FB Meme

Mein digitales Leben und Arbeiten konnte ich mir sehr lange Zeit nicht ohne Facebook vorstellen. Facebook war die erste Seite, die ich morgens öffnete und die letzte, die ich abends schloss. Facebook ist auch noch heute, knapp ein Jahr nach meiner Kontolöschung, omnipräsent.
Wenn ich über den Rand meines Computerbildschirms hinüber auf die Tische der anderen Studierenden spähe, die FB-Chatfenster offen haben. Wenn mir Visitenkarten überreicht werden, die auf die Firmenpräsenz in sozialen Netzwerken hinweisen. Wenn es um die Kommunikation in der WG geht. Wenn es darum geht, mit Leuten in Kontakt zu bleiben, die man vermutlich längere Zeit nicht sehen wird.
Dieser Beitrag soll weder die Vor- und Nachteile, noch all die Nuancen zwischen der Facebook-Schwarzmalerei wiederkauen, die bereits seit Jahren im wechselnden Wochenrhythmus Überthema in Etat-, Feuilleton-, und Medienredaktionen des Landes sind. Wir kennen sie zu genüge: Abhängigkeit durch soziale Netzwerke, Selbstdarstellungszwang, das unternehmerische Selbst, permanente Zurschaustellung des eigenen Lebens, unreflektierte Offenbarung, Erreichbarkeit auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten, intransparente Datenschutzangelegenheiten.

Zu dem Zeitpunkt, als ich mich tatsächlich abgemeldet hatte, habe ich bereits ein halbes Jahr darüber nachgedacht, auszusteigen. Letzten Endes habe ich es gemacht, als ich mich beruflich als auch persönlich weiterentwickeln wollte. Ich bin bei einer Redaktion ausgestiegen, die vorwiegend über Facebook kommuniziert und gestritten hat. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Blog, der beworben werden musste. Mein Studium war großteils abgeschlossen, ich brauchte Facebook also auch nicht mehr, um Zugriff auf Publizistik-Lerngruppen zu haben – die letzten Endes mit Gerüchten und Prüfungsfragen mehr verunsicherten als weiterhalfen. Insgesamt war ich ungefähr ein halbes Jahr fast komplett offline.
Die Situation wäre wohl eine andere gewesen, hätte ich gerade erst zu studieren begonnen. Wäre ich auf der Suche nach neuen StudienfreundInnen gewesen. Dass ich mich abgemeldet habe, hat zwar auch mit den oben genannten Nachteilen von Facebook zu tun, allerdings nicht nur.
Es war in erster Linie der für mich bestmöglichste Zeitpunkt, um der Facebook-Maschinerie den Rücken zu kehren. Nach und nach bin ich zurückhaltender geworden, was meine Fotos, Kommentare und Einträge betraf. Jeder noch so unvorsichtige Post, so kam es mir zumindest vor, löste unvorhergesehene Diskussionen aus. Aus diesem Grund zog ich mich zurück, war nur noch stille Beobachterin. Hin und wieder änderte ich mein Profilbild, da ich noch immer Spaß an der Fotografie hatte. Das war es aber schon.
Nicht nur mein Nutzungsverhalten hatte sich im Laufe der Jahre gewandelt. Im Gegensatz zu den Anfängen von Facebook, die – zumindest in meinem Bekanntenkreis – 2009 ihren Anfang nahmen, wollte im Jahre 2013 niemand mehr ungeschönte Fotos oder Gefühlszustände offenbaren. Man schwieg sich lieber aus oder sendete einander im Falle des Falles eine Privatnachricht. So war Facebook letzten Endes nicht mehr realitätsnah, sondern in etwa genauso realitätsfern wie die Cover diverser Hochglanzmagazine. Es gab nur noch die retuschierte, zensierte, unemotionale und politisch getrimmte Version seiner Selbst, die darauf wartete, für ihre Taten und weisen Ratschläge hochgepriesen zu werden. Selbst wenn es 2009 offenherziger zuging – ja, im Nachhinein lacht man darüber und weiß, dass man vieles, was man gepostet hatte, im Falle seines Ablebens nicht unbedingt gerne in der Heute oder ÖSTERREICH publiziert sehen würde – war mir diese Art von Facebook sympathischer, weil schlichtweg ehrlicher. Menschlicher, ungefilteter. Gegen Ende meiner Facebook-Zeit ist mir das berufliche Profiling vieler aufgefallen, das nicht mehr viel mit den Privatpersonen zu tun hatte, die ich kannte. Aus beruflicher Perspektive kann ich sagen, dass ich mich heute vermutlich eher mit meinem vollen Namen auf Twitter, LinkedIn oder Xing anmelden würde als auf Facebook, da ich absolut nichts mehr mit diesem sozialen Netzwerk anfangen kann. Aus momentaner Perspektive würde ich es ausschließen, wieder zu kommen.
Die FreundInnen, die ich habe und mit denen ich in engem Kontakt stehe, erreiche ich, indem ich sie anrufe oder per Threema/Whatsapp kontaktiere. Natürlich wäre es mir lieber, auch Whatsapp löschen zu können. Leider sind die meisten nicht gewillt, etwas mehr als einen Euro für den von Facebook unabhängigen, verschlüsselten Dienst Threema zu zahlen. Wenn ich nun auch noch Whatsapp löschen müsste, wäre die Kommunikation mit den engsten Freunden in der Tat sehr eingeschränkt. SMS sind nicht dasselbe wie ein morgendliches Foto seiner Selbst, das man an den Liebsten schickt. Seit Beginn des Jahres 2014 wurde die Kommunikation mit meinen Freunden durch eine Form ergänzt, nämlich jener der Sprachaufnahme. Es freut mich jedes Mal aufs Neue am Morgen eine Nachricht aus Wien, London oder Tokyo anzuhören und dabei Frühstück zu machen. Aus dieser Perspektive betrachtet, bin ich meinen FreundInnen vielleicht sogar näher gekommen. Obwohl die eine oder andere manchmal gerne hätte, dass ich wieder auf Facebook zurückkomme. Der Einfachheit halber. Fotos bekomme ich seit meiner Löschung im Übrigen kaum noch welche zu sehen. Es sei dann, jemand macht sich die Mühe, mir diese extra per Mail zu senden.
Ob es Nachteile gibt, seit ich nicht mehr auf Facebook bin? Wenn überhaupt, sehr wenige. Möchte ich ausgehen, sind alle relevanten Events auf ohschonhell. Die meisten Geschäftsseiten und Veranstaltungen sind zudem öffentlich einsehbar. Das Einzige, was mich stört, ist, dass ich viele meiner „Onlinebekanntschaften“ aus den Augen verloren habe. Dass ich mit wirklich jeder einzelnen Person per Whatsapp oder Mail kommunizieren muss, und ich nur sehr schwierig größere Mengen an Information einer breiten Masse zugänglich machen kann – abgesehen von jenen Meinungen und Fotos auf diesem Blog, die jedoch meistens nicht meinem Namen zugeordnet sind und ebenfalls privat per Mail verschickt werden müssen, wenn ich bestimmte Personen erreichen möchte. Auch habe ich die eine oder andere Einladung aufgrund von Facebook-Ausschluss verpasst. „Ach, du bist ja nicht mehr auf Facebook.“ Der Spruch ist mir nicht nur einmal untergekommen. Kommentiert habe ich ihn selten. Ich möchte gar keine Diskussionen über die Gründe führen, um ehrlich zu sein. Ich denke, dass die wirklich wichtigen Menschen nicht auf mich vergessen werden. Die oberflächlichen Kontakte sind in der Tat komplett verschwunden, da die meisten sich nach knapp einem Jahr wahrscheinlich gar nicht mehr trauen, anzurufen. Ist das wirklich zu bemängeln?
Als Fazit möchte ich festhalten, dass ich es keinen Tag bereut habe, mich abgemeldet zu haben. Ich hatte keine Lust mehr, in dieser Art „Zweitem Internet“ zu verweilen, wo jeder potentiell jeden stalken und beruflich einsehen kann. Nicht nur, dass ich selbst nicht gesehen werden wollte, ich wollte primär Abstand von all den mittlerweile bedeutungslosen Personen bekommen, die ich im Laufe des Lebens eben kennen gelernt hatte. Nein, ich möchte nicht wissen, wo Daniel mittlerweile lebt. Wo Stefanie arbeitet oder seit wann Christina mit Markus zusammen ist. Manchmal konnte man aufgrund von verlinkten Fotos Anteil an dem Leben von Menschen nehmen, die man aus guten Gründen gelöscht hatte. Nicht nur aus Facebook, sondern aus dem “realen Leben”- falls diese Distinktion überhaupt noch zeitgemäß ist. Aus den Augen, aus dem Sinn – dass das in Zeiten von FB schwer sein kann, versteht sich von selbst. Ich bin heute in einer Lebensphase angelangt, in der ich die Bestätigung von außen nicht mehr in der Art und Weise brauche, wie ich es damals vielleicht verlangt habe. Dass positives Feedback auf Artikel und Fotos gut tun kann, streite ich dabei gar nicht ab.
Trotzdem lebe ich seither wesentlich ruhiger und entspannter. Dass wir mit diesem Blog auf twitter sind, liegt daran, dass wir unsere Inhalte in gewisser Weise unter das Volk bringen wollen. Ganz ohne Soziale Medien geht es nicht und wird es vermutlich auch künftig nicht gehen.
Der These, dass man aufgrund des Informationsflusses auf Social Media Plattformen und Messenger Diensten in der “Realität” nichts mehr zu bereden hätte, würde ich widersprechen. Wenn man viele gängige Dienste abseits von Facebook – Whatsapp (Sprachnachricht), twitter, instragram – nutzt, wird man zwangsläufig vieles vom anderen mitbekommen. Auch ohne Facebook. Dass ich jetzt mehr Zeit für andere Dinge hätte, würde ich so ebenfalls nicht unterschreiben. Ich lese nach wie vor sehr viel (auch online) – durch Eigenrecherche oder durch Twitter-Empfehlungen – und schreibe nicht nur an diesem Blog. Zudem habe ich angefangen zu illustrieren. Ob ich auch angefangen hätte zu zeichnen, wenn ich auf Facebook geblieben wäre? Vermutlich schon. Es ist eine Frage der Konsequenz und Zeiteinteilung, mehr nicht.
Interessant wäre an dieser Stelle der Beitrag einer Person, die auf keiner einzigen Plattform vertreten ist. Obwohl ich FB-Aussteigerin bin, nutze ich nach wie vor sehr viele andere, ähnliche Dienste und möchte auch nicht gänzlich aus den Sphären der Social Media affinen Community verschwinden. Dafür bin ich zu sehr Internet-Mensch, immer schon gewesen.Wie steht ihr zu eurem Social Media Nutzungsverhalten? Würdet ihr auch aussteigen, wenn es gerade beruflich als auch privat günstig wäre? Wieso seid ihr noch auf Facebook?