Internet und Identität

Die Rechnung

16. November 2017

Dieses Stück Prosa wurde von Linda Rachel auf Tempo gebracht und von Josefine Frey für die Story App schlusslektoriert. Vielen Dank an euch beide. 

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Du hast dich bewusst darauf eingelassen, sagst du dir. Du wusstest von Anfang an, dieses fremdsprachige Theaterstück mit zwei Helden soll nichts Großes werden, das ist eher so für das Ende des lauen Sommers gedacht. Tage, an denen du nicht mehr ohne Windjacke zum Lidl gehen kannst. Du wolltest etwas Nettes, Gemütliches, mehr wie Kakao aus dem biologisch abbaubaren Becher als Weißwein pur in der U-Bahn trinken, der die Zunge schwammig macht.

Er ist niemand, denkst du, der dir emotional näher kommen kann. Dafür seid ihr euch zu ähnlich, dafür ist er selbst zu distanziert. Außerdem kennt ihr euch doch kaum. Da war nichts, überhaupt nicht. Am Anfang. Da waren eine Augenentzündung und ein Spaziergang in die falsche Richtung mit zu wenigen Worten und zu vielen Sprechpausen dazwischen. Kein sympathiebedingtes erstes oder zweites Anzeichen. Nirgends.

Du verstehst nicht, warum du jetzt darüber nachdenken musst, weil das war so nicht geplant, das war so nicht gewollt. Warum bloß ist dieses Gefühl der Nähe durch die körperliche Reibung größer geworden. Diese Rechnung, sagst du dir, die geht nicht auf. Das geht sich nicht aus, mit euch beiden. Von Anfang an ein Kennenlernen mit Abschiednehmen, das macht es doch gerade so unverfänglich und leicht, dachtest du. Ja das hast du dir gut eingeredet.

Und weil es ja so leicht war und unkompliziert, ohne diese beklemmenden Gedankenspiralen und Verlustängste, weil wie kann man etwas verlieren, das sowieso schon auf dem Sprung ist, hat sich dann doch etwas von diesem Mehr eingenistet zwischen euch und ausgebreitet. Du weißt nicht mehr, wer Mehr zuerst bemerkt hat, es waren diese Andeutungen vor einem Monat. Dass man sich doch recht gut verstehen würde, dass man sich aushalten könne, ohne genervt zu sein. Noch nicht. Dass man sich gut riechen und schmecken und fühlen könne, dass da ein Zahn wie ein Oberschenkel in den anderen greift, dass man auch ohne des anderen Zuspruch für sich selbst so ganz in Ordnung sei.

Das Beste war die Abwesenheit, von Selbstzweifeln und Missgunst, die Abwesenheit von Eifersucht und dem zu lange schweigenden Telefon. Weil es so einfach war, anfangs, hast du dir auch keine Gedanken gemacht wegen später, weil das später nicht mehr zählen würde. Dann. In drei Monaten wird er in den Flieger steigen und weg sein. Drei Monate sind ohnehin die Obergrenze, sagst du dir. Bis dahin weißt du in der Regel schon, wo du beim anderen lieber nicht so genau hinschauen möchtest. Bis drei Monate kannst du ihn dir schlechtreden und die Gefühle kleinmachen, weil, wenn einmal etwas schiefgegangen ist, das weiß sogar ein Kind, dann lernt man draus, dann greift die Hand nicht noch einmal auf die heiße Herdplatte. Das macht Blasen und tut weh und keiner will mehr wehgetan haben, einmal hat gereicht fürs ganze Leben und das zweite, kleinere Übel danach eventuell auch.

Und deshalb sprichst du deinen Freundinnen Nachrichten drauf, dass vorgestern doch nicht perfekt war. Es musste ja der Fall, es musste ja der Tag kommen. Du musstest ja draufkommen, dass der andere auch nur ein Mensch ist mit Gefühlen, wie widerlich. Der andere, er ist genauso verletzt von Worten wie du und doch hofft er weiterhin auf das Beste für euch beide.

Du hingegen, du bleibst rational. Du siehst das Ende schon, bevor es ordentlich angefangen hat. Ist besser so, du erzählst auch lieber nicht allen davon, denn was, wenn doch nicht, was, wenn es eine Fehlgeburt wird. Deshalb verschweigst du deinen offiziellen Beziehungsstatus bis drei Monate nach Anfang, weil du der Ansicht bist, dass soetwas besser wie eine Schwangerschaft erst nach einer ersten sicheren Zeitspanne verkündet wird. Selbst, wenn du glücklich bist.

Selbst, wenn er da war für dich nach diesem Wochenende, an dem du plötzlich doch nach Hause wolltest, statt deine Reise fortzusetzen und er dich ohne einen nachträglichen Seitenhieb aufgenommen hat bei sich. Er dich nicht enttäuscht hat in der gemeinsam verbrachten Zeit, aber das macht nichts. Kommt alles noch, sagst du dir.

Du rechnest durch, ob sich das auszahlt für dich. Das Warten am Flughafen jedes Mal, zwei Stunden zusätzlich zu 1,5 Stunden Flug. Das sind insgesamt ungefähr vier Stunden, also wenn es München wäre, dann wäre alles normal, nicht wahr? Da würdest du das in Kauf nehmen, weil was ist schon München, eigentlich wäre München sogar weiter weg von Berlin und genauso weit weg von Wien, wenn du ehrlich bist.

Aber du willst nicht ehrlich, du willst gerade negativ, weil du negativ kennst und negativ schützt und negativ überhaupt keine Chance hat gegen hoffnungsvoll – egal, wie sehr er sich anstrengt und wie sehr er sich freut, wenn du ihn besuchen kommst. Du fragst dich nur: warum ausgerechnet du. Warum legt ausgerechnet dir das Leben wieder einen mentalen Klotz in den Weg.

Du denkst alles durch, von Anfang bis Ende. Du malst es dir aus. Umso mehr du darüber nachdenkst, desto eher kannst du den Ausgang prophezeien. Nicht, weil du nichts fühlst, sondern weil du nicht überrascht sein möchtest. Weil du keine Ahnung hast, wie du als erwachsener Mensch liebst, keine Erfahrungswerte hast diesbezüglich. Du bist heute jemand Anders – und welchen Sinn macht es dann, den Schmerz von damals mit dem bevorstehenden Schmerz von Morgen zu vergleichen. Vielleicht ist es doch besser, alleine zu sein.

Du weißt, es gibt Alternativen. Das „Einmal Augen zu und durch“-Prinzip, das „besser jetzt als später“. Du bewunderst Leute, die das können. Die sich entscheiden, einfach weil etwas gegen ihre Prinzipien verstößt. Weil sie wissen, sie können es nicht.

Und dann, nach einem schlechten Tag in der schlechten letzten Woche, überlegst du es dir doch noch einmal und du vergisst all die Negativa, denn die werden bekanntlich mitgenossen und fährst ein letztes Mal dahin, wo ihr ineinandergeflossen seid wie zwei zu nahe platzierte Pizzaschnecken auf dem Backblech. Du merkst, dass die Zeit zwar nicht unbedingt auf eurer Seite ist, weil sie immer abläuft, zu früh ablaufen wird, bevor ihr genug voneinander hattet. Aber die Welt bleibt trotzdem stehen, für einen Augenblick, als er dir die Tür öffnet wie damals und dir vor Erleichterung um den Hals fällt.

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