No comments
3. Oktober 2018
Share:

Neulich, als ich aus Interesse mal wieder heimlich twitter gelesen und dabei den Kopf geschüttelt habe wie zu meinen besten Zeiten als Rammstein-Konzertbesucherin, ist mir eine Sache aufgefallen.

Journalistin ist in Österreich/Deutschland/Schweiz nur jemand, der sich wochenlang in gefährlichen Banden einschleust und dafür eine andere Persönlichkeit annimmt. Jemand, der sorgfältig unter Verschluss der Öffentlichkeit recherchiert und Fakten einsammelt, die er dann in komplizierten Sätzen verschwurbelt, bis ihm/ihr nur noch wenige Bildungsbürger folgen und hinterher auf die Schulter klopfen oder Preise für sein „unfassbares Engagement für die Gesellschaft“ verleihen können. Die Profilfotos der Träger und Trägerinnen sind meist erstaunlich konservativ, gerne Hemd und Blazer, man könnte sie so auch 1:1 auf der Landing-Page einer Bank vorfinden.

___STEADY_PAYWALL___

Das, sagt dann das Feuilleton oder irgendwelche 30-unter-30-Listen, sind die „wirklichen“ Journos, die wahren Nachwuchsstars, während jene, die sich mit Popkultur wie Film, Musik oder interdisziplinärem und kulturellem Diskurs (schau, wie schlau ich klingen kann!), ja, manchmal auch mit Klatsch und Tratsch zwischen Promis beschäftigen, als trashiger Wildwuchs gelten, der mal besser ein gscheites Volo in einer renommierten Redaktion gemacht, statt einen – zum Beispiel – Nischenblog gegründet hätte.

Während in den UK und US Magazine wie Jezebel, Rookie, Teen Vogue, Buffler oder Vulture Kult und Sendungen wie Wendy Williams eine große Fangemeinde anziehen und deren Inhaberinnen oder Chefinnen als respektable Instanzen handeln, gibt es bei uns Zapp: das Medienmagazin, in dem zwar relevante Nachrichten über die Medien-Branche gezeigt, dabei aber so visuell und sprachlich zeitgemäß präsentiert werden wie Kartoffelsuppe mit Lauch: gar nicht. Exklusiv Weekend scheint auch nicht grad die Alternative, wenn man sich nicht für den schwedischen Adelsnachwuchs interessiert.

Ich finde es schade, dass es Blogs wie popculturediedin2009 in der DACH-Region gar nicht erst schaffen, richtig groß zu werden. Dass man nur dann „ernstgenommen“ wird, wenn man für einen Artikel fünf Leute interviewt hat, weil es irgendeine Journo-Bibel vor 20 Jahren festgelegt hat. Der modernitätsverweigernde deutschsprachige Einheitsbrei an Medienangeboten kotzt mich an, und wer jetzt meint, die „Jugendseiten“ seien doch eine gelungene Alternative, sollte noch dringend meinen Artikel „Was nach einem Jahr im Onlinejournalismus übrig bleibt“ auf The Gap nachholen.

Sadfuct: Entweder, du bist seriös, oder du bist und bleibst Amateurin. Selbst, wenn es nicht deinen Interessen entspricht, jeden Tag DPA-Meldungen umzuschreiben oder zu kommentieren. Um ernstgenommen zu werden, muss das Innenpolitische, Aktuelle, und nicht die vermeintlichen Nichtigkeiten des menschlichen Erlebens Zentrum des täglichen Schreibens sein.

Wo sind die guten Unterhaltungs-Shows und der Reward dafür? Die deutschsprachigen Ableger von Podcasts wie “Stuff Mom did not tell you”, “Rants and Randomness” oder “DirtTalk”, bei denen man vor Lachen pinkeln muss? Die deutschsprachigen Amy Schumers, Roxane Gays, Elaine Welteroths, Tavi Gevinsons, die nicht nur staubtrocken über ü50-Schauspieler informieren, sondern so richtig Pfeffer im Arsch und einen scharfen Blick aufs Innen und Außen haben?

Und ich möchte jetzt als Antwort bitte nicht Böhmermann hören.

You Might Also Like

by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close