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27. Januar 2015
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conchita_melografik

Selten habe ich die deutsche Sprache so vermisst wie während meiner Zeit in Belgien. Angefangen beim nicht zu verachtenden Spektrum aller potentieller Dativ-Akkusativ Fehler, hin zur Dass-oder-das Regel, den wunderbaren Relativ- und Demonstrativpronomen und halt den anderen Regeln, die ich nicht adäquat erklären kann, aber trotzdem blind befolge. Weil ist halt immer schon so gewesen. Warum rege ich mich über Niederländisch auf, wenn die Sprache einem unter anderem das lästige S-Anhängsel nach jedem dritten Wort erspart? „Eines schönen Lebens“ wäre ein Paradebeispiel. Schwieriger wird es bei den Artikeln, wobei man immerhin eine 50:50 Chance hat, richtig zu liegen. Ob es sich um ein „de“ oder „het“ Wort handelt, werde ich in diesem Leben nicht mehr herausfinden. Von mir aus kann die Arbeit gerne auch der Arbeit heißen. Oder das Arbeit. Ist mir alles wurscht geworden. Was mir hingegen nicht so wurscht ist, sind die Kleinigkeiten, die man einfach so im Dialog einstreut, wenn man gerade nicht überlegt. Die ganz natürlich kommen. Dass sich auf der Ferse eine mittelgroße Blase gebildet hat, zum Beispiel. Man wird sie kaum bubble nennen.

Seit ich vor dem Sprechen überlegen muss, bin ich ziemlich still geworden. Man stelle sich vor, es gibt tatsächlich Menschen in Europa die mich als ruhigen Menschen beschreiben würden. UNDENKBAR! Aber bevor ich mich geistig überanstrenge und in meinem Oberstübchen nach einem längst verloren gegangenen (Dativ oder Akkusativ?) Vokabel krame, lass ich es lieber ganz bleiben. Dafür kaue ich das erste Mal in meinem Leben beim Essen mit geschlossenem Mund. Wenn das Oma sehen könnte! Wenn einem auf Teufel komm raus nicht die Wörter für Abtreibungsdebatte oder Verlängerungskabel einfallen, muss man sich anders zu beschäftigen wissen. Außerdem wird mein Englisch, also in diesem Leben, immer besser sein als mein Niederländisch, wie gleicht man dieses schwerwiegende Defizit aus, das sich trotz wenig fruchtbarem Englischunterricht schlussendlich doch noch durchsetzen konnte. Was soll man tun gegen den kontinuierlichen Fortschritt seiner Sprachkenntnisse – wenn auch der falschen.

Nein, weil eigentlich spreche ich eh Nederlands

Am Montag fragte mich die Kellnerin beim Mittagessen zuvorkommenderweise, ob ich Hilfe beim Übersetzen der Karte bräuchte. Nein, weil eigentlich spreche ich eh Nederlands, ich kann auch sinnerfassend Zeitung lesen und sogar ein Buch liegt auf meinem Nachtkasten, was für ein Relikt unserer Zeit, unberührt ab Seite 121. Es scheint, als ob mein Sprachareal blockieren würde. Heute wegen Demonstration geschlossen. Dieselbe Motivation, die mich noch im März zu einem 11 (!) ECTS Intensivkurs an der Nederlandistik überlistete, hatte sich kurz vor dem Ende meines Auslandssemesters geschlichen. Hat was mit dem Ego zu tun, fürchte ich. Es gibt Gründe, warum ich nicht mehr zum Bikram Yoga gehe, abgesehen von den Ohnmachtsanfällen. Ich bin eben ungern die, die etwas am schlechtesten kann.

Besonders vor den Kopf gestoßen fühlte ich mich, wenn ich ein Gespräch auf Niederländisch anfing und mein Gegenüber auf Englisch antwortete. Danke aber nein danke. Dann eben Englisch, ihr habt es nicht anders gewollt. Traf ich im Supermarkt auf ein länderspezifisch abgewandeltes Milka-Produkt (melocake, anyone?), fing ich an wild um mich zu greifen und meinen Mitmenschen mitzuteilen, dass das ein österreichisches Produkt sei wäre. Dass ich in Österreich normalerweise daran vorbeilaufe, weiß ja niemand. Neben Milka ist das Einzige, was abseits der österreichischen Landesgrenzen in Belgien Bekanntheit erlangt hat, Conchita Wurst. Aber sei’s drum. Wirklich verwundert war ich erst dann, als man mich fragte, wie es eigentlich sein kann, dass ich perfektes Deutsch spreche. Wissen die Belgier halt nicht, dass man in Österreich nicht Austrian spricht. Schmeichelnd war es auch, als meine deutsche Freundin der Belgierin erklärte, dass man in Österreich „nicht wirklich Deutsch spricht“. Also, es hört sich schon anders an, das falsche Deutsch. Die Belgierin war verwirrt. Aber wer im Glashaus sitzt und so, schließlich gibt es ja auch kein Belgisch, ha!

Schirch ist nicht ugly. Schirch ist schirch

An meinem ersten Tag zurück in Wien kam mir ein Mann im 6. Bezirk entgegen, der mich nach einem trockenen Hustenanfall fragte, ob es „eh geht“. Sein wienerisches Brummen ließ mich zumindest bis nach Ottakring grinsen. You’re at home, baby. Es sind die kleinen, feinen Nuancen der österreichischen Sprache, die mir abgegangen sind. „Eh“ und „deppat“ zum Beispiel. Oder auch „schirch“. Wie soll ich bitte authentisch sein, wenn ich nicht beschreiben kann, wie ich mich gerade fühle? Schirch ist nicht ugly. Schirch ist schirch.

In Belgien habe ich zum ersten Mal gelernt, was es heißt sich fremd zu fühlen. Das unangenehme Gefühl, nicht verstanden worden zu sein, auch abseits der Sprachebene. Ich hoffe inbrünstig, dass meine mittlerweile von mir verlassenen Mitbewohner nicht irgendwann zu folgendem Fazit gelangen werden: „Yes, I know this one girl from Austria, she was totally crazy. These Austrian eat chicken all the time and turn on the heating at night (!).“ Schade, dass ich mich oft nicht besser mitteilen konnte, als in nichtssagenden Smalltalk-Bröckchen. Yes, I was at the university. Hm, I don’t know what I will do tomorrow. Maybe study or go to the fotomuseum. Yes, maybe we can cook together. Ergreifende Gespräche zwischen Badezimmertür und Küchenthresen.

kroketten

Fast verspüre ich Traurigkeit darüber, dass meine Zimmernachbarn niemals den Unterschied zwischen Glühwein („You know, it’s a german thing!“) und Punsch kennen lernen werden. Oder den zwischen Mittagsmenüs um 7,50 und 16,50. Bei letzterem schmeckt’s nämlich aufgrund der unverhältnismäßigen Preisspanne dann beim bestem Willen nicht mehr. Und Schnitzel. Meine zurückgelassenen Mitmenschen werden vielleicht niemals in den Genuss von frittiertem Kalbfleisch kommen. Dafür haben sie Garnelenkroketten. Die habe ich auch nicht vermisst, bevor ich sie kannte. Na dann.

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by
    • mühlwasserferdl
    • 18. Februar 2015
    Antworten

    schirch = schiach.

      • groschenphilosophin
      • 19. Februar 2015
      Antworten

      auf meinem Blog erlaube ich mir die wienerische Variante zu verwenden und nicht die oberösterreichische.
      Schirch wird schirch ausgesprochen. Und nicht schiAAAch. ;)

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