Internet und Identität Newsletter

März Must-Reads curated by Groschen “Wo ist die Zeit geblieben, bitte” Philosophin

21. März 2018

Nachdem sich der Jänner gezogen hat wie ein dreifach um den Finger gewickelter Kaugummi, steht plötzlich schon wieder der April, und damit das zweite Viertel des Jahres vor der Haustüre. Habt ihr schon Pläne? Für den Frühling, den Sommer? Ich habe letztens das erste Mal über Nacht auf einen Baby Jack Russell Terrier aufgepasst und mich natürlich sofort verliebt. Wer Hunde in Berlin zum Kuscheln abzugeben hat – immer her damit.

Nachdem ich am Wochenende “Was hat uns bloß so ruiniert” von Marie Kreutzer auf Amazon Prime gesehen habe, musste ich aufgrund akuten Heimwehs jedenfalls gleich am nächsten Tag einen Bus nach Wien buchen. Ostern, here I come. Wenn ich nicht gerade an etwas “Aktuellem” sitze (Artikel, z.B., mit denen ich anderen interessante E-Mails entlocke), gehe ich geistig schon die nächsten (Arbeits)Monate durch und bereite mich auf die Korrekturschleifen meines ersten Buches vor, indem ich versuche so wenig wie möglich an die anonym urteilende Leserschaft zu denken und mich an dem zu erfreuen, was ich da auf 240 Seiten im Word produziert habe. Ich freu mich jedenfalls schon, im April und Mai an Stil und Thesen weiterzufeilen und nebenher Ausschau nach neuen Projekten zu halten. So weit, so ereignislos.

Den ekeligen Minusgraden in Berlin sei Dank, hab ich mich durch allerlei guten Stuff lesen können, den ich hier für euch zusammenfasse. MUCH FUN <3

  1. Lina Malloon: Endlich unglücklich dank Instagram

Oh wie sehr wir doch insgeheim alle Instagram hassen. Nicht, weil wir dort Herzen und Kommentare und liebe DMs von Internetbekanntschaften bekommen, sondern, weil es immer noch zu viele Menschen gibt, die ihre vererbten Privilegien als “harte Arbeit an sich selbst” bezeichnen und so tun, als ob man “alles schaffen könnte” – ohne zu berücksichtigen, dass jeder und jede andere Startbedingungen im Kapitalismus hatte. Don’t get me wrong: ich hätte es auch schlimmer erwischen können, mit meiner Herkunft. Und trotzdem präsentiere ich das, was ich habe, nicht als Selbstverständlichkeit, indem ich mich jeden Tag als geilster Mensch auf der Welt aufführe, der die Weisheit mit dem Achtsamkeits-Löffel gefressen hat. Lina schreibt:

Hier mal ein paar Auszüge aus den Tipps, die ich iammer wieder lese: immer 8 Stunden schlafen, aha, gesund frühstücken, aha, sich zwischen dem Frühstück und der Arbeit Zeit für sich selbst nehmen, aha, viel lesen, aha, auch mal pausieren und dem Regen am Fenster zusehen, aha (was??), wahlweise den Sonnenauf. oder Sonnenuntergang genießen, Kaffee ungestört auf dem eigenen Balkon trinken, aha, sich nicht von der Gesellschaft einengen lassen, ähhh, nie wieder im 9-to-five-job arbeiten, well, das Studium abbrechen, wenn es dir keinen Bock mehr macht, oke, lieber reisen, als rasten, dich nicht mit Verantwortungen oder Vorschriften belasten, achsoooo.

Das macht Sinn, wenn deine Eltern oder eine andere dankbare Quelle dir noch die Wohnung und die Krankenversicherung bezahlen, weil sie glauben, dass du dir gerade die Selbstständigkeit aufbaust, während dein #fridaygoal eigentlich #butfirstcoffee ist und du maximal noch die passende Caption für deinen Social-Media Post auf dem Zettel hast, bevor du in dein Notizheft ein paar Gedanken scribbelst, weil du irgendwann doch auch noch ein Buch schreiben wolltest.

  1. Jean Twenge: Have Smartphones Destroyed a Generation?

Wo wir schon bei Unglücklichsein durch Social Media sind: schaut euch mal diese Statistiken im Artikel von Jean Twenge auf The Atlantic an. Ein besonders langer Long-Read, der für Wissenschafts-Interessierte ein paar fundierte Erkenntnisse liefern wird.

The arrival of the smartphone has radically changed every aspect of teenagers’ lives, from the nature of their social interactions to their mental health. These changes have affected young people in every corner of the nation and in every type of household. The trends appear among teens poor and rich; of every ethnic background; in cities, suburbs, and small towns. Where there are cell towers, there are teens living their lives on their smartphone.

  1. Sinah Edhofer: “Die kann man nicht gut verkaufen” – Über die Oberflächlichkeit der Popindustrie

Sinah ist 26 Jahre alt, Wahl-Wienerin, superlieb, eine gscheite Vorbild-Journalistin und seit 2017 auch offiziell Musikerin. Ihren Traum hat sie sich selbst finanziert, jetzt bekommt sie als Dank nicht nur wegen ihrer pointierten Texte blöde (und teils auch sehr sexistische) Kommentare, sondern auch wegen ihres Aussehens. Sie schreibt:

Was meine Angst vor Auftritten – vor dem Musikmachen überhaupt – subtil und schrittweise geschürt hat, waren nicht die Produzenten, Bandkolleginnen und Kollegen, Konzertbesucher und Besucherinnen, die meine Musik konstruktiv kritisiert haben. Es waren die, die als allererstes mein Äußeres diskutiert haben. Als ich mit 14 Jahren einen Band Contest in meiner Heimatstadt gewonnen habe, war nicht der Sieg meiner damaligen Band das Thema der Stunde, sondern die Tatsache, dass ich beim Konzert einen rot-schwarz-karierten Minirock und schwarze Overknee-Strümpfe trug (ja, sorry, Avril Lavigne war mal cool). In Zukunft waren wir nur bekannt als “die Band mit der geilen Sängerin, die nur wegen ihres Rocks gewonnen hat”.

  1. Katie Patton – The 9 Emotional Stages Of Getting A Tattoo

In den letzten drei Monaten habe ich drei neue Tattoos „machen lassen“. Eine Sache, über die kaum jemand spricht ist meiner Meinung nach der Moment, in dem man realisiert: FUCK dieser fette schwarze Fleck auf meinem Unterarm wird nie (!!!) wieder weggehen. Nie. fucking. wieder. Niemand spricht über das erste panische Aufwachen mit dem neuen Tattoo – egal, wie gut es einem gefällt oder wie schön es gestochen ist.

Die ersten Wochen des Einschmierens und Pflegens und bewundernd Draufschauens. War das grammatikalisch korrekt? Anyway, ein neues Tattoo zu bekommen und seinen Körper damit für immer zu verändern, kann psychisch ganz schön fordernd sein. Nicht nur wegen der Reaktionen. Schließlich kannte man seinen Körper vorher XY-Jahre ohne. Erst nach und nach wird das Tattoo zu einem unentbehrlichen Bestandteil der eigenen Optik. Ein Stück Kunst, das man im besten Fall liebt wie seinen eigenen Ringfinger. Oder Unterarm. Oder Rücken. Oder Oberschenkel.

Katie Patton hat genau darüber geschrieben. Alt, aber immer noch true.

  1. Shannon Fowler: The Life Less Ordinary

Ein Text, der nicht mal eine Pointe brauchte, um interessant zu sein. Hat nicht jede Frau irgendwo zumindest eine Vorstellung davon, wie es sein könnte, Mutter zu sein? Also, sofern man Kinder möchte? “Wie wird es sein, wenn die Beziehung zu dem Mann endet, mit dem ich mich fortgepflanzt habe?”, steht dabei als Frage nicht unbedingt an erster Stelle. Deshalb ist dieser Text umso spannender:

One night, Ben left. Our oldest was five, the middle had just turned three, and the baby was ten months. It was a shock to me, though we’d both been unhappy for a long time. We were too different as parents, too different from who we’d been. After being together almost nine years, I no longer recognized him.

At first, I felt the freedom I expected as a single mum. The house felt bigger, lighter. It was a relief not to have Ben come back pissed off at me and the kids for making his long days even longer. My mum and I booked holidays with the children to Brooklyn and Bath. I took the baby on a girls’ road trip with a neighbor and her daughter through Latvia and Lithuania.

  1. Vetements: The Coolest Copycat Around

Dieser Artikel wurde mir von Jessica Dettinger in die Timeline gespült. Nur was für echte Fashion-Hardliner, wenn ihr mich fragt, aber dennoch interessant. Es geht um die Frage, wie innovativ das Label Vetements tatsächlich ist.

Buying – regardless of a garment’s price point – is one of the easiest ways to gain status. It does not require learning or accomplishing anything. It allows the buyer to be part of something cool without expending anything more than money. And that is convenient because in the current landscape of things, which can be probably be aptly categorized by the fact that most people don’t want to read anything longer than a text, ease reigns supreme.

  1.  Miri von Sielebehoch: Ich weiß, was du letzte Woche getan hast

Miri hat einen tollen Instagram Account (wenn ihr mich fragt), schreibt gute Texte und ist sehr reflektiert, was ihr Social-Media-Nutzungsverhalten angeht. Manchmal geht ihre Reflexion so weit, dass diese sie daran hindert – oder hindern möchte – gewisse Inhalte zu teilen.

Manchmal frage ich mich, ob mein Internetauftritt selbstverliebt und übertrieben wirkt, weil ich relativ regelmäßig Zeit in virtuelle Inhalte investiere. Allgemein sehe ich keinen großen Unterschied zwischen mir privat und im Internet, nur dass ich privat meiner Meinung nach lustiger und herzlicher bin, als es auf Instagram wirkt.

Kommen wir nun zum spannenden Teil: Die Fremdwahrnehmung. Ich habe (hoffentlich) allen Menschen, die mir auf Instagram folgen und die ich irgendwie auch „in echt“ kenne, geschrieben und sie gefragt, was sie denn von der Internet-Miri halten. Einige haben mir tatsächlich auch geantwortet mit einem für mich sehr interessanten Ergebnis.

Spannend und gruselig zugleich. Sollte ich auch mal machen.

  1. Interview von Sean Illing: How the baby boomers — not millennials — screwed America

“Oh nein, nicht schon wieder so ein Millennial”-Artikel, denken jetzt wahrscheinlich schon die ersten. Ich sage: was meine Elterngeneration unserer Generation hinterlassen hat, ist eine Frechheit. Viele von uns werden sich niemals irgendetwas leisten können, sofern sie nicht erben. Und damit meine ich nicht den gelegentlichen Kakao im Kaffee um 3,80 – sondern Wohnraum. Während viele (Kunst- und Medienschaffende) in selbstausbeuterischen Arbeitsstrukturen festhängen und trotzdem nicht mehr als den Mindestlohn verdienen, freuen sich ihre Onkel und Tanten auf die nächsten 30 sorgenfreien Jahre in der längst abbezahlten Bude, die sie mit 20 Jahren zu einem Spottpreis erworben haben. Oder, noch besser: den 365-Tage im Jahr Urlaub auf dem riesengroßen Grundstück, auf dem eigentlich 15 Wohnparteien Platz hätten. Aber wer will schon teilen?

I think there were a number of unusual influences, some of which won’t be repeated, and some of which may have mutated over the years. I think the major factor is that the boomers grew up in a time of uninterrupted prosperity. And so they simply took it for granted. They assumed the economy would just grow three percent a year forever and that wages would go up every year and that there would always be a good job for everyone who wanted it.

This was a fantasy and the result of a spoiled generation assuming things would be easy and that no sacrifices would have to be made in order to preserve prosperity for future generations.

  1. Jovin Barrer: DEN Feminismus gibt es nicht 

“Feminismus” ist seit seinem allgemeinen Sell-Out inzwischen für viele zu einer leeren Phrase verkommen. Dabei gibt es den Feminismus gar nicht. Jovin Barrer erklärt die unterschiedlichen Strömungen für Laien auf verständliche Art und Weise und gibt damit einen super Überblick zu einer komplexen Debatte.

Der Feminismus ist super. Oder nervig. Oder notwendig. Oder dumm.

Das sind alles falsche Aussagen. Denn «DER» Feminismus existiert so nicht. Wie bei jeder sozialen Bewegung scheiden sich auch beim Feminismus die Geister. Auch wenn es so wirkt, als wollten alle Feministinnen dasselbe, entspricht das überhaupt nicht der Realität.

  1. Meine Wenigkeit: Können wir nicht einfach nur in diesem Internet befreundet bleiben?

Ich habe einige Freundinnen, die ich noch nie gesehen habe. Vor fünf Jahren hätten sich darüber vermutlich viele lustig gemacht – oder zumindest gewundert. Gemeint, ich sei mit einem Avatar mit Seele befreundet – unfähig zu unterscheiden, zwischen den Nuancen zwischenmenschlicher Beziehungen. Dabei ersetzt meine langjährige “Internet”-Freundin Nina meine langjährigen Real-Life-Beziehungen nicht. Chats mit ihr sind kein Ersatz dafür, dass ich am Freitagabend Pommes mit Chicken Nuggets auf der Couch mit den Mädels esse, weil wir zu fertig sind, um etwas Ordentliches zu kochen. Kein Ersatz für Kuscheleinheiten, kein Ersatz für das Telefongespräch mit meinen Eltern oder den Kurzbesuch bei meiner besten Freundin in London. Nina ist trotzdem da. Sie ist an Orten mit mir verbunden, an denen ich weniger mit meinen Real-Life-Freund*innen kommuniziere, und mehr mit jenen, die ich Online-Freund*innen nennen würde.

Ja, und wenn ihr fertiggelesen habt? Dann gibt’s an dieser Stelle auch noch drei Film-Empfehlungen von mir, die ich in diesem Monat gefeiert habe.

IT’S MOVIE TIME 

Ich liebe gute Filme. Ein perfekter Tag endet bei mir mit einer selbstgekochten Teriyaki-Reisschüssel und guter Unterhaltung auf der Couch – ganz ohne schlechtem Gewissen, btw. Wichtig ist mir, schon vorher einen Film ausgesucht, geladen und an den großen Bildschirm projiziert zu haben, um danach nicht panisch herumzusuchen, bis das Essen kalt wird. Deshalb hier eine kurze Liste von den Filmen, die ich dieses Monat besonders gerne gesehen habe und auch ohne Bedenken für einen chilligen Abend weiterempfehlen würde.

  1. Personal Shopper – mit Kristen Stewart. “Autor und Regisseur Olivier Assayas findet mit “Personal Shopper” eine verrückte Hybridform. Er zieht durch Paris und erkundet dabei verschiedene Lebenswelten, vor allem die der Reichen mit ihren Designerklamotten, aber auch die der für sie Arbeitenden, mit dem kleinen Apartment ohne Ausblick.” (Spiegel Online)
  2. The Square von Ruben Östlund – “Östlund zeigt eine Gesellschaft, die sich selbst zur Ordnung ruft (politische Korrektheit!) – und die doch nichts mehr erregt als die eigene Erregung (soziale Medien!). Er zeigt, wie das linkskulturelle Milieu um jeden Preis alles richtig machen will (Inklusion!) – und es am Ende doch wieder auf sexuelle Ausbeutung hinausläuft (Harvey Weinstein!).” (Zeit Online)
  3. Girl Model von David Redmon ist eine schon etwas ältere (7 Jahre) Dokumentation über russische Models, die aus Sibirien nach Tokyo geschickt werden. Nadya und ihre Freundin sind 13 Jahre alt – und dementsprechend verloren und verzweifelt in einer Industrie, die selbst für Erwachsene psychisch belastend werden kann. Empfohlen hat mir diese Doku Wlada Kolosowa, die gerade ihr neues Buch “Fliegende Hunde” rausgebracht hat. Auch das werde ich noch in der einen oder anderen Form besprechen.
  4. The Shape of Water – Das Flüstern des Wassers” erzählt diese Liebesgeschichte zwischen Elisa und ihrem Fischmann – und ist der Film der Stunde. Guillermo del Toro, der mexikanische Regisseur, der schon lange in Hollywood arbeitet, hat auf den letztjährigen Filmfestspielen von Venedig einen Goldenen Löwen und kürzlich noch einen Golden Globe gewonnen, außerdem ist der Film für dreizehn Oscars nominiert.” (SZ)

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