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Michaela steigt das Treppenhaus im Dunkeln hinab, aus Angst beim Abtasten der Wand den falschen Schalter zu drücken und die Nachbarn hinauszuklingeln. Es ist halb sechs, sie muss noch kurz den Lebensmitteleinkauf tätigen, deshalb heißt es ja Lebensmittel, damit man die Mittel hat, um sich am Leben zu erhalten. Also schnell zum Hofer, zur Tiefkühlabteilung und zwei tiefgefrorene Lachsstücke rausholen. Etwas Grünes sollte man noch dazu essen, empfiehlt die Post-Weihnachts-Diätbeilage, vielleicht die innen angelaufene Salatmischung. Michaela hat keine Tasche mitgenommen, zwei Dinge kann sie auch in ihren Händen tragen, das macht dann sechs Euro fünfundzwanzig Cent, einen schönen Abend noch, ja Ihnen auch! Sie geht die Straße hoch, ein paar Ecken sind es noch bis zum vorläufigen Zuhause, sie hat die Wohnung heute den ganzen Tag nicht verlassen, bis jetzt. Michaela denkt darüber nach, was wohl gerade in den Köpfen der anderen vorgeht, wo sie hinwollen, welcher Zufall sie an diesem Tag zu dieser Uhrzeit zusammen gebracht hat, welche Probleme hinter dem routinierten Griff zur Salamipackung in Zaum gehalten werden müssen. Keiner sagt hallo, man kennt sich nur vom Sehen.

Michaela sperrt die Tür auf. Ihre Mitbewohnerin ist aus dem Wohnzimmer geflüchtet, sie hatten zuvor Streit. Es ging um die Heizung, Michaela schläft nicht gerne mit eiskalten Füßen. Außerdem vergisst Jutta meistens den Müll runter zu tragen und hat vorgestern bis zwei Uhr nachts in der Küche Lärm gemacht, weil Studienkollegen mit Weinflaschen eingeladen waren. Es ging wie bei den meisten Streitigkeiten in Wahrheit nicht um den Müll, aber das traute sich niemand sagen. Michaela muss morgens um sieben aufstehen, das Studium liegt seit etwas mehr als einem Jahr hinter ihr, da gibt es nichts nach dreiundzwanzig Uhr dreißig, außer Weckerstellen. In einem Monat ist Michaelas spärlich möbliertes Zimmer wieder belegt, dann kommt Stefanie von ihrem Auslandssemester zurück. Eigentlich will Michaela ihre eigene Wohnung, sie schaut online nach neuen Immobilien, sofern Zeit bleibt, aber sie sind immer zu teuer für sie alleine. Ihr guter Freund Leonard rät ihr, eine Wohnung zu kaufen, das zahlt sich auf Dauer doch aus, wieso sollte man die Kaution zahlen, wenn man ohnehin vor hat da zu bleiben. Aber Michaela weiß nicht, ob sie da bleiben will, vielleicht ist es woanders ja besser. Ihre Firma wird sie nicht übernehmen, das ist Tatsache, ein halbes Jahr ist bald rum und während der Zeit, in der sie angestellt war, haben sie vier Leute entlassen. Die Zweigstelle in Wien sperrt zu, in einem Monat ist alles anders, in einem Monat ist ihr Zimmer weg, ihr Job, alles, was momentan ihren Alltag be- wenn schon nicht erfüllt.

Michaela denkt darüber nach, eine Wohnung zu kaufen. Was ist, wenn ich keinen Job finde, in den nächsten drei Monaten? Dafür einen Kredit aufzunehmen. Wie bekomme ich einen Kredit, wenn ich keinen festen Job habe? Oder ein letztes Mal in eine Wohngemeinschaft zu ziehen, vielleicht läuft es diesmal besser. Zählen befristete Arbeitsverhältnisse, die zweimal pro Jahr eingegangen werden? Morgen hat Michaela ein Vorstellungsgespräch auf Skype für einen Job in Hannover. Wenn sie den Job bekommt, ist das nächste halbe Jahr gesichert. Es ist immerhin kein Praktikum, sie ist dann Project Managerin bei einer internationalen Firma, sie hat die Chance bekommen, wieder neu anzufangen, sich ein Lieblingscafé zu suchen, ein Kino mit französischen Filmvorstellungen, einen Brotladen, eine neue beste Freundin. Michaela weiß nicht, wo sie Ende des Jahres sein wird, der Abend wird jedenfalls nicht in dem Bett enden, in dem sie gerade liegt, und das ganz unabhängig davon, ob sie dann in einer Beziehung sein wird oder nicht.

Jutta findet Michaelas Leben spannend. Sie möchte nach ihrem Studium erstmal die Welt kennen lernen und schauen, wo es ihr gefällt. Zuerst ein wenig jobben, um einen ersten Einblick in das Arbeitsleben der erfolgreich vernetzten Generation zu bekommen, und dann schauen, wo man bleibt. Michaela kann darüber nur noch milde lächeln, Gedanken einer Neunzehnjährigen. Im letzten Semester ihres Studiums hat sie 20 bis 25 Stunden bei einer Firma gearbeitet und 350 Euro Entschädigung pro Monat bekommen, darüber sollte sie auch noch froh sein. Dass das Gehalt weder für eine Wohnung noch für das Ansparen eines gewissen Geldbetrages ausgereicht hat, um danach in den sicheren Hafen des eigenen Daseins schlittern zu können, war ihr beim wöchentlichen Blick auf den Kontostand negativ aufgefallen.

Einundzwanzig Visitenkarten hat sie verteilt und bekommen. Drei Umzüge in etwas mehr als einem Jahr, drei verschiedene Zimmer, zwei verschiedene Städte. Sie trifft keine Entscheidung, die nicht heimlich von der Sorge durchtränkt wird, wo sie 2016 sein wird. Sein soll möchte. Michaela hat keinen abgeschlossenen Mietvertrag, keinen Kreditauftrag, keine festen Bindungen; alles so lose gehalten, dass sie jederzeit aufbrechen kann, in das neue Abenteuer, die neuen Herausforderungen, denen man sich als Berufsanfängerin nun mal stellen muss; den neuen fabelhaften Freunden und den Freitagabenden, die man alleine in seinem Zimmer verbringt, weil niemand da ist, der einen spontan besuchen könnte. Sie bucht Flüge zwischen zuhause und dem anderswo, spürt bei jeder Turbulenz die Zerrissenheit, weil sie sich nicht entscheiden kann, wo das Leben stattfinden soll. Wie soll etwas wachsen, wenn keine Zeit zum Zeichnen des Grundrisses bleibt, wie eine intime Beziehung aufrecht erhalten werden, mit der ständigen Furcht vor der Abreise im Hinterkopf und einem geflüsterten „wenn du dann noch da bist“. Wie soll das funktionieren, Normalität, mit tausend vorgegaukelten Optionen und keiner einzigen stabilen Alternative, gleichzeitig alle Kontinente erkunden und sich selbst und seine Umwelt ein Stückchen weit dabei verlieren, weil man immer die ist, die zurück kommt, aber nicht da bleibt, die weiterzieht aber nirgends ganz ankommt. Wie soll das verdammt nochmal funktionieren, mit diesem Ding, das man “ein glückliches Leben” nennt.