Modern Work Life

Wie wird man eigentlich Regisseurin, Sophia?

20. November 2017

Nicht jeder, der vom Internet leben möchte, muss Influencer werden. Ein persönliches Portrait über eine junge Regisseurin, deren Beruf im Alltag wenig sichtbar ist – und doch dringend benötigt wird, um professionelle Unterhaltung zu planen. 

Es ist gar nicht so leicht, Sophia Hembecks Arbeitsalltag in einem Foto zusammenzufassen – schließlich agiert, publiziert und schreibt die 27-Jährige vor allem im Internet. Dafür braucht es: einen schnellen Laptop, ein Smartphone mit Mikro, Klamotten, in denen es sich sowohl im Bett als auch am Küchentisch professionell arbeiten lässt und zwei Kaninchen auf dem Balkon. Zum Kuscheln!

Seit diesem Herbst plant und moderiert Sophia ihren eigenen Podcast „FLL N TH BLNK“ für Audible und führt Regie bei der FUNK-Sendung „Auf Klo“. Wenn sie also nicht gerade feministische Themen für Teenager aufbereitet – wie man zum Beispiel auch ohne BH ganz locker durch den Tag kommt – setzt sie ihre eigenen Emotionen in konsumierbare Theater-Häppchen um. Es ist kein Zufall, dass die gebürtige Westfalin heute lieber als selbstständige Regisseurin und Autorin arbeitet und nicht bei einer Regiehospitanz an einem großen Haus hängen geblieben ist.

„Man sagt immer, man muss Kaffee kochen – ich musste ein ganzes Buffet herstellen – was das mit Regiearbeit zu tun hat, war mir unklar“, sagt Sophia. 2014 hat sie am Burgtheater in Wien gelernt, wie man erfolgreich Geld von Schauspieler*innen eintreibt und sich nicht zum Depp der Produktion machen lässt. „Wenn sich Schauspieler*innen in der Garderobe umziehen, ist das auf jeden Fall ein guter Moment, um nach Geld für die Mittagskasse zu fragen. Da sind die verletzlich!“

Aber von vorne. Sophia ist 15, als sie merkt: an ihrer Schule gibt es keine Theater-AG für Jüngere – also beschließt sie selbst eine zu gründen und das Musical Anastasia aufzuführen. Eine Macherin, ganz klar, die die Bühne als Ort schon immer angezogen hat. Sophia führt zum ersten Mal Regie und schreibt drei Jahre später – mit 18 – ihr erstes eigenes Stück – aus einer Not heraus. Denn „Stücktexte zu bekommen kostet Geld“, sagt sie. „Da dachte ich: das mach ich einfach selbst.“ Der Bachelor in Theater- und Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum folgt direkt nach dem Abitur.

Warum ausgerechnet der antiquierte Bereich Theater?

„Ich liebe Theater, das ist ein ganz anarchischer Raum“, erzählt Sophia. „Man trifft sich jeden Tag mit Leuten, ist über sechs bis acht Wochen in einem Raum und dabei ganz intensiv auf einen Text konzentriert. Man ist absolut in der Gegenwart, im Moment.“ Theater ist jetzt da und dann nicht mehr – das ist für Sophia besonders:

„Theater ist die nächste Form, die am Leben dran ist. Weil das Leben auch nicht festzuhalten ist.“

Wie kann man Regisseurin werden?

Sophia hat bisher in ihrem Leben grundsätzlich die Entscheidung getroffen: Do it yourself. „Der klassische Weg allerdings folgt über eine Regiehospitanz, danach machst du irgendwann eine Regieassistenz und nach etlichen Jahren der Ausbeutung und Niedriglohnarbeit kriegst du dann eventuell eine Inszenierung an einem Theater“, sagt Sophia. „Wenn das gut gelaufen ist, geht es nach Möglichkeit weiter.“ Je prestigereicher das Haus, desto mehr Chancen können sich daraus ergeben. Wenn man die 1. Inszenierung in den Sand setzt, kann allerdings auch alles ganz schnell wieder vorbei sein.

„Wenn man die Tätigkeit auf eine Firma übertragen will, dann ist Regisseurin sein wie ein Managerinnenjob.“

Als Sophia am Wiener Burgtheater von der Regieassistentin gesagt bekommt, dass sie doch lieber Dramaturgie machen solle, zweifelt sie zum ersten Mal an ihren Fähigkeiten. „Vor fünf Jahren dachte ich deshalb, ich könnte keine Regisseurin sein.“ Lange sieht sich Sophia ausschließlich als Autorin und kann mit dem Label „Regisseurin“ nichts anfangen.

Nach ihrem Bachelor wird sie an der Universität der Künste Berlin für den Studiengang „Szenisches Schreiben“ aufgenommen und startet ihren eigenen Podcast „Unprätentiös“ in Eigenregie.

Ein Rückschritt, weg von den größten Bühnen Österreichs?

„Einen Podcast zu machen ist zwar nicht Theater oder Regie, aber es ist von den Kompetenzen her ähnlich“, sagt Sophia. „Man moderiert, man muss sich eine Show überlegen, man führt die Gäste im Gespräch. Ein Interview führen hat mehr mit Regie zu tun, als manch eine*r denken mag.“

Ihre Motivation, zwei Jahre unbezahlt am eigenen Podcast zu arbeiten, zahlt sich letztlich aus: beim „Call for Podcasts“ von Audible kann sie mit ihrem Konzept überzeugen und ihren ersten großen Deal als Selbstständige an Land ziehen. Von nun an lädt sie jede Woche einen Gast aus der Kunst- und Medienbranche ein und bespricht dabei Themen, die die meisten Mitte Zwanzigjährigen gerade beschäftigen: Furchtbare Tinder-Dates, idiotische Chefs oder warum man manchmal lieber Zuhause auf der Couch abhängt anstatt raus zu gehen.

Heute hat sie sich das Label „Regisseurin“ wiederangeeignet. Schließlich ist eine Regisseurin jemand, der sich das künstlerische Konzept einer Produktion überlegt, für das große Ganze verantwortlich ist. Jemand, der es mag, Verantwortung zu übernehmen und die Außenperspektive zu verinnerlichen. „Ich glaube, ein*e gute Regisseur*in hat immer einen Blick dafür, wie es am Ende aussehen soll. Es geht vor allem auch darum, Stimmungen aufzubauen und damit eine Gruppe anzuleiten“, sagt Sophia.

Irgendwann hat sie gemerkt: „Das, was ich mal werden will, das mach ich eigentlich schon.“ Themen recherchieren, Leute einladen und Einleitungen schreiben entspricht auch dem, was für den Regie-Job bei „Auf Klo“ verlangt wurde. „Ich sage drei Stunden lang, wie eine Sendung aussehen soll – das ist auch nichts anders als Leuten im Theater zu sagen, wo sie stehen sollen und wie der Text aussieht (lacht).“ Der größte Unterschied liegt in der Technik. „Das man eben einen Kameramann/frau hat, der Ton usw.. Es ist ein bisschen strenger im Ablauf.“

Cut, cut, cut

Etwas, woran sich Sophia noch gewöhnen musste, waren die Kommandos beim Dreh. Heute sagt sie hauptsächlich „Und bitte“, wenn die Kamera und der Ton läuft. „Das war etwas, das musste ich mir echt noch angewöhnen, weil es etwas ist, das man im Theater nicht unbedingt sagen muss. Da sagst du: wir lesen jetzt die Szene und dann fängt der Schauspieler an.“

Und, wann ist der Zeitpunkt, an dem ein Stück am besten ist?

Wenn Sophia an ihre eigenen Stücke denkt – zum Beispiel an „René Pollesch #Twittergott“, welches 2016 bei den Münchner Kammerspielen den Förderpreis für neue Dramatik gewonnen hat und in dem sie selbst eine Hauptrolle übernahm – kommt die Antwort relativ prompt: „die 7. Aufführung! Wir hatten es in der Woche 4 x hintereinander gespielt, da kommst du in einen ganz speziellen Flow, das ist ganz anders. So Stücke müssen ein bisschen reifen.“ Außerdem seien die besten Aufführungen die mit dem besten Publikum.

„Wenn du da stehst und die Leute nicht lachen an einer Stelle, wo immer gelacht wird, da hast du schon ein Problem“, sagt Sophia. „Wenn das Publikum dann nicht reagiert, dann irritiert dich das. Du kriegst es ja mit, wenn der da vorne auf sein Handy kuckt oder niest oder gelangweilt in der Gegend rumstarrt.

„Du siehst aber auch wenn die Leute weinen oder lachen, das gibt dir ganz viel Energie.“

Verständlich.

Und, warum bist du nicht Schauspielerin geworden?

Der größte Grund, so Sophia, sei immer noch, dass sie Sachen nicht gerne noch einmal machen würde. „Jeden Abend das gleiche zu machen, das langweilt mich. Ich spiele schon gerne – aber ich bin sicherlich auch nicht die talentierteste Schauspielerin.“ Sophia kuckt sich Stücke lieber lässig im Sessel zurückgelehnt an.

3 Tipps, um in der Branche zu überleben, bitte

„Man darf sich auf jeden Fall nicht zu lange verarschen lassen“, so Sophia. Außerdem sei es wichtig, gute Theater auszuwählen. Beim Regisseur Thomas Vinterberg hat sie zum Beispiel gelernt, dass es wichtig ist, alle Namen zu kennen – auch von den Hospitanten. Zudem sollte man mit allen über ihre Meinung sprechen und kreativen Input verlangen – dabei allerdings nicht vergessen, dass man am Ende immer noch selbst entscheiden darf. „Das finde ich einen super Tipp, um nicht störrisch zu werden.“

„Ich habe noch nie in meinem Leben unbezahlt gearbeitet – außer für mich selbst. Das war dann mehr nach dem Motto: ich lerne was!“

Und zu guter Letzt sei es so wie in vielen anderen Branchen auch: Das Team ist das Wichtigste. Wenn deine Techniker dich nicht leiden können, hast du ein Problem. „Die gehen dann, wenn Überstunden anfallen“, sagt Sophia. Also besser freundlich bleiben.

Achja, und außerdem: niemand wartet auf dich!

„Wenn man etwas machen will und die Möglichkeit hat, es selber zu machen, dann sollte man das tun“, sagt Sophia. „Ich hab den Podcast einfach gemacht, ich habe selber inszeniert, Stücke geschrieben. Niemand wartet auf dich! Natürlich kann man den klassischen Weg gehen und das mag auch zuerst erfolgreicher erscheinen, aber alles was man selber gemacht hat, hat man auch wirklich gemacht.“

Kann man so stehen lassen. Hau rein, Sophia.

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1 Comment

  • Reply Kato 21. November 2017 at 21:55

    „Ich habe noch nie in meinem Leben unbezahlt gearbeitet – außer für mich selbst. Das war dann mehr nach dem Motto: ich lerne was!“ – die eigenen Projekte, bei denen man gar nicht merkt, wie verdammt viel man gerade lernt, sind die besten :) Schön geschriebenes Portrait!

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