Ganz ehrlich? Ich kann sie nicht mehr zählen, die Stunden die ich er-wartend neben meinem Smartphone hergelebt habe. Ist die E-Mail schon da? Habe ich die Zusage? Wann treffen wir uns? Entscheidungen, die unser Leben betreffen, werden schon lange nicht mehr persönlich übermittelt, sondern ohne unser Zutun, während physischer Abwesenheit, mit einem Klick zugestellt.

Prüfung nicht bestanden? Deal with it, liebe Grüße dein univis. Zusage für den Masterstudiengang in England? Trommelwirbel vor dem Monitor. Den niemand mitbekommt, außer dir selbst. Weil gerade in dem Moment, als du voller Ungeduld auf „öffnen“ gedrückt, die fett formatierte Überschrift angeklickt und vor Angst bereits zu schwitzen begonnen hast, keiner da war. Außer dir. Danach screenshottest du die freudige Nachricht und sendest sie an deine Mutter, die schickt dir als Antwort ein „SUPER FREU MICH“ plus drei hässliche Smileys  smileys1auf Whatsapp. Was genau ist eigentlich passiert?

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Es fällt mir theoretisch nicht schwer, ohne meinem Smartphone zu existieren, wenn da nicht diese Sache mit der Kommunikation wäre, die zunehmend auf das Ding in meiner Jackentasche verlagert wurde. Das immer griffbereit liegt, oder eher von mir so platziert wird, dass ich es irgendwie im Blickfeld habe. Für den Fall, dass jemand mit mir in Verbindung treten möchte, um sich per Sprachnachricht über seinen langweiligen Bürojob auszukotzen. Anhören tust du dir das Ganze dann morgens, während du duscht. Sofern Whatsapp beim Abspielen nicht abkackt. Einen Tag zu spät, um wertvolle Problemlösungsstrategien beizusteuern.

Martin schreibt schreibt schreibt schreibt. Ich starre auf imessage. Selten kann man eine genauere Prognose über die Zukunft abgeben. Ja, da wird in den nächsten Sekunden etwas bei mir ankommen. Die Frage ist: Wird es mir gefallen? Dass ich quasi live dabei zusehen kann, oder zumindest darüber informiert werde (wie hilfreich!), dass „auf der anderen Seite“ jemand am tippen ist, irritiert mich immer wieder aufs Neue. Ich kann mein iPhone dann auch nicht einfach weglegen, weiß ich doch, dass ich in weniger als einer Minute sowieso wieder danach greifen werde. Aus Neugier. Aus Ungeduld. Aus Sucht? Jetzt wird manch einer natürlich sagen, dass man doch einfach anrufen könnte, um sich etwas auszumachen, aber so funktioniert das nicht, 2015. Man schreibt, man bekommt eine ungefähre Antwort, ein eher nein, ein eher ja, ja vielleicht. Dann wartet man, ob der Abend so stattfindet wie besprochen, oder ob nicht doch noch etwas dazwischen kommt, die Arbeit könnte wichtiger sein oder der Pizzalieferservice.

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Wie sehr die nonverbale, zeitlich verzögerte zwischenmenschliche Kommunikation meine Emotionen beeinflusst, ist mir eigentlich gar nicht recht. Aber was soll der Ausweg sein? Sich von allen sozialen Netzwerken und Messenger-Diensten abmelden, ausschließlich telefonieren (wer hat dafür noch Zeit?) und dazwischen für Wochen abtauchen, wenn man gerade nicht in “Stimmung” für Kontakthalten ist?

Manchmal wache ich auf und bin enttäuscht, weil mir jemand nicht geschrieben hat. Das muss man sich doch bitte vorstellen: Wie kann man über etwas ernüchtert sein, das nur auf dem Bildschirm abläuft? There’s no such thing as real life. Es gibt keine textgebundenen Verpflichtungen, keinen Du-schreibst-mir-ich-schreibe-dir-zurück Vertrag. Man darf zwar gespannt sein, man darf hoffen, aber letztendlich hat man die Kontrolle darüber, was im Posteingang landet, nie besessen.

Ich bin abhängig, vom guten Willen meiner Mitmenschen, von ihrer Art des Kommunizierens, der Häufigkeit, mit der sie Nachrichten senden und empfangen möchten. Gerade mit neuen Menschen muss sich all das erst einspielen. Auch selbst muss man abwägen, wie oft man sich melden möchte. Sobald man darüber nachdenkt, ob es zu viel oder wenig ist, läuft meiner Meinung nach schon etwas falsch. Ich möchte mir nicht auch noch den Kopf darüber zerbrechen müssen, wie etwas wo ankommt.

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Hat sich einmal ein Muster entwickelt wird es schwer, dieses zu durchbrechen. „Er hat sich doch tatsächlich seit gestern 10:43 nicht mehr gemeldet!“ Nicht-zu-schreiben deuten viele bereits als das Ende der Freundschaft oder Beziehung. Nicht-schreiben als ultimativer Beweis der Gleichgültigkeit, der eigenen Überlegenheit. Nicht-schreiben ist der digitale Machtdiskurs des 21. Jahrhunderts. Wenn man sonst alle fünf Stunden voneinander hört, nette Selfies mit Geschwistern versendet oder einfach nur das Häufchen Elend, das man um fünf Uhr morgens nach einer langen Nacht aus den Kühlschrankresten zusammengestückelt hat, sind 24 Stunden ohne ein Lebenszeichen des anderen nichts weiter als eine schier unüberbrückbare Geduldsprobe, die man fingernägelknabbernd aussitzen muss, bis es wieder grün blinkt. Oder blau. What a life.

Währenddessen kann man sich noch so sehr ablenken, das „Leben leben“, arbeiten, Texte redigieren, über die Abgabe des Exposés nachdenken. Fakt ist, man wird hin und wieder die ganze Zeit auf das Smartphone starren, in freudiger Erregung, man wird hochschrecken, sobald der Bildschirm aufleuchtet, das Teil vibriert oder einen Ton von sich gibt – um festzustellen, dass sich lediglich die Cousine zweiten Grades nach der genauen Uhrzeit für das Familienessen am Sonntag erkundigt hat. Leider, für dich gibt es diese Woche kein Date.