Wenn man ihn schon zur Abwechslung mal hat. Am Wochenende wird dann irgendwo hingeflogen, um in einer anderen europäischen Stadt seinen urbanen Lebensgewohnheiten nachzugehen. So werden auf hippen Lifestyle-Blogs elternfinanzierter Drittsemester nicht nur Szene-Burgerläden, sondern auch scheinbar angesagte Parties ausfindig gemacht. Auf die man sich dann trotz nahendem körperlichen Zusammenbruch irgendwie selbst einlädt, so schnell kommt man nämlich in diesem Leben nicht mehr nach Paris. Oder Amsterdam. Oder Madrid. Schon gar nicht um 90 € hin und zurück, da ist das Ziel eigentlich auch schon wieder egal, hauptsache man kann vor Monumenten überteuerte Fritten essen oder wahlweise Salate von Pret A Manger auf pittoresken Treppenabgängen. Die eigene mittelständische Überprivilegierung mündet in einer Diskussion über arbeitsunfähige Obdachlose, während man die 18 Euro Weinflasche süffelt. Unter Heizstrahlern.

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Ansonsten lässt man sich so gut es eben geht gehen. Schläft bis elf. Raucht am Balkon. Fährt mit U-Bahnen, isst Äpfel, schaut wenig aufs Smartphone, liest also endlich mal wieder ein Buch. Denkt nach über früher und später und lebt zwischendurch touristische Gelassenheit vor, die sich so gut auf Polaroid-Fotos festhalten lässt.
Wenn man nach Hause fliegt, dauert das lange und fast immer muss man dabei die Schuhe ausziehen, weil irgendetwas piepst, im Nacktscanner. Am Gate starren die Menschen wieder gelangweilt in ihre Smartphones, alles ist also wie immer, die Erfahrung außerhalb des eigenen Schlafzimmers verursachte keine sichtbaren Erfolge. Auch die erhoffte Erholung fällt gering aus, hat man sich schließlich auf eine Städtereise und nicht auf einen Boottrip durchs Mekong-Delta geeinigt.
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Was die Menschen vom Reisen erwarten, frage ich mich, wenn sie über das Wetter schimpfen und die im Folgemonat in unregelmäßigen Abständen eintrudelnden Kreditkartenabrechnungen. Hat das sein müssen? Am Kühlschrank klebt dann eine Postkarte, auf dem zwei Frauen aus viel zu großen Weingläsern trinken und man wird sich jedes Mal, wenn man den Emmentaler aus dem Kühlschrank holt daran erinnern – sofern man nicht umzieht und alles wegschmeißt – was man für eine wilde Sau nicht war.