Auch wenn ich berufsbedingt kaum noch in der Lage bin, mir den Schwachsinn das durchzulesen, was Menschen im Internet von sich geben, bin ich diesen Monat auf einige Perlen gestoßen, die es tatsächlich wert waren, geklickt zu werden.

Ich fange von vorne an.

Im Juli habe ich mich darüber geärgert, wie leichtherzig Brands (wie H&M) und bekannte Modeblogs plötzlich das Label “Feminismus” für sich claimen. Wissen anderer kopieren und so für ihre kommerziellen Interessen nutzen. In “Woanders kämpfen” fasst Nina Scholz das Problem nochmal in Argumenten zusammen, die wasserdicht sind. Ich verbeuge mich vor dieser exzellent artikulierten Rezension, die Geschichte mit aktueller Popkultur verbindet.

Es gäbe viele Gründe sich als Feministin zu freuen, mal durchzuatmen, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, zu sagen: es wurde viel erreicht. Nur: All das hinterlässt einen schalen Beigeschmack. (…) Heute ist „Empowerment“ einfach nur noch ein Sammelbegriff, der alles bedeuten kann. Mit dem Begriff lässt sich heute alles an Frauen verkaufen: High Heels. Flache Schuhe. Schönheitsoperation. Falten. Kinder bekommen.

Bleiben wir doch kurz “beim Feminismus”. Es gibt eine neue Community-Plattform namens Trust The Girls, angeführt von Melodie Michelberger, auf der ihr vorbeischauen solltet. In “It’s not about you” beschreibt die Autorin, was es bedeutet, gemeinsam zu kämpfen. Warum es wichtig ist, Frauen zuzuhören – und nicht sofort in eine “Aber nicht alle Männer”-Haltung zu verfallen, die jede aufkommende Debatte bereits im Keim erstickt.

Er lacht wieder und sagt: „Ach come on, jetzt fühle ICH mich direkt schlecht, weil ich auch einen Penis habe!“ Ich frage ihn, ob er schon einmal sexualisierte Übergriffe in seinem Umfeld erlebt hat, er verneint. Ich frage ihn ob er schon einmal mit Frauen (oder Männern) gesprochen hat, die Opfer sexualisierter Belästigung geworden sind, er verneint.

Wer sich mit Netzfeminismus beschäftigt, kommt aktuell nicht an Suzie Grime vorbei. Die 24-Jährige hat jetzt ein 30-minütiges Video hochgeladen, in dem sie mit verschiedenen Youtubern und anderen Internetpersönlichkeiten die Frage beantwortet, ob wir Feminismus 2016 überhaupt noch brauchen. (Die Antwort: Ja, verdammt.)

Wechseln wir zu einem schöneren Thema. Wie wär’s mit Karriere? Vielleicht hat der eine oder andere schon mitbekommen, dass ich meinen Job bei Bento (aus Gründen) an den Nagel hänge. Genauso wie Linda Rachel halte ich nichts von antrainiertem Respekt vor Obrigkeiten.

Ich respektiere jeden auf Anhieb gleich viel oder wenig, das mache ich nicht an einer Visitenkarte, dem Jahresgehalt oder Alter fest. Mein Respekt im Berufsumfeld, im besten Fall auch Ehrfurcht, steht und fällt mir dem Vorhanden- oder Nichtvorhandensein von Moral, Sozialkompetenz und Können. Leider sind es oftmals ebendiese Vorgesetzten und CESchießmichtots, die weder über das Eine, noch das Andere, geschweige denn Letztgenanntes verfügen.

Word. Der Text “Dann kündige ich halt” ist bei Mit Vergnügen erschienen, einer im Übrigen sehr zu empfehlenden Plattform und Redaktion – mit dem emphatischsten Chefredakteur, den man sich vorstellen kann. Aktuell gibt es sogar eine Teilzeitstelle in Hamburg zu vergeben.

Wo ihr sonst noch vorbeischauen solltet? Beim Magazin für Insolvenz und Pop, zum Beispiel. Gegründet und geführt von Linus Volkmann, findet man dort die Texte, die andere auf ihren Mainstream-Plattformen nicht veröffentlichen dürfen. Zu groß ist die Angst, vom Internet auf die Fresse zu bekommen. Angst, die kennt Linus nicht. Ob er sich über Frida Golds neues Video auslässt oder peinliche Festivalfotos – jeder Diss sitzt. In “Was ist das für 1 Sparkasse” rantet er gekonnt analytisch über die neue digitale Kampagne für die Sparkasse. “Gut informierte Dämonen ohne Ehre von Agenturen haben das anarchische Ottografie-Phänomen jetzt werblich gemacht. Linus Volkmann wirft 1 paar Worte in den offenen Sarg.”

Für die Checker der ersten Tage dürfte damit durchaus neben Genugtuung auch ein gewisser Identitätsverlust einhergehen. Denn wenn alle falsch schreiben, schreiben ja quasi alle wieder richtig.

Ein Text, der mir persönlich nahe ging, war jener von Lina Mallon. In “Wie lange will ich das eigentlich noch machen” schreibt sie über Selbstausbeutung und das, was im Kapitalismus notwendig ist, um als Bloggerin zu (über)leben. Auch schlimm: Als Volontärin bei einem Klatschblatt Geschichten erfinden zu müssen.

Da draußen kaufen Bloggerinnen der ersten Stunde verzweifelt Likes, nur um noch irgendwie relevant am Markt zu bleiben. Das ist kein fieses Gerücht, das ist ein Teil der Tagesordnung

Bleiben wir bei Social Media. Auf Online Marketing Rockstars ist nachzulesen, wie große Digital-Konzerne künftig automatisiert und auf Software-Basis die Fotos ihrer Nutzer analysieren werden.

Im April hatte Facebook auf seiner Hauptplattform ein neues Feature eingeführt, durch das in dem sozialen Netzwerk hochgeladene Fotos automatisch mit einem Alternativtext mit Informationen über das jeweilige Motiv versehen werden. Offensichtlich versuchen alle großen US-Digitalkonzerne derzeit, durch den Einsatz von künstlicher Intelligenz und von Machine-Learning-Technologien noch besser den Inhalt der Fotos ihrer Nutzer zu verstehen.

Gruselig? Jap. Was noch gruseliger ist? Hass als Hobby. Tanya Falencyzk hat aufgeschrieben, wie hilflos man als Betroffene(r) von Hasskommentaren und Stalking im Internet wirklich ist.

Diese Community füttere sich gegenseitig, meint Paula. Die klassische Internetregel „Don’t feed the trolls“, also Störer einfach zu ignorieren, greife schon lange nicht mehr. „Das ist so eine Community-Manager Binsenweisheit, die hat vielleicht vor Jahren auf den ersten Blogs mal funktioniert“, ergänzt Tom. Jeder Post und jede Präsenz im Internet sei mittlerweile schon ein Füttern, das müsse überhaupt nicht an die Trolle gerichtet sein. Die einzige Möglichkeit wäre also, im Netz einfach gar nicht mehr zu kommunizieren. Das ist auch das selbsterklärte Ziel des Trollrings.

Was sonst noch lesenwert ist? Der Vorgänger von “sozial schwach” war “asozial”. Und trotzdem benutzen Journalisten von Spiegel Online, taz oder FAZ den Begriff ohne jegliche Scheu. Rico Gramm hat seine Wut in „Wieso ‚sozial schwach‘ die kleine Schwester von Scheiße ist“ verarbeitet.

Wenn du es schon bis hierher geschafft hast, setze ich noch einen drauf. In: “To find Hillary Clinton likable, we must learn to view women as complex beings” geht es darum, wie schwer Sympathie zu fassen ist. Gerade, wenn es um Frauen in der Politik geht.

Wir sind beim wirklich letzten Punkt angekommen: Weder modern noch stilvoll: Der breitgebaute Yuppie” ist der Stil-Text, den man diesen Monat gelesen haben sollte. Über Typen, die Hipster-Relikte mit einem veralteten Männerbild kombinieren. Großartig.