Ich zähle alle schwarzen Oberteile, die ich besitze und auf den ersten Blick kaum auseinander halten kann. Es sind vierzehn. Ein dünnes Träger-Shirt von H&M. Eines, mit weiten Ärmeln von COS. Eines von &OtherStories, das verdammte 70 Euro gekostet hat und unbequem sitzt. Dann gibt es da noch die drei Basics aus einer Viskose-Baumwoll-Mischung, die “immer gehen”. Und die acht anderen.

“You want it, you buy it, you forget it” The Black Shirt Blog

Ich weiß nicht, wann es begonnen hat. Überall: gutangezogene Menschen. Menschen, die das verkörpern, was die Modeindustrie inklusive ihrer am Bauchnabel hängenden Blogger-Armeen als gut angezogen bezeichnet. Aktuell: Off-Shoulder-Blusen und schwarze Culottes. Darf’s dazu noch eine Bomber-Jacke sein?

“Ich kann nicht atmen, mir graust. Vor diesem Konsumwahn, dem irren Blick der Leute, vor den Klamotten, die lieblos am Boden liegen, Make-Up beschmiert. Fashionistas hetzen von einem Präsentationstisch zum nächsten”
The Black Shirt Blog

Ich selbst laufe auch so rum, da bin ich keine Ausnahme. Der Zustand meines Kleiderschranks hat sich die Jahre zuvor wie durch Zauberhand ergeben, als ich noch zu viel Zeit hatte, über meine Outfits nachzudenken – und keine teure Miete zahlte. Hochfrequentierte Einkaufsstraßen gehörten zu einem Montag nach der Uni einfach dazu. Was soll man auch sonst machen, als sich im Monatsrhythmus zu optimieren?

Und dann ist es irgendwann soweit gewesen, dass mich die Menschen in ihren prätentiösen Outfits nicht mehr begeisterten, die viel zu oft nach gewollter aber nicht besessener Coolness schrien. “Looks zum Nachkaufen” mit jeder Menge Affiliate Links sollten auch weniger fashionbegeisterten Menschen Zugang zum langjährigen Wissen der Marktführer verschaffen. Das Resultat waren hippe Klamotten an allerlei dürren Körpern, die in Realität viel eher nach größtmöglicher Unsicherheit rochen statt nach Pret a Porter. War das nicht der Plan gewesen? Ich hatte mich sattgesehen. Sattgesehen an den ständig wiederkehrenden und doch gleichbleibenden Trends. An Mom-Jeans, an hervorguckender Calvin-Klein-Unterwäsche, am Sportswear-Fetisch. An Röhrenjeans und Vintage-Jeansjacken.

Eine schreit, “Schau, hier gibt’s HIGH-WAIST HOSEN!!!”. Meine Mama würde lachen, sie hat letztes Jahr alle ihre High-Waists entsorgt – ich hab’ innerlich ein bisschen geweint.
The Black Shirt Blog

Die immer schneller werden Produktzyklen stellen die trendgeleiteten Konsumenten in eine größere Abhängigkeit als jemals zuvor, wenn sie in der oberen Liga der Fashionistas mitspielen und sich auf den Erstsemester-Vernissagen mit den winzig kleinen Food-Häppchen gut fühlen möchten – als Blickfang in der Menge. Nur könnte das schwierig werden, jetzt, wo doch längst alle gleich aussehen und man nur noch anhand der Anzahl der Tätowierungen unterscheiden kann, ob hier gerade Lisa spricht, oder Raphaela.

Wozu noch diesen einen Blazer kaufen, den die Freundin hat? Die Hosen – alle schon zig mal gesehen. Nicht nur, dass ein individueller Stil in der Hipsterisierung der Gesellschaft (plötzlich interessierten sich alle für dänisches Design und Minimalismus) kaum noch möglich ist, die ständige Gier nach dem Schönsten und Neuesten widert mich inzwischen an. Das Sehen und Gesehen werden. Die verurteilenden Blicke. Das ständige Vergleichen. Hat sie etwas Tolleres als ich? Wo hat er das her? Och Menno, hätte ich mir heute doch mehr Mühe gegeben, zwischen dem Zähneputzen und Brotschmieren.

“Mode kopiert sich selbst, muss ihren eigenen Mythos töten, um weiterleben und sich entwickeln zu können. Aber brauchen wir wirklich 12 Kollektionen pro Jahr, vier Schlussverkäufe und riesige Konzerne, um uns zu kleiden?”
The Black Shirt Blog

Wahlloser Konsum befriedigt mich heute nicht mehr, meine einstige Freude an vermeintlichen Schnäppchen hat sich ins Gegenteil gekehrt. Fast bemitleide ich diejenigen, die glauben, sich lediglich durch Konsum von anderen Konsumenten abgrenzen zu können. Jene, die ihre neuesten Outfit-Kreationen stolz auf dem Blog posten und dabei unreflektiert dem erliegen, was sich Kapitalismus nennt. Wenn es denn Spaß macht, versuche ich mich zu beschwichtigen. Wenn es ihnen doch Spaß macht! Mir macht es keinen.

Deshalb habe ich für mich beschlossen, meine Klamotten aufzutragen. Nichts Neues mehr zu kaufen, bis es kaputt wird. 2017 lautet das vorsichtig gesteckte Ziel. Ich bin gespannt, ob mir mein Vorhaben gelingt. Oder ob ich nicht doch in einem schwachen Moment glauben werde, mich durch den Kauf eines in Bangladesch hergestellten Jumpsuits wie ein begehrenswerterer Mensch zu fühlen.

“Marken wollen verkaufen. Und zwar nicht nur ihre Produkte, sondern auch Illusionen. Illusionen, von denen sie glauben, dass wir sie leben wollen.”
The Black Shirt Blog

Dass ich mir dieses Jahr noch keine Schuhe gekauft habe, verzeichne ist als einen ersten Erfolg. Premiere! Nicht mal neue Birkenstock, wo meine alten doch schon fast zerfallen. Aber eben nur fast. Ich halte mich zurück – und es fällt überraschend leicht.

Vermutlich ist das so wie mit dem Rauchen aufzuhören. Wenn man erst mal bemerkt, wie sehr der Qualm stinkt, empfindet man die getroffene Entscheidung nicht mehr als Entbehrung.

Sondern als Bereicherung.