Arendt

Alois Prinz Biographie über die deutsche Jüdin und politische Theoretikerin Hannah Arendt erinnert ab der ersten Seite mehr an einen Roman als an eine Biografie. Der Prolog beginnt mit der Schilderung eines Verkehrsunfalls in der Nähe des New Yorker Central Parks, bei dem sich Arendt neun Rippen bricht.

Dabei ist der fließende Reportagestil des Autors nicht das Einzige, was die Geschehnisse rund um die Lebensgeschichte der ehemaligen Theologiestudentin lesenswert macht. Neben vielen Zitaten Arendts sowie den unzähligen – durchaus interessanten – Briefwechseln mit Heidegger, Jaspers oder ihrem späteren Mann Blücher (,,Wie düster ist die Welt, und wie verloren ich in ihr, wenn wir nicht beisammen sind“) lässt Prinz eine Reihe von Zeitzeugenaussagen in die Arbeit miteinfließen. Hannah Arendts turbulentes Leben zwischen Europa und den Vereinigten Staaten dient dieser Biografie als Rahmen, innerhalb dessen politische und wirtschaftliche Ereignisse und Umbrüche zwischen 1906 und 1975 angeschnitten werden. Der zweite Weltkrieg, Formen totaler Herrschaft, Antisemitismus, Nationalsozialismus und die Ermordung J.F. Kennedy‘s sind nur einige davon.

Wer steckt hinter der Fassade der von ihren KritikerInnen oftmals als ,,reserviert“ und ,,arrogant“ betitelten Philosophin, die mit 14 Jahren bereits Kant und Jaspers liest und später Gastprofessuren in Princeton erhält? In Arendts Biografie wird man immer wieder freudig auf bekannte Philosophen und TheoretikerInnen des 20. Jahrhunderts stoßen, die sie in ihrem Denken prägten: Martin Heidegger, mit dem sie als junge Studentin eine Affäre hinter dem Rücken seiner Ehefrau hatte. Karls Jaspers, den Arendt nicht nur für seine intellektuellen, sondern ebenso freundschaftlichen Qualitäten bis an dessen Lebensende schätzte. Kurt Blumenfeld, Hauptsprecher der deutschen Zionistenorganisation, den sie in frühen Jahren kennen lernte sowie Benjamin Walter, der ihr die Nachmittage als Exilantin in Paris der dreißiger Jahre mit Diskussionen versüßte – bevor sie 1933 mit ihrem zweiten Ehemann Blücher und ihrer Mutter Martha in die Vereinigten Staaten emigrierte, um vor dem nationalsozialistischem Regime zu flüchten.

Anders als Heidegger grenzt sich Arendt davon ab, dass das Leben ein ,,Vorlaufen“ auf den Tod sei. Für Hannah ist nicht der Ausblick auf den Tod, sondern der Rückblick auf die Geburt die Quelle jedes wirklichen Handels. Das Handeln und Sprechen sind für sie jene Tätigkeiten, in denen sich das Geborenwerden immer wieder neu ereignet. Wer man ist, das kann man nicht durch passive und sprachlose Zurückgezogenheit erfahren. Erst wenn man spreche und handle, gebe man Aufschluss über sich. Die Eigenart eines Menschens ist für Arendt nie selber fassbar, sie begleitet ihn und schaut ihm nur ,,von hinten über die Schulter“. Nur durch die Fähigkeit zu handeln wird garantiert, dass jeder seine Unverwechselbarkeit behält und die Eigenart der anderen nicht als Einschränkung empfindet, sondern als Chance begreift. Der Biografie-Untertitel ,,Die Liebe zur Welt“ scheint dadurch umso passender.

Eine Stelle, die den LeserInnen einen Einblick in Arendts Temperament ermöglicht, ist folgende (Prinz 2012: 224):

,,Könnten wir einander nicht vergeben, das heißt uns gegenseitig von den Folgen unserer Taten wieder entbinden, so beschränkte sich unsere Fähigkeit zu handeln gewissermaßen auf eine einzige Tat, deren Folgen uns bis an unser Lebensende im wahrsten Sinne des Wortes verfolgen würden; im Guten wie im Bösen; gerade im Handeln wären wir das Opfer unserer selbst, als seien wir der Zauberlehrling, der das erlösende Wort: Besen, Besen, sei’s gewesen, nicht findet. Ohne uns durch Versprechen für eine gewisse Zukunft zu binden und auf sie einzurichten, wären wir niemals imstande, die eigene Identität durchzuhalten; wir wären hilflos der Dunkelheit des menschlichen Herzens, seinen Zweideutigkeiten und Widersprüchen ausgeliefert, verirrt in einem Labyrinth einsamer Stimmungen, aus dem wir nur erlöst werden können durch den Ruf der Mitwelt, die dadurch, dass sie uns auf die Versprechen festlegt, die wir gegenhaben und nun halten sollen, in unserer Identität bestätigt […] Denn niemand kann sich selbst verzeihen, und niemand kann sich durch ein Versprechen gebunden fühlen, das er nur sich selbst gegeben hat. Versprechen, die ich mir selbst gebe, und ein Verzeihen, das ich mir selbst gewähre, sind unverbindlich wie Gebärden vor dem Spiegel.“

Besonders spannend ist Prinz die Verflechtung von Arendts philosophischen Thesen, ihren aus dem Erlebten heraus verfassten weltliterarischen Werken (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Vita activa oder vom täglichen Leben) und den Beziehungen zu ihren FreundInnen geglückt. Diese Biografie, die auch für Jugendliche geeignet ist, bietet einen idealen Einstieg, um die Person Hannah Arendt näher kennen zu lernen, die es bis zu ihrem Lebensende ablehnte als Philosophin bezeichnet zu werden.