Donnerstag, 15:47. Mein Mund ist trocken. Die letzte Kaffeepause ist eine Stunde her. Es zieht unangenehm im full integrated newsroom. Mir ist fad. Ich glaub’, ich will eine rauchen.

Geh, welchen Artikel könnt ich heut’ noch schnell schreiben, am besten einen, bei dem ich nicht zu viel oder zu lang recherchieren muss, es ist auch fast schon vier, alles von Literaturanalysen bei der Zentralmatura bis hin zu Grassers Steuergutachten fällt also weg. Sehr schön.

Vielleicht lässt sich auf Social Media ein Schicksal auftreiben, das man mit ein bisschen Überredungskunst gekonnt sozialkritisch ausbeuten könnte. Wobei, dafür müsst’ ich erst wieder irgendwen anrufen und betteln und erzählen, um was es geht und eigentlich will ich das gar nicht. Urmühsam. Scheiß Beruf.

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Wenn ich nur ein bissl länger nachdenk, gibt’s wahrscheinlich auch etwas über mein eigenes Leben zu berichten. Aktuell hab’ ich gehört, dass die Themen Pflege, Depression und Entschleunigung ganz gut gehen, die Mutter meiner Freundin liegt in einem Altersheim ruhiggestellt, man könnte sie mal wieder anrufen, auf ihrem Nokia 3210. Das gibt sicher was her!

Ich würd’ mich hinsetzen, professionell distanziert – eh klar – meinen Block rausholen, und erstmal drauf losschreiben, im Reportagestil das grausige Krankenbettessen im Detail skizzieren („Das Kartoffelpüree aus dem Sackerl ertrinkt in Soße, dazu gibt es abgebundenes Selchfleisch von gestern, ohne Kümmel“). Dann beschreib’ ich noch gschwind den Raum, irgendwo wird schon ein nettes Familienfoto stehen, auf dem alle falsch lächeln, genau, sogar mit Hund. Die Decken sind grau, die Blumen vom Besuch vertrocknet. Das reicht.

Wobei? Eigentlich geht es mir ja selbst auch nicht so super, irgendwas ist immer.

Ah, jetzt ist mir was besonders Gutes eingefallen, ich könnt’ über den Tod meines Großvaters schreiben, das Thema betrifft ja auch ein jeden, Großeltern sterben halt, darauf stehn die auf twitter, wenn ich das ausbreite und auslatsche, wie bestürzt ich bin und wie schlecht es mir ging und dass Trauer zum Mensch-sein und Mensch-werden dazugehört und dass uns dadurch bewusst wird, wie kurz die uns noch auf der Erde verbleibende Zeit bemessen ist und dass es zuerst ganz schlecht sein muss, bevor es wieder gut wird, bevor man sich wieder aufrafft, rausgeht, zum Fleischer um die Ecke und eine Leberkässemmel bestellt, mit extra Käse, ohne Pferd. Und im Anschluss einen Hashtag erfindet.

Es braucht Zeit, bis man wieder den selbstgebrauten Traubensaft genießen kann, der einen an die eigene Kindheit im Waldviertel erinnert, als man Würmer fraß und Kaulquappen in Fischmäulern ertränkte. Vielleicht bin ich Autistin?

Ja, das gibt sicher was her, ich rieche das, wer soll schon etwas gegen dieses journalistische Ausbeizen der eigenen Privatheit sagen, im Endeffekt muss man seine höchstindividuellen Erfahrungen ja auch irgendwie monetär verwerten, nicht?

Es soll nicht umsonst gewesen sein, der finanzielle Ruin, das gebrochene Herz, der Jobverlust. Immer schön persönlich bleiben, das stärkt nicht nur die journalistische Authentizität, sondern lässt einen auch zum interessanten Gesprächspartner in deutschsprachigen Fließbandproduktionen avancieren, man ist dann Expertin oder Fachfrau für, hallo Herr Jauch, hallo Frau Meischberger.

Weil man alles schon gesagt hat: HALLO DAS IST MIR PASSIERT UND DESHALB IST ES ECHTER ALS ALLES ANDERE DA DRAUSSEN. Hallo, ich ich ich ich! Ich weiß, wie es sich anfühlt, fragt mich, ich habe ein Buch über meine Angstzustände geschrieben, im Eigenverlag herausgegeben, bei Verlosungen verschenkt. Kauft mich. Liebt mich, oder hasst mich zumindest ein bisschen, denn wenn schon Max aus der damaligen 8B und der Mann meiner Großcousine über mein Innenleben Bescheid wissen müssen, soll sich das auch irgendwo finanziell rentieren.

Ich bin dann ja die, die bis zur gerichtlich verordneten Löschung im Jahre 2043 mit den Google Suchergebnissen zum eigenen Namen leben muss, die jetzt immer nur als die „Depressive“ oder die „Paranoide“ oder die „Feministin“ abgestempelt wird, dabei bin ich doch viel mehr, ja! Ich weiß das.

Auch darüber, dass ich ein Mensch bin, werde ich demnächst einen die Gesellschaft ankackenden Text veröffentlichen, worin ich mich beschwere, dass man nicht alles für bare Münze nehmen soll, was so im Internet steht und dass es sehr wohl einen Unterschied gibt, zwischen dem, was man raussendet, also ins WWW und dem, was hinter zugezogenen Gardinen und unter abgestreiften Pyjamahosen passiert.

Ja?