Es hat schon fast Tradition, dass ich mir am Ende des Jahres nochmal kritisch ansehe, welche geistigen Ausdünstungen ich dieses Mal mehr oder weniger ungefiltert in die Umwelt ausgestoßen habe. Meist frage ich mich beim Zusammenkopieren dieselben drei Dinge: Hätte ich den Text heute genauso geschrieben? War das wirklich notwendig/relevant? Und: hat’s etwas gebracht? Vor allem Letzteres bekommt man als außenstehende Leserin meist ja gar nicht mit.

Weil es aber doch die eine oder andere gute Geschichte gibt, die hinterher quasi als Backstory entstanden ist, habe ich die einzelnen Textabschnitte von einer Sprecherin aufnehmen lassen und sie persönlich-anekdotisch kommentiert. Nachzuhören wird es die Folge im Podcast geben, der im Januar 2019 startet.

Wer jetzt schon die ganzen Texte lesen möchte: bittesehr.

1. „Wie ich in Berlin nach freundlichen Frauenärzt*innen suchte – und scheiterte“

März 2018. Die Praxis sieht schöner aus als die letzte. Sie befindet sich in Mitte Downtown. Weiße Frauen mit Kinderwagen sitzen im Wartezimmer und sehen so glücklich aus, wie man sein kann, wenn man den Vormittag hier verbringen muss. Die Sprechstundenhilfe gibt mir allerlei Formulare, die ich brav ausfülle. Ich kreuze alle Felder mit „Nein“ an und gebe ihr den Bogen zurück. Kurz danach ruft sie mich wieder auf – ich hatte die Rückseite vergessen. Fällt es nur mir auf oder rollt sie mit den Augen? Auch hier gibt es keine freundliche Begrüßung. Ich bin als Frau egal.

Als ich nach einer halben Stunde ins Zimmer der Ärztin gerufen werde, gibt sie mir nicht die Hand. Sie sagt „Guten Tag“, ohne meinen Namen zu nennen und zwingt sich zu einem klitzekleinen Mundwinkelheben. Lächeln muss nicht sein. Ungemütlich ist es trotzdem.

Als Erstes legt sie mir einen A4-Zettel mit allen möglichen Tests hin, die ich hier und heute machen könnte, ohne sich auch nur einen Deut für meine Krankheitsgeschichte zu interessieren. Hinter jedem Test steht, wie viel er kostet. Ich schaue die Ärztin fragend an, sie zeigt keine Regung. Ich vermisse meine Gynäkologin in Wien. Ich könne diese Tests machen, wenn ich möchte. Keine Empfehlung. Nichts, das speziell zu mir passen würde. Kein Kommentar – auch nicht zu meiner Krankenakte.

2. Wenn ich noch einen alten Kerl mit einer jungen Frau vögeln sehe …

Wir leben im Jahr 2018 – und ich habe langsam keine Lust mehr, mir die vergangenheitsgetränkten Sexfantasien von Drehbuchautoren wie beispielsweise Andrew Niccol («Anon») zu geben, die die Menschheit schon viel zu lange mit falschen Vorstellungen der Wirklichkeit infiltrieren.

Die Altersunterschiede auf den Screens sind teilweise absurd. Die Frau, für die Doctor Fosters Ehemann seine langjährige Partnerin verlässt, ist 21. Einundfuckingzwanzig.

Lieben wie diese mögen in der Realität zwar vereinzelt vorkommen. Aber bei Weitem nicht so oft und nicht so selbstverständlich, wie ich das schon in Serien erlebt habe, wohingegen genderverkehrte Fälle von älteren Frauen, die 21-jährige Kerle lieben, quasi non-existent sind. Also, abseits von Melissa Broders neuem Roman.

In Mainstream-Serien, da scheint es das natürlichste der Welt, dass sich schöne Twenty-Somethings zu habgierigen, distanzierten A-löchern hingezogen fühlen, die …

a) pleite
b) kriminell
c) vergeben

… oder d) gleich alles zusammen sind, während jede Frau ihrer Freundin in der Realität von solchen romantischen Vorhaben abraten würde.

3. Destination Namaste: über die Faszination Laura Melina Seiler

Es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich selbst verstanden habe, was mir neben den geklauten und für 25 € auf Amazon angebotenen Kalendersprüchen wie „Verliebe dich ins Leben“ und ihrem latenten Rassismus aufstößt. Es ist nicht nur die widerstandslos reproduzierte Wellness-Ideologie, sondern auch die Gier danach, psychisch kranke und verzweifelte Menschen in zahlende Kunden zu verwandeln. Und zwar zu welchen, denen es nicht so bald besser gehen wird, denn wenn es ihnen besser gehen würde, wären sie keine Konsumentinnen mehr.

Sie würden sich nicht das zweite Buch kaufen („Schön, dass es dich gibt“), das im Grunde dasselbe aussagt wie das erste („Mögest du glücklich sein“ – auch hier das Wording straight outta hell, sorry, heaven) und verstehen, dass auch die ständige Optimierung des Innersten eines ist: Optimierung und Victim-Blaming.

4. Edition Digital Boundaries: Über die Distanz zwischen dem wahren Ich und der öffentlichen Persona

Im letzten Jahr ist es mir zum ersten Mal passiert, dass ich auf der Straße erkannt wurde. Einmal war ich gerade dabei, meinen Weg auf Google Maps zu finden, als eine junge Studentin (hello, Zielgruppe) auf mich zukam und fragte: „Bianca? Bist du es?“ Kurz dachte ich, mir sei der Name einer Person entfallen, die ich auf einer Party kennenlernte, aber es handelte sich dieses Mal nicht um den Irrtum meines Gehirns. Die Frau kannte mich von Instagram, und hatte heute Morgen meine Story gesehen.

Wer öffentlich erkannt wird, und sei es noch so selten, verkommt schnell zur entpersonifizierten Projektionsfläche für allerlei Gefühle. Seien sie negativ, oder positiv. Wer sich 2018 über fehlende Authentizität bei Prominenten wundert, muss nur daran denken, wie diese von der Presse behandelt und auf sozialen Netzwerken verrissen werden. Der Shitstorm, die gemeine E-Mail ist eine permanente Variable, ein Nichtgefallen aus welchen Gründen auch immer.

Nun leben wir nicht mehr im Zeitalter der ausschließlich gedruckten und linear empfangbaren Massenmedien, sondern haben von Kevin Systrom das Geschenk Instagram erhalten, mittels dem wir uns unseren Vorbildern oder Hassobjekten ganz, ganz nahe fühlen können. Und genau hier liegt das Problem: Für mich bin ich immer noch ich. Ich bin immer noch die gleiche unfrisierte Person, die abends am Fenster pufft und ihre beste Freundin beim morgendlichen Kakao anruft.

Ich bin mehr als Insta, aber nur für wenige. Und das soll so bleiben. Alles andere ist Selbstausbeutung, no hard feelings.

Ich habe ein Leben. Eine Familie. Eine Beziehung. Prioritäten. Ich möchte nicht noch mehr mit dem Account und dem Buch in Verbindung gebracht und verwechselt werden, das ich erschaffen habe. Ich möchte die Freunde treffen, die ich habe, und nicht zig aufeinanderfolgende, lose Verbindungen herstellen, denen ich nicht gerecht werden kann.

5. Wenn jetsettende Influencer plötzlich ihre Liebe zur Umwelt entdecken

Reisen, das macht frei im Kopf und erweitert den Horizont. Reisen, das gehört zu einem fancy Lifestyle eben dazu, den man verkaufen muss. Auf wessen Kosten auch immer. Und außerdem tun sie ja schon so viel für ihre, pardon, unsere Umwelt. Sie fahren – im besten Fall – kein Auto, sie ernähren sich vegan, sie tragen kein Leder und sammeln Plastik am Strand von Bali ein.

Da wird bis ans andere Ende der Welt geflogen, um dort für 50 Minuten aufzuräumen “#beachcleanup” und sein schlechtes Gewissen via Insta-Post zu beruhigen “#healing”.

Was man selbst dazu beiträgt, dass der Klimawandel voranschreitet? Geschenkt. Ja, immerhin hat man doch etwas getan! “Besser als gar nichts”, rufen jetzt die Beleidigten an den Stränden von Phuket, Kuta, Armação dos Búzios oder Thinadhoo. “Besser, als so weiterzumachen wie bisher.”

Ich finde: Es wird größtenteils so weitergemacht wie bisher, nur mit neuen, PR-gerechten Verschleierungstechniken, die der Umwelt so gut helfen wie Vaseline gegen Sonnenbrand.

6. Alzheimer: Wie ein Betrunkener, der nicht nach Hause findet

Ich stehe auf von meinem MacBook und gehe zum Waschbecken, wo mein Dedko in gekrümmter Haltung auf mich wartet. Keine Ahnung, was er schon wieder ausspucken möchte, das letzte Essen ist zwei Stunden her. Er kann sich nicht mehr orientieren und weiss deshalb nicht, dass sich der Mistkübel direkt vor ihm befindet. Ich hole ihn raus, halte ihn unter sein Kinn und merke:
Der Mann, den ich einmal kannte, der jetzt gerade in den vor seinen Oberkörper gehaltenen Mistkübel spuckt, er existiert nicht mehr.

Ich muss Dedko ansagen, was er tun soll, wenn ich ihn nicht mitten im Raum warten lassen möchte. «Komm, setz dich doch hier hin zu mir», sage ich ihm. Er gehorcht. Ich habe das Sagen. Ein falsches, unangenehmes Gefühl.

7. Darf’s noch ein bisschen Macht sein? Wenn vom #Girlboss nichts übrig bleibt außer Ernüchterung

Sonja Eismann hat etwas Kluges im Missy-Magazine geschrieben. Macht würde zwar im Zuge der #MeToo-Debatten thematisiert werden, aber nur im Hinblick darauf, wie Frauen sich vor zu viel Macht schützen oder sich selbst mehr von dieser verschaffen könnten. Sie schreibt: „Ich glaube nicht, dass wir es mit einer Neu- oder Umverteilung lösen können, im Sinne von „Wir brauchen mehr Frauen in Machtpositionen“ oder „Wir müssen nur alle Schwachen empowern“. Denn: Macht funktioniert nur dann als solche, wenn es auch Machtlose gibt.“

Das, was die Autorin mutig beschreibt, ist genau jener Aspekt, der auch mir in der aktuellen Debatte rund um #femaleempowerment fehlt. Selbst, wenn mich daran etwas anderes triggert.
Frauen, die sind heute für den Spätkapitalismus wie ADAC-Engel in frecheren Posen, die ihn stürzen, oder zumindest verändern sollen und uns allen ein schöneres Arbeitsleben gestalten werden. Automatisch.

8. Warum muss jedes Hobby plötzlich zum Beruf werden?

Das Slash-Careering revolutioniert gerade Deutschland: Fast drei Millionen Menschen haben einen Zweit-Job, und nicht immer ist die blanke finanzielle Not die Motivation.

Und so lese ich kürzlich auch im Emotion Magazin: «Eine Englischlehrerin kann in ihrer Freizeit als Yoga-Lehrerin arbeiten.» Gut ausgebildete Frauen, die sich dafür entscheiden, würden diesen Schritt nutzen, um Dinge zu tun, die Spass machen, sinnstiftend sind und der eigenen Persönlichkeit beziehungsweise den eigenen Fähigkeiten entsprechen.

Sinn also. Aha.

Die Zeiten, in denen man also einfach so zum Sprachkurs ging oder im Garten Blumen fotografierte – längst passé. Jedes neu angefangene Hobby muss sofort einen höheren Sinn ergeben, und wenn wir schon nach Australien ziehen, soll zumindest ein spannender Travel- und Schnorchel-Blog dabei rauskommen.