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7 Wochen noch, dann bin ich weg. Diese Tatsache wird mir mittlerweile jeden Tag bewusst, wenn ich durch die Straßen Wiens schlendere. Was vielleicht melancholisch klingt, ist alles andere als das. Ich kann es kaum erwarten, Wien den Rücken zu kehren. Wer – so wie ich – hier geboren, aufgewachsen, zur Schule und Universität gegangen ist, sollte meiner Meinung nach unbedingt einmal woanders hinziehen, um den wienerischen Horizont zu erweitern. Und wenn es nur für eine bestimmte Zeit ist. Es gibt so viel mehr zu entdecken, als die Gassen zwischen Naschmarkt und Burggasse. Ich freue mich auf all die neuen Eindrücke, Erfahrungen und Menschen in meinem Umkreis. So sehr ich Wien auch als lebenswerte Stadt schätze, irgendwann hatte ich einfach die Nase voll von den immer gleichen Menschen und den immer gleichen Fahrten, Ereignissen, Ärgernissen, Parties, Essenseinladungen. Es gibt zwar innerhalb des Rahmens genug Abwechslung, aber immer nur Wien? Wien, nur du allein? Nein, für mich unvorstellbar. Am 7. August geht es bis Anfang Februar für ein Auslandssemester nach Antwerpen, die Planung hat Ende Oktober 2013 begonnen. Es ist meine allerallerletzte Chance innerhalb des Studiums, denn bis auf die Magisterarbeit habe ich bereits alles hinter mir. Danach werde ich sehen, ob für mich ein dauerhafter Umzug in ein anderes Land (Kontinent?) überhaupt in Frage kommt. Es geht also um mehr, als nur um Studieren in einem anderen europäischen Land.

Wer auf universitärem Wege ins Ausland möchte, sollte möglichst früh mit der Planung beginnen. Die Abgabefristen vom International Office sprechen zwar von einer möglichen Abgabe bis Mitte März (für ein Auslandssemester im Wintersemester), interne Institutsfristen haben da jedoch meist ganz eigene Vorgaben. So war die Deadline am Institut für Publizistik Anfang Februar. Wie man darüber informiert wird? Gar nicht. Am besten man schaut regelmäßig auf dieser Seite. Voraussetzungen für die Bewerbung findet man hier. Auch sind die Informationen über freie Plätze auf der Erasmus Seite meist falsch. Die Liste der in Frage kommenden Ländern hing in meinem Fall im 3. Stock des Instituts. Es scheint, als wolle man auf jeden Fall verhindern, dass sich zu viele Menschen für einen Platz bewerben.

Abgeben musste man den

  • Lebenslauf (deutsch/englisch)
  • das Motivationsschreiben inklusive der Fächer, die man im Zweifelsfall belegen möchte, für zwei Universitäten (2 x deutsch/englisch)
  • das Sammelzeugnis
  • den errechneten Notendurchschnitt (der unter 2,7 liegen muss)
  • einen Sprachnachweis

Zeitaufwändig war auch das Durchforsten der Partneruni-Webseiten.

Wer in Ländern wie beispielsweise Finnland, Dänemark, Belgien oder den Niederlanden studieren möchte, sollte sich im Voraus per E-Mail bei den Universitäten erkunden, welche Sprachnachweise sie akzeptieren. Der Unterricht wird oftmals in Englisch abgehalten. Bei der Universität Antwerpen war es beispielswiese so, dass sie nur IELTS und TOEFL akzeptiert haben. Es wäre demnach sinnlos gewesen, zuvor einen anderen Sprachtest zu absolvieren. In der Regel gilt: Zuerst bei der präferierten Universität erkundigen, was gefragt ist. Nach der Nominierung durch das eigene Institut entscheidet nämlich die Partneruniversität nach ihren eigenen Regeln, ob ihr aufgenommen werdet oder nicht. Dass eine Nominierung der Heimatuniversität nicht reicht, wusste ich zuvor nicht.

Zwischen der Nominierung (Ende Februar bis Anfang März) und der letztmöglichen Einreichfrist für die Unterlagen an der Partneruniversität (Antwerpen: 1. Juni) liegen also knapp drei Monate. Wer Pech hat, verpasst den passenden IELTS oder TOEFL Termin, denn diese finden nicht jeden Monat statt. Zudem sollte man dafür eine Vorbereitungszeit von zwei bis drei Wochen einberechnen, von den 200 Euro Beitragskosten mal abgesehen.

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Wie man vielleicht lesen kann: Erasmus bedeutet einen enormen bürokratischen Aufwand, der länger dauert als der Aufenthalt selbst. Und das noch bevor man überhaupt nominiert wurde. Natürlich kann man den Sprachtest auch erst nach der Nominierung machen, zeitlich knapp wird es dann aber allemal. Zudem wird der Sprachnachweis meist auch schon bei der Einreichung der Bewerbungsunterlagen verlangt und spielt vermutlich bei der Beurteilung der Unterlagen eine Rolle. Das Maturazeugnis (Englisch Note: Sehr gut) reicht im Übrigen nicht als Sprachnachweis. Zumindest nicht an den Universitäten, die mich interessiert haben.

Auch heute, am 18. Juni 2014, habe ich noch keine finale Zusage der Universität Antwerpen. Diese sollte gegen Mitte Juli eintrudeln, wo ich bereits längst beim ÖAD war, um 80 Prozents meines Erasmus Stipendiums entgegenzunehmen und mir einen woongroep (WG) Platz gesichert habe. Erasmus bedeutet: Jede Menge Unsicherheiten. Ist meine Bewerbung gut genug, habe ich die richtigen Fächer gewählt, werde ich nominiert? Wenn ich nominiert werde, habe ich den richtigen Sprachnachweis und wie finde ich überhaupt eine Wohnung?

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Weiter geht es mit dem Learning Agreement. Dieses braucht man zur Absicherung, dass die im Ausland absolvierten Kurse auch an der Heimatuniverstiät angerechnet werden. Nachdem man nominiert wurde, muss man also ein Learning Agreement ausfüllen. Dafür sieht man sich das Curriculum der Partneruniversität an und sucht auf gut Glück Kurse aus, die halbwegs mit dem eigenen Studienplan übereinstimmen. Dieses Stück Papier muss man sich dann vom Institutsvorstand unterzeichnen lassen. In meinem Fall musste ich zwei Mal hin, da zwischendurch von Erasmus auf Erasmus+ umgestellt wurde – und das vorherige Formular dadurch ja kein offizielles mehr war. Der Ärger war umso größer, nachdem ich das neue Formular erst auf Nachfrage per Mail erhalten habe. Individuelle Betreuung? Fehlanzeige. Wer nicht selbst akribisch darauf achtet, alle Unterlagen beisammen zu haben, verpasst womöglich noch die eine oder andere Deadline. Und da gibt es viele. Zum Beispiel auch jene des International Office, das ebenfalls Unmengen an Dokumenten haben möchte, bevor es überhaupt Kontakt mit der Partneruniversität aufnimmt.

Die Reihenfolge ist also jene:

  • Bewerbung am Institut
  • Nominierung vom Institut
  • Mailverkehr mit International Office der Universität
  • Dokumentenübergabe (inklusive Learning Agreement) an das International Office
  • Mailverkehr mit der Partneruniversität
  • Senden/Hochladen der Unterlagen an die Partneruniversität
  • Aufnahme durch die Partneruniversität

Das Prozedere dauert gesamt etwa fünf Monate. Immer wieder fehlt etwas, stimmt etwas nicht mit alten Formularen und Vorschriften überein oder kommt nicht an. Was positiv anzumerken ist: Die Koordination seitens des International Office als auch der Partneruniversität hat hervorragend geklappt. Auch als ich Fragen hatte, wurden diese binnen ein oder zwei Tagen beantwortet. Beispielsweise reichte der Universität Antwerpen mein IELTS Nachweis nicht, ich musste noch zusätzlich ein Dokument von meinem Institutsvorstand unterschreiben lassen, welches bestätigt, dass ich tatsächlich Englisch spreche. Zur Sicherheit!

Wie man vielleicht lesen kann, der Frust war zwischendurch enorm hoch. Anfang Juli steht mir noch ein Besuch beim ÖAD (Österreichischer Austauschdienst) bevor, der mich über die Höhe meines Stipendiums aufklären wird. Es handelt sich dabei um etwa 300 Euro, die nicht einmal die Miete in meiner WG abdecken können. 15 ECTS müssen absolviert werden, um das Erasmus Stipendium beziehen zu können. Dennoch verlangen manche Universitäten explizit mehr. Wer also ohne bürokratische Hürden zum Ende des Studiums gelangen möchte, sollte lieber zuhause bleiben oder gleich den ganzen Master im Ausland machen. Der bürokratische Aufwand dafür sollte nicht viel höher sein.

Nun, da ich alles abgegeben habe und in der Tat nur noch meinen Flug nach Brüssel abwarten muss, ist die Vorfreude schon sehr groß. Ich werde in weniger als zwei Monaten mit vier neuen Menschen zusammenwohnen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die beruflichen Tätigkeitsfelder meiner MitbewohnerInnen reichen von sozialer Arbeit, Modedesign bis hin zu Webdevelopment. Ich freue mich darauf, mein mittlerweile gar nicht mehr so schlechtes Niederländisch auch abseits des Sprachkurses anwenden zu können.

Fotos: Jan Wahl, faces of antwerp