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die Orange.

28. Januar 2018

Ich esse keine Orangen. Nicht, weil sie mir nicht schmecken, sondern weil ich es mühsam finde, sie in einen Zustand zu bringen, in dem ich ihre Spalten in meinen Mund stecken kann, ohne an einem dieser weißen Schalenfäden hängen zu bleiben und dabei kurz zu würgen.

Deswegen esse ich auch keine Orangen mehr in der Öffentlichkeit. Weil es mir peinlich ist, dass ich unfähig bin sie einfach so zu kauen – samt der hauchdünnen Schale, samt den weißen Fäden – wie jeder andere normale Mensch. Ich müsste die Schale leider ausspucken, auf den Teller vor mir und wer will das schon sehen von einer erwachsenen Frau.

Früher, als ich noch öfters bei meiner Familie in Bratislava war, stand meine kindliche Scham dem antrainierten Orangenschälprozedere nicht im Weg. Leidenschaftlich befreite ich die Orange erst von ihrer harten Schale, riss dann ihr Inneres in zwei Hälften und machte mich anschließend Spalte für Spalte an die Arbeit, um wie ein hungriges Tier an die saftigen, länglichen Kapseln zu gelangen, die in ihr aneinandergereiht lagen.

Für die artgerechte Spaltung nutzte ich meine Daumen und Fingernägel, die spätestens nach der sechsten Spalte anfingen, wehzutun. Am Lebensende der Orange waren die Stellen blutig, an denen ich abrutschte.

Aber das störte mich nicht. Mein Verlangen nach dem schalbefreiten Fruchtkörper war größer, immer größer als die Angst vor dem Schmerz. Wenn die Schale endlich abgerissen und vom Fruchtkörper getrennt auf dem Teller lag, biss ich in diesen hinein und zutzelte seine Essenz bis zum letzten Tropfen wie ein Baby.

Wie gesagt, ich esse keine Orangen.

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