre Alex weiter für seine Melanie da und umgekehrt.

Der Rest, Schicksal hin oder her, ist strategisch lenkbarer Zufall. Und sicherlich auch eine Frage des Charakters.

Tipps von Melanie

  1. Netzwerken

Such dir andere Frauen, die sich in deinem Umfeld selbstständig gemacht haben und gut in dem sind, was sie machen. Erkundige dich vorher, was passieren kann, was passieren wird. Du wirst nicht alles abdecken können, aber gute Vorbereitung ist die halbe Miete

  1. Sei mutig!

Versinke auch mal kurz im Chaos, krieg Panik und dann strukturiere die Gedanken wieder

  1. Hör nicht auf zu daten!

Ich bin ja der festen Überzeugung, dass Beziehungen erst wirklich funktionieren können, wenn man mit sich selbst klarkommt. Deswegen würde ich auch nicht aufhören, zu daten. Klar: Es nimmt Zeit in Anspruch, aber nicht 24 Stunden am Tag. Warum sollte man nicht sein Leben leben? Gerade, weil man als Selbstständige nicht der Knecht von jemand anders ist, muss man aufpassen, nicht sein eigener zu werden.