Ich habe lange überlegt, warum mich die Auftritte, die Fotos, die Podcasts von Laura Seiler so stark abstoßen. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass es nicht nur die glatte und damit leblose Ästhetik ist, die Künstlichkeit und die extreme Selbstinszenierung. Für mich ist es in erster Linie das Heilsversprechen. Das ist ein Verstoß gegen den Ehrenkodex jedes professionellen Coaches. Caching hat ja nichts mit Tschakka-tschakka-Massenauftritten zu tun, sondern mit dem Betrachten der ganz eigenen Lebenssituation und der eigenen Möglichkeiten aber auch der Grenzen der Menschen, die auf Suche nach Unterstützung sind. Und Du hast aus meiner Sicht Recht, Michelle, dass Menschen ja aus einem bestimmten Grund zu solchen Massenveranstaltungen gehen, solche Podcasts hören. Es sind in der Mehrzahl Menschen, die aus welchem Grund auch immer, an die Grenzen ihrer Selbstregulation gekommen sind, die den völlig natürlichen Wechsel von Freude und Trauer, Erfolg und Misserfolg, Zufriedenheit und Zweifel … – alles das, was zum Leben dazugehört und uns weiterbringt – nicht mehr alleine in der ständig wieder herzustellenden Balance halten können, sondern sich eher auf der weniger freudvollen, “dunkleren” Seite des Lebens aufhalten als gut tut. Ich kenne das selbst sehr gut und war jahrelang auch solch eine Suchende. Aber wenn die eigenen Begrenzungen, wieder in Balance zu kommen aus Lebenssituationen herrühren, die Du erlebt hast, Celsy oder wie bei mir aus einer Kindheit mit einer psychisch nicht belastbaren, da selbst traumatisierten Mutter, dann kann man sie nicht weglächeln, wegmeditieren oder sich nur einen anderen Blick darauf erarbeiten, wenn man nach einer stabilen Lösung sucht. Da stimme ich Dir voll zu, Michelle. Zu behaupten, dass man sich auf diesem Weg nachhaltig (!!!) mit seinen Schattenseiten auseinandersetzen kann, ist gefährlich für stark depressive, neurotische oder gar psychotische Menschen und es zynisch gegenüber Menschen, die tiefes Leid erlebt haben und noch erleben. Und ja, ich hab es auch erlebt bei mir, bei Freund*innen, Kolleg*innen, wie quälend die Schuldgefühle sein können, wenn man zu den wenigen gehört, die es nicht schaffen auf diesem allgemeingültigen Weg! Ich glaube allen Menschen, die jubelnd von einem völligen Wandel ihres Lebens berichten durch die Begegnung mit Laura Seiler. Ich wünsche allen auch ehrlichen Herzens, dass es für sie nachhaltig ist. Bei den Menschen, die ich in meinem unmittelbaren Umfeld als ihre Fans erlebe, stelle ich eher beunruhigende Entwicklungstendenzen fest, die sehr stark mit Vermeidung (unangenehmer Lebenssituationen, Menschen etc.), mit Abwertung (von Menschen, die nicht immer lächeln, die keine durchgestylten Wohnungen und Outfits haben), mit Perfektionismus und Leistungsdruck im Meditieren, in Yoga und Zielformulierungen, ja sogar bei den Dankbarkeitsübungen zu tun haben.
Melina, ich habe lange über Deinen Satz mit dem “maximalen Unglücksszenario” nachgedacht. Das ist eine interessante Formulierung, die ich auch aus meinen Zeiten kenne, als ich noch Fan von Robert Betz war. Er vertritt ja die Theorie, dass wir alle unser Schicksal vollständig selber bestimmen, ähnlich Laura Seiler (bzw. Laura Seiler ähnlich ihm und vielen vielen anderen). Das fand ich hilfreich bei den Beispielen, dass ich selber in der Hand habe, ob ich über meine Chefin, meine Schwägerin, meine Stiefmutter schimpfe oder aus dem Umgang mit ihnen für mich lerne. Aber diese Theorie hat, wenn man sie konsequent denkt auch eine Kehrseite: R. Betz vertritt die Ansicht, dass wir das Unglück, das uns wiederfährt, in früheren Leben verursacht haben oder es selber als noch zu bewältigende Lernchance in unser Leben einladen. Ich habe Vorträge gehört, wo er das für den Krebs von Kindern, für Missbrauchsopfer, für Kriegsflüchtlinge etc. als gültig bejaht hat. Sie sind „selber schuld“! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen und wenn man es nicht selber erleiden musste wie Celsy, sich dann wenigsten mal versuchen ansatzweise einzufühlen, um zu spüren, welcher Zynismus dahinter steckt.
Gilt eine Methode, Theorie, Vorgehensweise denn mal ja und mal nicht? Verliert sie ihre Gültigkeit bei „maximalen Unglückszenarien“ und bei weniger schweren funktioniert sie? Wer legt dann fest, wo die Grenze ist? Jeder persönlich? Was sagt das dann über die Gültigkeit einer Theorie oder Methode? Ich schreibe das nicht ironisch sondern als ehrlich gemeinte Fragen, weil alle „spirituellen“ Lehrer, die diese Theorie der „Allmacht des Menschen als Schöpfer des eigenen Schicksals“ vor dem Dilemma stehen, dass sie leidenden Menschen erklären müssen, dass sie „selber schuld“ sind.
Und als letzte Anmerkung: für mich haben Selbstinszenierung und Eitelkeit (nur ein Indikator von vielen: die Fülle der eigenen Fotos auf der Website) nichts, aber auch gar nichts mit Spiritualität zu tun. Spiritualität soll nicht das Ego des Menschen stärken, ihn zu einem einsam meditierenden Perfektionisten machen sondern in transzendieren. Ein wirklich spiritueller Lehrer, von dem wir alle lernen können, ist demütig, tritt als Person hinter seine Lehre zurück, beeindruckt durch das, was er mitzuteilen hat und schon gar nicht durch sein Äußeres.