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20. April 2016
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Es ist halb elf, ich komme gerade aus dem Kino – und wollte den Abend ruhig ausklingen lassen. Ein bisschen RTL schauen, Kuchen essen. Ich arbeite und schreibe sehr viel, da tut ein Tag offline nicht nur gut – sondern ist in Zeiten permanenter Reizüberflutung notwendiges Übel. Ich war also nicht auf Twitter, weil mich Twitter weiterdenken und weiterarbeiten und auf neue Themen stoßen lässt, die ich dann geistig durchkauen möchte, bevor ich mich an einen Beitrag setze. Das kann, sobald der Denkprozess angestoßen ist, nicht einfach mal so beiseite geschoben werden.

Kurz vor dem Schlafengehen mache ich den Fehler und öffne die App trotzdem. Ich sehe zwei Benachrichtigungen von einem Account, den ich schon geblockt hatte. Er hat sich – ruck zuck –einen neuen angelegt, so wunderbar niederschwellig ergibt sich der ergebnisorientierte Dialog fern von Raum und Zeit mit „dem Leser“ heute. Mir wird kurz übel. Der Tweet handelt vom altbekannten Vorwurf (ich zitiere): „Wieso gehen Sie einen Dialog aus dem Weg? Bitte differenzieren Sie zwischen berechtigter Kritik und Diffamierung. (…) Nun nutze ich die Gelegenheit, Sie direkt anzuschreiben.“ Mehr Inhaltliches schreibt der User nicht. Er nennt kein konkretes Beispiel.

Wow, denke ich, wow. Danke, dass du diese Gelegenheit für dich entdeckt hast! Danke, dass ich mich auch noch um elf Uhr nachts mit Fakeaccounts ohne richtigem Namen und ohne Profilfoto auseinandersetzen darf, um mit meiner scheinbaren Ignoranz konfrontiert zu werden. Öffentlich, damit auch alle sehen, „wie ich auflaufe“. Fehlanzeige, denn Twitter ist mein safe-space, nicht deiner, Bro!

Damit auch ich mal Tipps geben darf: Das nächste Mal solltest du vielleicht die Position überdenken, aus der du deinen einseitig-anonymen „Dialog“ startest. Genau diese Form der öffentlichen (und interredaktionellen) Anprangerung führt nämlich dazu, dass ich keine Lust auf Auseinandersetzungen habe. Sie drängt mich in eine Position, die Antworten auf unzureichend formulierte Vorwürfe fordert. Ich habe keine Verpflichtung, an meinen Account gerichtete Wortmeldungen zu beantworten. Nicht, wenn es sich dabei um inhaltslose, belehrende Phrasen handelt. Und schon gar nicht, wenn die Anschuldigung einer Petze per FB Nachricht an meine Redaktion folgt:

„Einzelne kritische oder auch nur aus der Sicht eines Mannes geschriebene Kommentare werden von Ihr (sic!) herablassend auf Twitter geteilt.“ Huch? Plötzlich ist den kritischen Kommentierenden der Spaß vergangen, sobald ich mich öffentlich wehre. Komisch. Ein konkretes Beispiel der „kritischen Sichtweise“ (und warum diese so kritisch sei, ich bitte um Differenzierung!) war weder in der FB-Privatnachricht, noch in den Tweets angehängt. Viel eher handelte es sich um eine Zurechtweisung, die mir doch bitte seitens der Redaktion mitgeteilt werden müsse. Die Nachricht bedient sich typisch maskulinistischer Rheotrik, selbst wenn sich der Absender dessen wahrscheinlich gar nicht bewusst ist.

Ich werde das Gefühl nicht los, dass es hierbei um viel mehr geht, als den gescreenshotteten Kommentar irgendeines Trolls. Es handelt sich um eine ganz spezielle Art von User, der denkt, er hätte das Recht zu kontrollieren, was junge Frauen veröffentlichen. Er kann sich nicht mit der Rolle arrangieren, derjenige zu sein, der nicht (mehr) das alleinige Sagen hat. Jahrhundertelang haben Männer von der Gesellschaft das Gefühl vermittelt bekommen, im Recht zu sein. Und wenn man das plötzlich nicht mehr automatisch ist, zack, butthurt. Manche sind auch noch beleidigt genug, um diese scheinbare Verletzung (emotional ist doch sonst immer die Frau?) öffentlich herauszuschreien. Vor allem gegenüber der Person, die ihrer Sicht nach dafür verantwortlich ist, es aber theoretisch nicht sein dürfte.

Indem ich mir erlaube, als junge, „freche“ Frau eine Meinung im Internet zu haben (oder wie Penny sagt: „A woman’s opinion is the mini skirt of the internet“), müsse ich eben auch alles aushalten, was danach kommt. Die besserwisserische Rhetorik scheint eine Krankheit zu sein, an der vor allem die bedrohte Spezies weißer Männer leidet. Zu allem darf, nein, muss er eine Meinung haben, die unmittelbar an diejenigen transportiert wird, die den unliebsamen Denkanstoß verursacht haben – selbst, wenn sie nicht nach einer Antwort gebeten haben. Tatsächlich habe ich bislang nur eine empörte Mail von einer Frau bekommen.

Subtiles online harassment 2.0

Was mich stört, ist, dass die Grenze zwischen persönlichem „Leserkontakt“ (den ich sehr gerne mag <3) und Belästigung strapaziert und letzten Endes bewusst überschritten wird. Die gute alte, sachliche Kritik – sie wird leider hauptsächlich als Metapher missbraucht, um subtil misogyn handeln zu dürfen. Wenn man nicht antwortet, ist es meiner Ansicht nach höchst übergriffig, die Autorin auf Twitter auch noch dann weiter anzuschreiben und „herauszufordern“, wenn diese den Account bereits geblockt hat.

Auch das hat nichts mit Zensur oder mit „fehlendem Interesse“ an einem Dialog zu tun, sondern ist vorwiegend Selbstschutz. Ich habe keine Zeit und auch keine Lust (#sorrynotsorry) im feministischen Diskurs immer wieder von vorne anzufangen, immer wieder erklären zu müssen, dass man nichts gegen inhaltliche Kritik hat (hier bestes Beispiel), oder per se gegen Männer.

Ich habe nicht die psychischen und zeitlichen Ressourcen, mich mit den (wenigen) Hatern zu befassen, die sich im brüchigen Konstrukt ihres engstirnigen Denkens von mir ertappt fühlen und mir dies in Form von „sachlicher Kritik“ an meinem „fragwürdigen Verhalten“ als Journalistin (!!!) näher bringen möchten, als ob sie meine Vorgesetzten wären. Ein Mann, der den Artikel einer Frau nicht gut findet, ist nie frustriert. Er ist auch nie hysterisch, er hat eben nur einfach ganz sachlich seine Kritik formuliert. Makes no sense? Right. Wenn es um andere Männer geht, da fangen die Verteidigungsmechanismen plötzlich an, einzusetzen. Was man als Frau im Journalismus sonst so erfährt, wird nicht in den Denkprozess miteinbezogen, wenn man sich in der Opfer-Täter-Debatte für eine der „beiden Seiten“ entscheidet. Ein Denken, das nicht an Lösungen interessiert ist.

Social Media ist Arbeit ist Leben ist Job

Ich weiß nicht, wie sich solche Menschen meinen Arbeitsalltag vorstellen. Wahrscheinlich tun sie es gar nicht. Ich bin das entpersonifizierte Objekt, an dem sie sich abarbeiten können, weil ich eine Stimme habe. Ziel ist nicht der Dialog, sondern das Benutzen des Objekts.

Vielleicht nochmal, um das zu verdeutlichen: Ich arbeite – bezahlt – 40 Stunden die Woche im Internet. Mit dem, was ich sonst noch vorhabe, komme ich auf etwa 55 Stunden. Ich schreibe nicht nur, sondern mache auch diverse Social Media Aktivitäten.

Das hier ist mein Job und zu großen Teilen auch mein Leben. Ein Leben, das ich mir ausgesucht habe, das ich mir erarbeitet habe, das ich mag –  dessen Konsequenz es aber nicht sein kann, dass ich mich auch in meiner Freizeit mit reflektionsverweigernden Menschen auseinandersetzen muss, die glauben, ich wäre ihr persönlicher Kummerkasten. Ihre Therapeutin, ihre Zielscheibe für frauenfeindliche Denkweisen und Bühne für Besserwisserei.

Ich werde mich nicht in meiner Arbeit dadurch beeinflussen lassen, dass irgendwelche Menschen denken, sie hätten Anspruch auf einen Teil von mir. Haben sie nämlich nicht.

 

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    • Jürgen Matoni
    • 2. August 2016
    Antworten

    Wenn ich gewußt hätte, wie sehr Sie von Männern – in Ihrer Diktion “Arschlöcher” – verfolgt werden, hätte ich Sie bestimmt nicht kritisiert. Was müssen Sie doch leiden.

    LG J.

      • groschenphilosophin
      • 2. August 2016
      Antworten

      Dieses “Statement” entlarvt sich ohnehin von selbst.
      Auf Wiedersehen.

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