Olja Alvir hat einen Roman geschrieben, still und ziemlich wahrscheinlich schmerzhaft. Wie das eben so ist, wenn man die eigene Geschichte literarisch überzeichnet auf Papier bringt, ohne sich bei jedem zweiten Satz selbst zu beschneiden. Es ist uneitel, pointiert und vor allem: sehr echt.

Die Journalistin wurde 1989 in Jugoslawien geboren und lebt seit der Flucht ihrer Familie vor dem Krieg 1992 in Wien. Zu jung, wird manch einer mit erhobenem Zeigefinger meinen, um überhaupt das Recht zu haben, vom Krieg traumatisiert zu sein. Auf der anderen Seite wieder zu alt, um damit nichts mehr zu tun zu haben.

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Foto: Christopher Glanzl

Selten hat jemand so ehrlich in einem Atemzug über die unterschiedlichen Methoden des Gehörgangsausputzens und die richtige Dosierung von Sprengstoff geschrieben. In “Kein Meer“ geht es um Akne und Tito, Muschi-Waxing und Krieg, Ritzen und Traumata.

Lara, man könnte fast meinen Oljas alter Ego, findet das Tagebuch ihres verstorbenen Großvaters und macht sich daran, herauszufinden, was es mit dem vermeintlichen Heldentod ihres Onkels vor zwanzig Jahren auf sich hat. Es ist ein Wien Buch in drei Akten aus dem 21. Jahrhundert, verfasst von einer Autorin, die sich wegen ihres Namens erklären muss. Immer noch.

Der Roman vereint alle Elemente des zeitgenössischen Schreibens. Die Leserin findet Chatverläufe und empfangene E-Mails genauso wie ausführlich recherchierte historische Elemente über das titoistische Jugoslawien, Geschichten über Wege von Demir Kapija nach Strumica und Wechsel in die Erste Person Singular. Auf dem Blog beautywithaknife.tumblr.com werden Laras Ausscheide- und Sozialskills gründlich durchanalysiert. Smalltalk, den hasst nicht nur Lara, den hasst auch Olja. Sehr wahr schreibt sie dann:

Ich sage jetzt nicht, ich hasse Small Talk, weil das alle Leute sagen, die Smalltalk führen. Ich hasse die Vergangenheit, Small Talk ist nur eines ihrer vielen Symptome.

Ganz oft geht es ums schlichte, menschliche Selbst. Also das, was man über die Jahre als scheinbares Selbst angeramscht hat. Das Ich, “eine Hornhaut über einer zu stark beanspruchten Stelle, das Ich ist eine zwiebelförmig um einen identitätsstiftenden Keim verdichtete Wucherung.” Ja, man erkennt sich wieder. Dazwischen gibt es kreative Kritik an allem, was der reflektionsunfähige Bildungsbürger am Sonntag nicht in der F.A.Z. lesen wird.

Natürlich kann man Politik auch auf Metaebene durchdringen, interessanter ist manchmal der Blick auf den Ursprung aller krankhaft gefestigter Denkstrukturen in den Köpfen der österreichischen Wohlstandsgesellschaft: “Sehr wichtig neben dem korrekten Kolorieren von vorgefertigten Zeichnungen war in der Schule auch das korrekte Ausschneiden vorgefertigter Zeichnungen.“ Schlimm war es dann, wenn man unabsichtlich “ausgefahren” ist und ein Stück Himmel braun färbte. Zur Erinnerung: Er ist blau.

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Olja drückt dort noch ein bisschen fester zu, wo es ohnehin schon weh tut und entlarvt sie alle, wie auf twitter. Eltern, die vorgeben, keine Pickel auszuquetschen. Köche, die vorgeben, richtige Ćevapčići zu braten. Menschen, die sich vor einem Date auf das Date vorbereiten. Schachliteratur, die dem Schachspiel genauso fern ist wie dem Schachspieler das Wahngenie. Ja, die Literatur sollte sich an einem anderen Spiel vergleichen: Uno oder Happy Hippo, das Schach “braucht die Literatur wohl wirklich nicht.”

Wenn eines an diesem Erstlingswerk auffällt, ist es der Ehrgeiz der Autorin, alles in diesem einen Roman zu vereinen, als ob es der letzte wäre. Dabei gäbe das Buch Stoff für drei weitere. Eines zur Flucht vor dem Krieg und die identitäts-entstiftenden Momente der Migration, eines über Liebe im digitalen Zeitalter und eines über die Einflüsse des neoliberalen Schönheitsdiktats auf die Selbstwahrnehmung von Heranwachsenden. In “Kein Meer“ gibt es von allem ein bisschen. Die besten Stellen muss jeder für sich finden, sie sind Geschmackssache.

Drazev Dolac, Podgrade, das Flüchtlingslager Kastela. Jenen, die nach ihrem Budget-Strandurlaub in Dubrovnik keine “Entdeckungsreise Jugoslawienkrieg” geplant hatten, werden die Namen nicht viel sagen. Lernen kann man bei Olja allemal.

Ich für meinen Teil hätte gerne mehr über die Enthaarungsfesselstellung gelesen als über die Lebensqualität nach dem Krieg in Sibenik. Das liegt zum einen an meinem Drang nach seichter Unterhaltung, zum anderen an meiner fehlenden historischen Bildung. Und nicht zu vergessen, an meiner Ignoranz gegenüber politischen Ereignissen, die scheinbar keine Relevanz auf meine aktuelle Lebenssituation ausüben.

Schade für mich. Trotz slawischem “Migrationshintergrund” komme ich mit den Namen durcheinander, muss sie mir immer wieder vorsagen, um nicht den Faden zu verlieren. Das in der Erzählung übermächtige Jugoslawien übt aus der Perspektive der Nicht-Fluchterfahrenen wenig Charme auf den Lesefluss aus.

Man merkt, welche Themen die Autorin nachhaltig beschäftigen. Genau diese Offenheit, das Innerste nach aussen zu kehren und das Hässliche wie auch Schöne mit einem Publikum zu teilen, macht diesen Roman zu dem, was er ist: Ein ehrlicher Einblick in die Lebensrealität einer jungen Frau, die in Wien zwar ihre neue Heimat gefunden hat, aber doch noch nachts vom Meer träumt. “Dieses Arschloch.”