Bevor ich euch mit einer ellenlangen Einleitung vom eigentlichen Inhalt abhalte, komme ich lieber gleich zum Punkt. Linked In ist mein persönliches Blogger-Potpourri, das meine liebsten Beiträge des letzten Monats für nachfolgende Generationen aufbewahren soll. Auf Twitter gehen die Empfehlungen leicht unter, deshalb hier nochmal zum Mitnehmen. Enjoy!

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Es gibt sehr wenige deutschsprachige Seiten über Klassismus. Umso erfreuter war ich, als ich diesen Monat auf den Blog Clara Rosa – Class Matters gestoßen bin. In “Because – you know – it´s all about that space, ´bout that space” schreibt die Autorin über die bildungsbürgerliche Keule, die einem in akademischen Räumen oftmals mit einer hochgezogenen Augenbraue übergezogen wird.

Was ich kenne sind Wahlfamilien, (…) die ihre eigene Bürgerlichkeit nie thematisierten, während sie mein Proll-sein immer wieder heraus stellten und bearbeiteten. Wohlwollend oder herablassend meine Sprache, meine Körperhaltung, mein Lachen kommentierten und korrigierten, bis ich mich selbst kaum noch wieder erkennen konnte. Meine Sprache, mein ich, sind von dieser bürgerlichen Be-Sozialisierung (Ja! Ich meine BE!) geprägt – und ich versuche mein bestes, mir andere Räume zu suchen, in denen bürgerliche Normen thematisiert werden können.

Wie oft hört man seine Mitmenschen darüber klagen, dass sie so wenig Zeit hätten, ständig mit E-Mails und Whatsapp-Nachrichten bombardiert werden und bei all den minutiös ausgeführten Checking- und Sharingprozessen irgendwann noch ihre Kreativität vor die Hunde gehen würde? Jemima Kiss schreibt in “The web has stolen my creativity” über eben beschriebenes Massengejammer auf hohem Niveau und was man dagegen tun kann könnte.

For every instructional video and the remarkable luxury of real-time global instant messaging, there is, on a bad day, a thousand punchlines, a thousand cannibal comment threads, an endless river of pouting, over made-up selfies all demanding your attention and once they have it, they send it off elsewhere.


Einer meiner absoluten Lieblingstexte stammt diesen Monat von Stefan Mesch. “Nimmst du das hin? Lässt dich das kalt?” fragen Medien und laden uns ein, immer wütender zu werden: über globale Ungerechtigkeiten – und über einzelne Sätze, Ansichten, Entscheidungen und Marotten einzelner Menschen. Der Autor hat keine Lust mehr, sich über Nicht-Freunde mit anderen Meinungen in seiner Timeline aufzuregen. So vieles sieht Stefan anders, so vieles gefällt ihm nicht. Aber:

mich beklemmt, dass jeder Schritt, den jeder Mensch für sich nehmen darf (und wirklich: so viel Handlungsspielraum und Eigenwirksamkeit bleibt eh den wenigsten!) global als Einladung zu einer Pro-und-Kontra-“Debatte” verstanden wird: Nehme ich das hin? Finde ich das richtig? Verschleierte Frauen? Kurze Röcke? Dicke Kinder? Jagd auf Singvögel? Leihmutterschaft und Social Freezing? Nicken wir das ab? Können wir ertragen, in einer Welt zu leben, in der Menschen andere Prioritäten setzen, andere Vorstellungen haben von Gerechtigkeit, Selbstverwirklichung, Freiheit und Glück?

Der Beitrag “Die jungen Leute auf Youtube” auf kleinerdrei thematisiert den Umgang mit der mysteriösen “digital-nativen” Jugend. Oftmals wird in Analysen nach folgendem Schema argumentiert: “Wir, die altvordere Blogosphäre, erklären euch wie und wo ihr am besten ins Internet reinschreibt, wer die Bösen sind, wer die Guten und belächeln euch und euren Kram dabei milde von oben herab. Gleichzeitig sind wir neidisch auf eure Views und Abonnent_innenzahlen, denen wir auf Konferenzen und Panels hinterherrätseln.” Ist die Unterscheidung zwischen “wir” und “ihr” nicht längst überflüssig?

Diesen Monat habe ich zwei Texte auf der keine Unterschied gelesen, die ich euch gerne zeigen möchte, wenn wir schon bei Klassismusdebatten sind. Der erste Text handelt von der Angst einer 25-Jährigen, nach ihrem Abschluss keinen Job zu finden. “Der Gedanke, dass an mir ein Makel klebt, verfolgt mich. Expert*innen sprechen davon, dass Armut vererbt wird – was, wenn sie recht haben?” Die Autorin ärgert sich über das medienvermittelte Bild von “der Unterschicht”.

Es wird viel über “Problemfamilien” geschrieben – aber wenig über die Probleme der Familien. Stattdessen dürfen wir in der FAZ lesen, dass Spitzenverdienende mit 10.000 € brutto im Monat sich nicht als reich empfinden und unter schlaflosen Nächten leiden, weil jemand ihren Fitnessraum ausräumen könnte. In bin weder hausrat- noch unfallversichert, falls die Waschmaschine meine Küche überfluten sollte, habe ich ein ausgewachsenes Problem.

Der zweite Text “Über Privilegien und Diskriminierungen” wurde von einem 35-jährigen Mathematiker verfasst, der seine Erfahrungen als Agender und Asexueller in einem vorgefertigtem System öffentlich macht.

Ich habe ein großes Privileg: meine Abweichungen von der Norm sind alle unsichtbar. Wenn ich einen Raum betrete, so sehen die Menschen zunächst einen jungen, weißen Mann, der Anzug trägt und sich höflich und freundlich verhält. Wenn ich in Gesprächen über eine (frühere) Partnerin rede, so gelte ich sofort als heterosexuell und damit normkonform.

Der Autor möchte die LeserInnen dazu animieren, über ihre eigenen Privilegien nachzudenken, die sie aufgrund ihrer Geburt in eine bestimmte Familie und/oder Gesellschaft genossen haben.

Zum Durchschnaufen empfehle ich an dieser Stelle ein nettes Video der New York Times über meine Heimatstadt Wien, das neben all den überbewerteten Touri-Plätzchen auch meine liebste Bar If Dogs Run Free zeigt. Falls ihr mich in Wien besuchen wollt: Gerne!

Wenn wir schon bei “Lieblings” sind (immer diese Wertungen ;)) möchte ich euch noch den einen oder anderen Artikel von Corinne zeigen, die das fast schon satirische Ausnahme-“Frauenmagazin” Makellosmag erfolgreich leitet, führt, kommentiert und lektoriert. Ein Ein-Frau-Magazin, das seinesgleichen sucht. In “Die Niveaufrau und ich” nimmt sie die blitzeblanke Scheinwelt auseinander, die uns die Werbung so gerne präsentiert.

Selbst das Kind der Niveafrau hinterlässt keine bleibenden Spuren außer die pittoresk arrangierten Spielzeuge Ziehlöwe und Holzauto. Auch wenn die Niveafrau, wie wir bald erfahren werden, mitten im pulsierenden Leben steht, hat sie es geschafft ihr Kind von digitalem Plastikkram fernzuhalten. Bei der Niveafrau – ja, da können wir uns sicher sein – gibt es keinen Kampf ums Fernsehgucken.

Auch lesenswert ist Corinnes kritische Auseinandersetzung mit ihren eigenen Make-up Gewohnheiten: “95% der Zeit habe ich eine Morgenroutine, die kein Make-up beinhaltet. Es ist aufwendig. Es kostet Zeit. Es bringt mir keinen erkennbaren Nutzen. Ich finde es super zu wissen, dass mein Kissen nicht aussieht wie ein Gemälde von Pollock.”

Danke für so viel Ehrlichkeit, in all euren Blogbeiträgen. Genau darum sind Blogs für mich so spannend.