Ich hatte ja eigentlich schon gepackt für Kroatien, sogar den roten Bikini den wir damals gemeinsam bei H&M gekauft haben, aber Stefan war dann dagegen, das wäre doch sowieso zu teuer und zu anstrengend für uns. Man kann sich auch mal mit dem zufrieden geben, was man hat, oder, statt zu glauben, man wäre plötzlich glücklicher, jemand Anders, nur weil man die große Zehe ins Meer stecken kann, oder auch das ganze linke Bein, wenn es nicht zu kalt ist, oder voll mit Fischen, die dann an der Hornhaut saugen, wenn man nicht aufpasst.  

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In Arkadien geboren, wie Schiller sagt, sind wir freilich Alle: d.h. wir treten in die Welt, voll Ansprüche auf Glück und Genuß, und hegen die thörichte Hoffnung, solche durchzusetzen. In der Regel jedoch kommt bald das Schicksal, packt uns unsaft an und belehrt uns, daß nichts unser ist, sondern Alles sein, indem es ein unbestrittenes Recht hat, nicht nur auf allen unsern Besitz und Erwerb und auf Weib und Kind, sondern sogar auf Arm und Bein, Auge und Ohr, ja, auf die Nase mitten im Gesicht. Jedenfalls aber kommt, nach einiger Zeit, die Erfahrung und bringt die Einsicht, daß Glück und Genuß eine Fata Morgana sind, welche, nur aus der Ferne sichtbar, verschwindet, wenn man herangenkommen ist; daß hingegen Leiden und Schmerz Realität haben, sich selbst unmittelbar vertreten und keiner Illusion, noch Erwartung bedürfen. Fruchtet nun die Lehre; so hören wir auf, nach Glück und Genuß zu jagen, und sind vielmehr darauf bedacht, dem Schmerz und Leiden möglichst den Zugang zu versperren. Wir erkennen alsdann, daß das Beste, was die Welt zu bieten hat, eine schmerzlose, ruhige, erträgliche Existenz ist und beschränken unsere Ansprüche auf diese, um sie desto sicherer durchzusetzen. Denn, um nicht sehr unglücklich zu werden, ist das sicherste Mittel, daß man nicht verlange, sehr glücklich zu seyn.

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Aphorismen zur Lebensweisheit