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Ich sitze mit Emma und Laura im Kaffee, irgendwo in Brüssel Noord. Wir bestellen Bier um 2,70. Emma und ich unterhalten uns zäh, während Laura auf ihr Smartphone schaut. Das tut sie dann noch für eine ganze Weile, sie muss schließlich mit ihrem Freund kommunizieren, der in Wien ist. Sie muss das genau genommen nicht, sie will. Es kommt auf die Kleinigkeiten an im Leben, findet Laura und manchmal ist das eben das Foto, das man aus dem Zug macht, um die Ortstafel festzuhalten, an der man gerade vorbeigefahren ist. Mechelen. Laura möchte keine Smiley-Herzen mehr von ihrem Freund per Whatsapp bekommen, erzählt sie uns. Sie findet, das ist nicht genug. Das hat keine Substanz. Dazu gehört mehr. Wichtig findet Laura eher das Bier vor sich. Es muss gemeinsam mit der aktuellen Ortsangabe zuerst auf Facebook geladen werden, bevor sie sich dem Chatverlauf mit Stefan widmen kann. Ich nehme einen Schluck.

Emma und ich haben kein Internet auf unseren Handys, also kein 3G, wir sind quasi dazu gezwungen miteinander zu reden. Also sprechen wir, der Gelegenheit halber, über Kommunikation, die ständige Inszenierung, Infiltrierung, der rechte Daumen bleibt allzeit wischbereit. Laura hört uns nicht weiter zu, sie ist damit beschäftigt einen Filter über das Selfie zu legen, das sie vor zehn Minuten gemacht hat. Sie hat augenscheinlich den Moment genossen, als sich Emma einen Regenschirm kaufte. Ich mag doch bitte so freundlich sein, und auf den weißen Knopf in der Mitte drücken, sie komme selbst nicht ran.

Wir bezahlen, gehen weiter, kommen an unzähligen kleinen Straßen vorbei, hohe Häuser in unterschiedlichen Farben. Ein Park, es regnet. Emma findet den rostigen Balkon schön, den mit den zwei Plastikstühlen. Ich bleibe stehen, an der Straßenecke, da wo man an der Kirche in ausgeblichenem Grün auf die Stadt hinab schauen kann. Ich hole mein Smartphone heraus, jetzt möchte auch ich die Aussicht fotografieren. Ich wische den Hintergrund auf meinem Sperrbildschirm weg, drücke das Kamerasymbol, bekomme eine Fehlermeldung. Kein Speicherplatz. Schnell das Video löschen, das ich vergangene Woche gemacht habe, dann gehen sicher wieder sechs oder sieben neue Fotos drauf. Ich mache das Foto. Noch eines, zur Sicherheit, von einem anderen Winkel. Ich habe also das Foto auf meinem Handy. Was mache ich jetzt damit. Es wird hier verweilen, in meinem Ereignisse Ordner auf dem iPhone. Dort reiht es sich ein, es ist Foto Nummer 543, es wird irgendwann ein paar Plätze vorrutschen, wenn ich die anderen Fotos auf den Computer übertragen und in der Zwischenzeit neue gemacht habe. Mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Zuhause verkabele ich meine Geräte. Synchronisieren. 87 Fotos werden übertragen. Ein neues Ereignis erscheint in meiner iPhoto Bibliothek. Mein Computer fragt mich: Auf dem iPhone behalten? Ja, behalten. Die schlechten lösche ich dann selbst. Das läuft so: Löschsymbol drücken, sorgfältig markieren, sicher 56 Fotos löschen? Ja. Dann sortiere ich die Fotos auf meinem Computer nach Städten oder Menschen, je nachdem ob die Menschen darauf schon einen eigenen Ordner auf meinem Computer haben. Ich ziehe die in meinem Kopf vorsortierten Fotos auf den Desktop, weil ich keine schnellere Methode kenne. Dann ziehe ich sie wieder in iPhoto, sodass sie gebündelt ein eigenes Ereignis darstellen. Das neue Ereignis ziehe ich dann auf einen anderen Ordner, der bereits Fotos derselben Kategorie enthält. Wie zum Beispiel Essen. Oder Herbst 2014. Die doppelten Fotos lösche ich einzeln aus dem ursprünglichen Ordner. Ich schließe die Ordner. Wahrscheinlich sehe ich mir die Fotos nie wieder an. Sie können nicht geteilt werden, außer per E-Mail.

Ich habe keine Lust, die Fotos zu versenden. Dabei fühle ich mich sehr präpotent. Wie würde ich mich fühlen, frage ich mich. Wieso eigentlich. E-Mails sind persönlicher als ein herkömmliches Status-Update. Ich sende sie Menschen, mit denen ich tatsächlich in Verbindung stehe – statt an ein unbekanntes Publikum. Eins zu eins, nicht eins zu viele. Ich glaube, dass die Empfänger mich gerne sehen, dass sie nicht lachen oder böse über mich herziehen, wenn sie das Foto in ihrem Posteingang entdecken, das mich vor der Brücke in der Hauptverkehrszeit zeigt. Haha, schau mal, die schon wieder, wie sie glaubt, dass sie eine Weltenbummlerin wäre. Lächeln könnte sie auch mal, sieht dann nicht so scheiße aus. Die Jacke, die hat sie ständig an. Aus dem Mango-Sale, die Kollektion von vor drei Jahren. Sie sieht ganz schön fertig aus, kuck dir mal die Augenringe an. Und achte auf die Bildunterschrift. The aestethic qualities of photography are to be sought in its power to lay bare the realities. Sie denkt auch, sie wäre intellektuell, wenn sie Badin liest. Ah, Bazin. Dabei war das wahrscheinlich nur die Literatur, die sie ohnehin vorgefertigt im Universitas kaufen konnte. Die sie verpflichtend lesen muss, für jämmerliche 3 ECTS, weil der noch jungfräuliche Reader in ihrem Zimmer es ihr Woche für Woche so befiehlt.

Ich sende das Foto von mir auf der Brücke meiner Oma. Sie schreibt zurück, dass ich wunderschön bin, und lieb. Dass sie sich alle Fotos von mir ausdrucken wird, um sie ihren Freundinnen zu zeigen. Um mich immer bei sich zu haben.