Die menschliche Sexualität ist kompliziert. Noch bevor eine junge Frau überhaupt weiß, was man alles mit ihr anstellen kann, wird das Thema medial so einseitig wie nur möglich durchgelutscht, bis sie sich gar nicht mehr frei zwischen den Stereotypen einordnen kann. Schlampig oder bieder. Push-up oder Kapuzenpulli. Hobbyköchin oder Hure.

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Wie du es machst, es ist auf jeden Fall falsch. Scheinbar allgemeingültige Regeln werden in pseudoaufklärerischer Manier in Mädchenmagazinen verbreitet, um sich in Folge dessen erfolgreich im Gedankengut unserer Gesellschaft einzunisten. “Kind, lass dich nicht von irgendeinem Dahergelaufenen ent-jungfern!” Deine Jungfräulichkeit ist wertvoll, pass auf, dass du sie als unberührte Frau nicht voreilig verschenkst! Die eigentliche Frage lautet: Kann man so etwas wie “Jungfräulichkeit” wirklich verlieren oder handelt es sich nicht eher um ein von Kultur und Religion geprägtes Konstrukt, das Frauen in ihrer Sexualität beschneidet? Was geht denn bitteschön verloren?

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“Weil ich jung war und weil mir’s Spaß machte, deshalb habe ich früher keineswegs verkannt, was in der Sinnenlust Sünde war; und weil es mich jetzt, wegen meiner Jahre nicht mehr reizt, verkenne ich auch nicht, was für Wonnen die Sünde bringen kann […].“ Montaigne; Essais, 291 f.

Obwohl ich die BRAVO Lovestories durchaus amüsant finde, möchte ich mich heute nicht näher mit den Themen slutshaming oder “das erste Mal” auseinandersetzen müssen. Ein anderer Spruch geht mir nämlich seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf: „Ach, der muss sich ja noch ausleben!“ Sonst wird die Person „später Angst haben, etwas verpasst zu haben.“ Als ob man Sexualität an- und ausknipsen könnte wie eine Nachttischlampe. Als ob man eines Tages einen Vertrag mit sich selbst eingehen könnte, in dem festgehalten wird, dass man jetzt auch mal „genug hatte“, dass ein Mensch quantitativ betrachtet ausreichend erlebt und gesehen und gespürt und gerochen hat. Alles Bullshit.

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Als ob man je genug haben könnte, von der Faszination eines Gegenübers und neuen Körpern und der Aufregung vor der ersten, beinahe unabsichtlichen Berührung. Als ob man nach einer festgelegten Anzahl von Erinnerungen mit Sicherheit sagen könnte: das war es, für den Rest meines Lebens, mit der Begierde, von hier an werde ich mich nie wieder für jemand anders interessieren. Ich darf ein Stück weit absterben. Denn ich habe mich „ausgelebt“. Man muss sich das Verb erstmal sprachlich auf der Zunge zergehen lassen. Was soll aus-leben überhaupt bedeuten? Man lebt nur bis zu einem gewissen Datum, kann sich bis dahin umsehen und durchschmecken und selbst finden und danach, dann hat es sich aus-gelebt?

“Es mag ja weisere Leute geben, die sich so etwas wie eine ganz geistige Ruhe ausdenken und sich darin wohl fühlen; aber da müssen sie eine kraftvolle, unerschütterliche Seele haben. Ich habe nur eine gewöhnliche Seele; deshalb muß ich mein seelisches Wohlbefinden durch körperliche Annehmlichkeiten stützen.” Montaigne; Essais, 125 f.

Man hat schon gelebt, jetzt kann man damit aufhören, sich wieder wichtigeren Dingen zuwenden, wie der Doktorarbeit, der Produktion der ersten eigenen Kollektion, der kaputten Waschmaschine?

Auch diese verzerrte Vorstellung einer abgeschlossenen und unveränderlichen Sexualität gleicht einem Mythos, dessen Wurzeln – wie soll es auch anders sein – in der Hochstilisierung der eventuell seriellen aber doch sicherlich monogamen Beziehung liegen. Alles, was gedanklich über die eingedrückte Bettseite des Partners hinausgeht, ist verboten. Da wird nicht darüber geredet, nein, man hatte seine Chance, nun ist aber mal gut mit der Fickerei.

“Man kann sich nichts darauf einbilden, daß man die Sinnenlust verachtet und bekämpft, wenn man sie nicht sieht, wenn man sie nicht kennt, und zwar in ihrer ganzen Lieblichkeit, in ihrer ganzen Macht und in ihrer ganzen lockenden Schönheit. Ich kenne beide Arten der Mäßigkeit; das kann ich wohl sagen!“ Montaigne; Essais, 293 f.