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26. Februar 2015
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Dieser Beitrag hätte im Falter erscheinen sollen, wäre er nicht aufgrund von Platzmangel hinausgeflogen.

Das Internet ist bekanntlich nicht der Ort, an dem sich das bessere Argument durchsetzt. Täglich muss sich ein ganzer Berufsstand durch beleidigende Kommentare wühlen, um das Gesprächsklima in Zeitungsforen auf neutralem Niveau zu halten. Große Verlagshäuser suchen seit Jahren verzweifelt nach einer Lösung, um endlich Frieden einkehren zu lassen, im journalistisch ohnehin vorbelasteten Online-Terrain. Zurück zum Leserbrief will dann nämlich doch keiner, fruchtloses Changemanagement hin oder her.

Um die zeitintensive Moderation zu erleichtern, haben die Macher des kostenlosen Onlinemagazins „Tablet – A new read of jewish life“ den Störenfrieden kurzerhand eine Paywall vorgesetzt. Und damit auch allen anderen Kommentierenden. Seit einer Woche können Leser via Kreditkarte oder PayPal für ihren Meinungsbeitrag zahlen. Zwei Dollar am Tag, 18 Dollar im Monat oder 180 Dollar im Jahr. Freie Meinungsäußerung bekommt einen Preis.

Statt die Leserkommentare einzustellen, hat sich Chefredakteurin Alana Newhouse für die vornehme Alternative entschieden. Das Internet, so Newhouse, fördere neben vielen positiven Effekten leider auch destruktive Debatten. Diese tragen neben höheren Werbeeinnahmen und Klickzahlen dazu bei, dass das Image eines Mediums beschädigt werde. Wissenschaftler haben eine Art „Nasty Effect“ festgestellt: Ein aggressiver Ton kann dazu führen, dass Leser dem Thema gegenüber generell negativer eingestellt sind. Eine Erklärung dafür, warum Randgruppen die Diskussion zu bestimmten Themen scheinbar dominieren.

Als Geschäftsmodell sei die Gebühr jedenfalls nicht gedacht. Das von der gemeinnützigen jüdischen Organisation Nextbook finanzierte Magazin wolle mit kostenpflichtigen Kommentaren lediglich ein kultivierteres Umfeld für alle Leser schaffen. Wem die Gebühren zu teuer sind, kann sich weiterhin per Facebook oder Twitter an Diskussionen beteiligen.

Thomas Steinmaurer, Professor für Kommunikationstheorien an der Universität Salzburg, hält die Idee, für freie Meinungsäußerung bezahlen zu müssen, für sehr problematisch. Die Herangehensweise von „Tablet“ würde auf eine Bezahldemokratie hinauslaufen, die in niemandes Interesse sein könne. Auch Joan Ramon Rodríguez-Amat, Assistant Professor for Media Governance vom Publizistik Institut der Universität Wien hat Bedenken. Jedes Bestreben die freie Meinungsäußerung zu beschränken, sei es monetärer oder technologischer Natur, müsse kritisch beobachtet werden und dürfe nur unter besonders drastischen Umständen akzeptiert werden. Zudem würden sich Trolle einfach das nächste Medium suchen, um dort das Klima zu vergiften. Rodríguez-Amat hält das Modell für eine lächerliche und kurzsichtige strategische Lösung, mit höchst antidemokratischen Wurzeln.

Wer sich durch die Homepage von „tablet“ klickt, wird knapp zehn Tage nach der Einführung der Gebühr den Eindruck gewinnen, dass endlich Konsens herrscht, im World Wide Web. Null Kommentare zu vorehelichem Sex, null Kommentare zur US-amerikanischen Islamophobie. Ein Kommentar zu Ron Liebers neuem Buch. Gesamt eher dürftig. Immerhin sind die Trolle weg. Ob sich die Gebühr international durchsetzen wird? Unwahrscheinlich.

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