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Wer schon einmal erfolglos einer Onlinediskussion entkommen wollte und nichts Spannenderes kennt, als mit einer Popcornschüssel auf den Knien das Ausarten eines Shitstorms zu verfolgen, kann mit dem neuen Buch von Ingrid Brodnig vermutlich etwas anfangen.

Im Oktober 2008 nahm sich die südkoreanische Schauspielerin Choi Jin-sil das Leben. In den Tagen vor ihrem Tod plagten sie hartnäckige Online-Gerüchte, wonach sie einen anderen Schauspieler in den Selbstmord getrieben hätte. Obwohl Jin-sil sich gegen die anonymen Anschuldigungen wehren wollte und zur Polizei ging, hörten die Online-Schmutzkampagnen nicht auf. Die Gesellschaft des 50-Millionen Einwohner-Staats ist sehr homogen, der Markt wird von einigen wenigen Medien und Onlinediensten dominiert. Gerüchte verbreiten sich dadurch besonders virulent. In den letzten Jahren nahmen sich mehrere prominente SüdkoreanerInnen das Leben, weil sie den Gerüchten nicht länger standhalten konnten. Ingrid Brodnig veranschaulicht die Konsequenzen der Onlinediskreditierung anhand von unterschiedlichsten Fällen. Ebengenannter führte zu einem Realnamen-Gesetz in Südkorea, das vor einer Gesellschaft schützen sollte, die vor emotionalem Exzess nur so strotze.

Anhand der Diskussionskultur im Netz kann beobachtet werden, dass oft auf aggressive und persönlich untergriffige Art argumentiert wird. Legen wir online alle Verhaltensregeln des respektvollen Miteinanders ab?Die Leiterin des Falter-Medienressorts leistet in ,,Der unsichtbare Mensch“ Aufklärungsarbeit: Ebengenanntes liege daran, dass das Individuum nicht greifbar scheint, verbale Entgleisungen daher auf den ersten Blick weniger Konsequenzen haben als offline. Dass dabei Dinge hervorgebracht werden, die man anderen kaum ins Gesicht sagen würde, sei charakteristisch für die ,,toxische Enthemmung“, die frei nach ihrem Namen das zwischenmenschliche Klima verseucht.

Scheinbare Anonymität gilt als wesentlicher Faktor, der unter anderem für dieses Phänomen und die künstliche und längst überholte Trennung zwischen Online-Ich und dem „Rest der Person“ verantwortlich ist. Usernamen und E-Mail Adressen enthüllen – aus Laienperspektive – nicht viel über die eigene Person, was dazu führt, dass sich Menschen weniger verwundbar fühlen und mehr über sich preisgeben, als ihnen im Nachhinein lieb ist. Ein nicht unwesentlicher Punkt ist zudem die Tatsache, dass man seinem Onlinegesprächspartner meist nicht als physische Person begegnet und dadurch keinerlei Möglichkeit der nonverbalen Kommunikation besteht. Der Gesichtsausdruck einer gekränkten Person kann nicht wahrgenommen werden. Zwischen dem Zeitpunkt des Versendens und Lesens einer Nachricht können durchaus längere Pausen liegen. Die eigene bösartige Meldung ist längst vergessen, während der andere diese erst Stunden später auf seinem Smartphone liest – und mit seinen Emotionen alleine gelassen wird.

Was können wir alle zu einer besseren – freundlicheren – Netzkultur beitragen? Ist es sinnvoll, die Kommentarfunktion zu bestimmten Themen auszuschalten, aus Angst vor Trollen und Hate-Speech? Brodnig erklärt mit Hilfe von Beispielen die Wirksamkeit von Maßnahmen zur Widerherstellung der guten Sitten. Die Idee hinter den Klarnamen auf Facebook diente ursprünglich dazu, User zu identifizieren und sie dadurch zum respektvollen Umgang miteinander zu erziehen (zwingen). Frei nach dem Motto: Wer möchte schon seinen Facebookaccount samt Foto besudelt haben? ,,Unser Zugang bei Facebook ist der, dass wir versuchen, die sozialen Normen der realen Welt nachzubauen, indem wir die menschliche Facette der Konversation betonen. Das Gesicht einer Person, ihr richtiger Name, eine kurze Biografie sind gleich neben ihren öffentlichen Kommentaren platziert, um ein Mindestmaß an Verantwortung herzustellen“, erklärt Julie Zhuo, Produktdesign-Managerin bei Facebook.

Ist dasselbe Konzept für Nachrichtenseiten mit Foren geeignet? Negative Kommentare tragen neben höheren Werbeeinnahmen laut Brodnig dazu bei, dass das Image von Qualitätsblättern beschädigt wird, da viele Leser nicht streng zwischen redaktionellem Text und den Postings darunter unterscheiden. Wissenschaftler haben eine Art „Nasty Effect“ festgestellt: Ein aggressiver Ton kann dazu führen, dass Leser dem Thema gegenüber generell negativer eingestellt sind. Ein Grund, warum Randgruppen die Diskussion zu bestimmten Themen scheinbar dominieren und damit versuchen, die Leserschaft mit hartnäckiger Dauerpräsenz von der „falschen“ Meinung des Autors abzubringen.

Als Vorbild im Umgang mit dieser Problematik gilt Zeit.de. Originelle Kommentare werden als ,,Redaktionsempfehlung“ hervorgehoben. Aber auch die New York Times belohnt User, deren Postings besonders oft freigeschaltet werden. Ein Algorithmus stuft sie automatisch als ,,verified commenter“ ein. Die klügsten Leserkommentaer werden zudem bei einigen Geschichten direkt neben dem Text angezeigt, der Leser muss nicht ins Forum ,,below the line“ scrollen. Eine Klarnamenpflicht wie bei Facebook erscheint Brodnig überflüssig, da auch Pseudonyme durch qualifizierte Kommentare eine gute Onlinereputation erreichen können, ohne dass dabei die Identität der Person zwingend durch den vollständigen Namen oder ein Foto offenbart werden muss.

Weiters geht Brodnig auf die Abschaffung der Anonymität im südkoreanischen Netz ein und kritisiert dabei die Gefahren, wie Einschränkung der Meinungsfreiheit und Missbrauch. Seit 2007 mussten die EinwohnerInnen Südkoreas die 13-stellige Einwohnernummer angeben, wenn sie auf großen Websites kommentieren wollten. Die Autorin erläutert die Geschichte und Semantik rund um den Begriff der Anonymität und nimmt dabei auf Platon, Michel Foucault als auch Jean-Jacques Rousseau Bezug. Letzteren trieb ein anonymer Angriff seines Feindes Voltaire in paranoide Zustände. Die Thematik ist also keineswegs eine gänzlich neue.

Ingrid Brodnig ist mit ihrem ersten Buch eine außerordentlich dichte Fakten- als auch Diskurssammlung rund um Überwachung, Vorratsdatenspeicherung, Pressefreiheit, Störenfriede im Netz als auch Verantwortung von Websitebetreuern und der jedes Einzelnen gelungen. Kann die Abschaffung der Anonymität das Bestehen bestimmter Inhalte vielleicht sogar verhindern? Auf 176 Seiten werden auch unangenehme Themen wie Kinderpornografie oder Antifeminismus aufgegriffen.

Dass es zum jetzigen Zeitpunkt nicht auf jede Frage automatisch eine allumfassende und empirisch erprobte Ideallösung gibt, hält die Autorin nicht davon ab nach bestem Wissen und Gewissen mögliche Lösungsperspektiven aufzuzeigen und dabei erstmals Ordnung zu schaffen, in einem Forschungsbereich der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, der durchaus noch in seinen Kinderschuhen steckt.

Literatur

Brodnig, Ingrid (2013): Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert. Czernin Verlag, Wien

Zhuo, Julie: Where Anonymity Breeds Contempt, online unter: http://www.nytimes.com/2010/11/30/opinion/30zhuo.html?_r=0

Recht am eigenen Bild: Ingrid Brodnig
Foto: © Heribert Corn