Seit ich für ein größeres Medium schreibe, habe ich auch in der Praxis ein erweitertes Verständnis für Online-Diffamierungen entwickelt. Nicht zuletzt, weil ich selbst davon betroffen war. Zusätzlich bin ich als Social Media Redakteurin dafür verantwortlich, was auf bento “below the line” – also in den Kommentaren – passiert. Ich bin nach wie vor nicht der Meinung, dass Beleidigungen zum “Online-Journalismus” dazugehören. Dass man sich ja eine “dickere Haut zulegen” könne, auch mal “andere Meinungen” akzeptieren und “doch als erwachsener Mensch drüber stehen” müsse.

Gerade in Zeiten, in denen der Aberglaube auf diversen Verschwörungstheorieseiten eine Renaissance erlebt, sollten wir uns fragen, wie wir mit all dem Hass und den Falschmeldungen umgehen möchten – und ob wir uns als selbsttitulierte Netz-Eliten lediglich in unsere Sessel zurücklehnen sollten, bevor wir resigniert auf ARTE umschalten. Ich finde nicht, dass es genug ist, lediglich darauf zu hoffen, dass sich “das schon irgendwie von selbst” regeln wird.

Glücklicherweise gibt es eine Reihe an journalistischen Stücken, die sich mit der Partizipation im Netz auseinandersetzen. Denn: Ideen, über die nicht geredet wird, haben keine Überlebenschance in der Demokratie. Werte oder Moralvorstellungen, die nicht über Sprache wachgehalten und ausgebaut werden, indem sie immer wieder im Zusammenhang mit aktuellen Themen als Grundlage der Diskussion benannt werden, können neben ihren ideologischen Widersachern nicht dauerhaft bestehen.

Also, los geht’s: Spread the knowledge! Spread the love!

1. They called it ‘the worst job in the world’ – my life as a Guardian moderator  von Marc Burrows 

Marc Burrows über seine Zeit als Forenmoderator beim Guardian. Superspannend.

They are comment-thread poison – men’s rights activists who act as if articles about women’s issues are their gender’s single biggest problem, climate change deniers who will drag any conversation about energy policy into murky pseudo-science, and borderline racists for whom there is no issue that cannot be pinned on immigration (UK) or black people (US). It is often known as “whataboutery” and is a tactic designed to throw a conversation off course.

2. Ein Video auf Profil: Eva Glawischnig über den Umgang mit Hasspostings von Ingrid Brodnig 

Eva Glawischnig „verwandelt“ Hasskommentare durch Gerichtsverfahren in Geld & spendet den Erlös an NGOs. Top.

3. Medien lieben “Angry Young Women” von Nadja Schlüter

Es bleibt das ungute Gefühl, dass Frauen, vor allem junge Frauen, in den Medien verheizt werden. Dass meinungsstarke Texte von Frauen sich besser verkaufen und darum gewünscht werden. Und dass diese Frauen gleichzeitig mehr Angst haben müssen, weil die organisierten Maskulinisten und andere Frauenhasser überall und immer öfter aufploppen und die Kommentarspalten zuspammen.

4. Kübra Gümüsays Apell an die organisierte Liebe

Die Bloggerin und Aktivistin Kübra Gümüşay hat sich auf der re:publica mit einem emotionalen Appell an das Publikum gewendet. Gümüşay, die auf ihrem Blog ein fremdwörterbuch unter anderem über Feminismus und den Islam schreibt, muss sich täglich mit Hasskommentaren auseinander setzen. “Manchmal bin ich stundenlang damit beschäftigt, Leute auf Twitter zu muten.” Damit muss jetzt Schluss sein, findet sie. Gümüşay möchte, dass der Hass Liebe weicht. Organisierter Liebe.

5. Ingrid Brodnig im Zapp-Medienmagazin über Hass im Netz

Das Copy&Paste- und Teilen-Prinzip erleichtert die Verbreitung von Gerüchten, so dass viele am Ende sogar geglaubt werden.

6. Wen die AfD wirklich hasst. Und was sie will.

Kathrin Wessling schreibt auf ihrem Blog: “Vielleicht hilft es, die Feindbilder der AfD kennenzulernen. Zu verstehen, wie ihre Rhetorik und ihre Manipulation (ja, genau jene, die sie anderen in weiser Offensive kollektiv vorwerfen) funktionieren. Vielleicht hilft es, das hier zu hören. Jede Sekunde davon, ohne vorzuspulen. Und daran zu denken, dass genau das gerade passiert. Hier, jetzt, genau in diesem Moment” und verweist auf einen Beitrag von HR3 Kultur.

7. Nimm die Hand aus der Hose, wenn ich mit dir rede von Margarete Stokowski

Sie schreibt einen Text, er wünscht ihr den Tod: Margarete Stokowski antwortet einem Pöbelbriefschreiber. Ausnahmsweise. “Heute ist der einzige Tag in deinem Leben, an dem ich mir Zeit nehme für dich, und guck, du hast es komplett verspielt, ich bin immer noch Feministin und für “Transgender-Klos”. Das ist doch blöd. Es wär deine Chance gewesen, Ruven, so klein sie auch war.”

8. Zum Schluss ein Beitrag von mir: Liebe alte Männer: Hört endlich auf, junge Autorinnen zu beleidigen. Ihr seid nicht das Publikum

In diesem Blogeintrag setze ich mich mit der Frage auseinander, warum alte Männer am liebsten die Texte von Mittzwanzigern lesen, um sich danach darüber zu beschweren, dass diese nicht von ihrer Lebensrealität handeln. “Immer diese jungen Autorinnen, mit ihrer Befindlichkeitsscheiße!”