Olivia Hyunsin Kim steckt gerade mitten in den Proben zu ihrem neuen Stück „Yellow Banana“ in den Niederlanden, als ich sie eine Woche vor der Premiere im März 2019 kurzfristig via Skype erreiche. Als asiatisch-deutsche Performance-Künstlerin versucht sie seit Jahren, mit Parodie und Intellekt gegen die Klischeebilder der devoten und fürsorglichen Asiatin anzukämpfen, deren oberste Priorität das Wohlbefinden anderer ist.

Ich möchte wissen: wie steht es um ihr eigenes? Und wer trägt wesentlich dazu bei, ­– sei es persönlich, strukturell oder kulturell – dass die Antwort langfristig „gut“ lautet?

Als Woman of Color, so Olivia, ist sie neben dem altbekannten Freelance-Hustle von Überstunden, Burn-Out-Gefahr und Antragsstellung zusätzlich Vorurteilen innerhalb vermeintlich aufgeklärter Institutionen ausgesetzt. So erfährt sie einerseits die üblichen Spannungen mit Menschen, die nicht freiberuflich im künstlerischen Bereich tätig sind und demnach nicht nachvollziehen können, dass es schwierig ist, im Tanzbereich überhaupt über die Runden zu kommen ­– auch als Vollzeitarbeitende. Andererseits die Arbeitsumstände einer freien Tanzszene, die doch nicht so progressiv und freigeistig sind, wie sich das Olivia erhofft hatte.

Wenn du am Beginn deiner Tänzerinnen-Karriere einen Nebenjob hast, kann das klappen, sonst wird es schwierig.

Olivia

„Ich dachte nicht, dass ich sofort in dieselben Stereotype wie im Theater reintappen müsste, um Rollen zu bekommen“, sagt Olivia, die neben Berlin auch in Frankfurt und Seoul arbeitet. Oft erwarteten die weißen Kuratoren eine zum exotisierten Aussehen passende Performance, was mit einer Menge Aufklärungs- und Widerstandsarbeit verbunden ist. „Wenn ich in einem professionellen Umfeld gesagt bekomme, dass ich doch mal ‚ein bisschen Kung-Fu’ zeigen könnte, dann wird sofort klar, wie ich gelesen werde.“

Mentalen Support schöpft Olivia aus unterschiedlichen Quellen. Ihr Freund, der selbst einem geregelten Arbeitsalltag nachgeht, vermittelt seit inzwischen zwei Jahren den lange vermissten Hauch eines Privatlebens inklusive festgeplanter Urlaube.

Am Anfang gab es da dieses Missverständnis: Ich arbeite nicht, ich bin einfach zuhause. Deswegen kann ich Sachen machen, die er gerade braucht (lacht).

In mehr und weniger festen Grüppchen aus Freundinnen, Kameraden und anderen Choreografierenden etabliert Olivia Strukturen, in denen es sich wohlfühlen, diskutieren und arbeiten lässt. Auch das Thema Geld spricht sie dort sehr offen an: „Der Trend geht in meiner Generation zum Glück in Richtung Transparenz. Wir müssen gemeinsam transparent sein, damit sich unsere Arbeitsbedingungen verbessern und endlich raffen, dass über Sachen nicht zu sprechen auch nicht der Weg ist.“ Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass jene, die Kritik an bestimmten Menschen oder Bedingungen ausüben, beruflichen Selbstmord begehen.

Olivia ist froh darüber, dass es immer mehr Organisationen in der Künstlerszene gibt, die Lobbyarbeit machen und öffentliche Kritik an Missständen ermöglichen. So auch die Initiative Solidarität am Theater, die bundesweit Meetings für Theaterschaffende organisiert. „Ich glaube, dass es sehr wichtig ist, sich aktiv Unterstützung zu holen“, sagt Olivia. „Am Anfang ist es schwer, Anschluss oder passende Menschen zu finden, deshalb würde ich raten, an Meet-Ups teilzunehmen, und sich zu informieren.“

Es hilft, zu wissen, dass man mit seinen Problemen und Bedenken nicht alleine ist!

Den Traum Schauspielerin zu werden, hatte Olivia übrigens schon als Kind. Ihre Eltern, die als Studierende nach Deutschland kamen, waren dagegen. „Meine Mutter hat selbst kurz in dieser Branche gearbeitet und erlebt, wie dreckig sie ist. Auch sexuell betrachtet, wie man heute dank #MeToo weiß. Das wollte sie nicht für mich. Deswegen habe ich dann auch etwas anderes studiert.“

Trotz der mäßig guten Erfahrungen in der Vergangenheit hat Olivias Mutter inzwischen eine feste Rolle als ältere Kandidatin im Stück „Miss Yellow and Me – I Wanna Be A Musical“ eingenommen, das das erfolgreiche Musical „Miss Saigon“ von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg als Ausgangspunkt nimmt, um von dort aus Raum zur Reflexion der eigenen inkorporierten Stereotype zu schaffen.

„Gerade gibt es den Trend, sich vom Persönlichen zu trennen“, sagt Olivia. „Aber das ist eine Illusion! Besonders für People of Color oder Menschen mit Behinderung, da das, was wir im Alltag spüren sehr stark mit dem verbunden ist, was wir auch im Arbeitsumfeld spüren.“

Oft wird Olivia gefragt, warum sie „sich nicht abgrenzt“, oder warum ihre Performances „so persönlich“ seien. Dabei geht es in ihrer Kunst um viel mehr, als das offensichtlich Private. „Das, was ich auf der Bühne mache, hat wenig mit Therapie, und umso mehr mit den gesamtgesellschaftlichen Machtverhältnissen zu tun, in denen ich mich als Künstlerin bewege. Wer darf welche Rollen spielen – und warum? Darum geht es in meinen Stücken.“

Die Zusammenarbeit mit ihrer Mutter sieht Olivia im Nachhinein als Bereicherung. „Zuerst war es schwierig und sehr anstrengend. Sie musste erst sehen, wie wir als Kollektiv arbeiten und die Strukturen kennenlernen. Am Ende war es sehr gut! Im professionellen Sinne von mir, auch aber auch im Privaten. Weil sie die Strukturen jetzt besser kennt.“

Ob es auch Meinungsunterschiede gab? „Klar. Ich glaube, auch das ist etwas sehr Spannendes.“

Auch eine Möglichkeit also, sich das Vertrauen und den Support seiner Eltern zu holen: sie kurzerhand in die eigene Arbeit zu integrieren und somit zur vierten Support-Säule neben Partner oder Partnerin und Mittanzenden zu machen.

Neue Termine von Olivia findest du hier.

Tipps von Olivia

  1. Kümmere dich um die Altersvorsorge

Ja, auch wenn das Geld knapp ist. Ich zahle zum Beispiel in eine niedrige private Rente ein.

  1. Suche dir eine Mentorin

Eine gute Möglichkeit, um berufliche Unsicherheiten mit einer erfahrenen Außenstehenden zu diskutieren, ist Mentoring.

  1. Lass dich nicht schikanieren

Sprich mit anderen, wenn du Gewalt ausgesetzt bist – was leider immer noch oft der Fall ist.