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30. Juli 2015
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Er: Wir sind seit neun Jahren zusammen, wir haben immer wieder schwierige Phasen und Situationen gehabt, das Wochenende in Madrid zum Beispiel.

Sie: Es geht nicht um die alten Sachen, Philipp!

Er: Aber die Sache in Madrid hat sich ja angekündigt, ich wusste dass da was nicht stimmt. Aber heute…

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Sie: Heute wirst du wieder versuchen auf mich einzugehen. Wir werden uns drei, vier Stunden lang umkreisen, immer im Glauben tiefer vorzudringen an den Kern der Sache.

Irgendwann werde ich wieder anfangen von deiner Mutter zu sprechen. Oder du von meinem Vater. Und spätestens an dem Punkt werde ich dann anfangen zu heulen. Oder wenn es dann um alles geht, wirst du anfangen zu heulen. Und das werde ich nicht aushalten. Und dich trösten. Denn ich hab’ dich ja mal geliebt und ich kann es nicht zulassen, dass davon jetzt überhaupt nichts mehr übrig ist.

Dann wirst du mich wieder in deine Arme nehmen und ins Schlafzimmer tragen. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr. Oder wir machen es gleich hier auf dem Boden. So verrutscht und verzweifelt und so zum letzten Mal, dass es auch wieder geil ist.

Du wirst dir wünschen, dass es vielleicht jetzt doch endlich nochmal klappt. Und ich werde dir nicht sagen, dass ich seit einem halben Jahr wieder verhüte. Weil ich jetzt kein Kind will. Von dir nicht und von keinem andern. Weil du dann wieder versuchen würdest mich umzustimmen, all die guten Gründe aufzählen, die doch dafür sprechen. Oder mich angreifen, weil ich das ja früher auch mal hätte sagen können. Und dann werde ich finden, dass du Recht hast. Und mich schuldig fühlen. Eine riesige Angst haben vor dem Chaos und dem freien Fall. Am nächsten Morgen werden wir dann finden, dass es so für uns beide am besten ist und solange man nur darüber redet, heilen auch die Wunden. Dann fahren wir wieder zur Arbeit, wir sehen uns auf dem Flur. Dann wagen wir einen Zungenkuss vor dem scheiß Kopierer. So lange zusammen und noch so viel Leidenschaft. Wir haben das alles schon mal erlebt. Ich kann das nicht nochmal machen.

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Er: Und du wirst mich eine Zeit lang auf Distanz halten und dich in einen fremden Mann vergucken und ihn aus der Ferme anschwärmen oder auch mal einen Seitensprung wagen. Dich dann nach ein paar Wochen schlecht fühlen und mir nichts sagen, stattdessen immer mehr von Finnland sprechen, dass du deinen Vater vermisst und dass wir da mal wieder hinfahren sollten, zusammen. Da bist du glücklich und das alles fehlt dir so sehr.

Und wir werden fahren und auf dem Hinweg werden wir streiten, über blödsinniges Zeug. Aber dann dämmert auch schon wieder der Abschied heran und auf dem Rückweg wirst du weinen und ich werde dich trösten und sagen, dass wir doch wiederkommen werden und ich weiß, dass ich dich dann mindestens eine Woche lang in Ruhe lassen muss. Das haben wir die letzten neun Jahre gemacht und es war nicht das Schlechteste.


Aus: Fenster zum Sommer 

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