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Liebe Grüße, keine Frohnatur

21. Oktober 2017

In einer Welt voller Paulo-Coelho-Zitate und Nicht-die-Momente-Verpasser wirkt es für fleißige Karmapunkte-Sammler vermutlich wie eine ausgeklügelte Provokation, keine Frohnatur™ zu sein. Seine Followerschaft nicht jeden Tag auf Instagram daran zu erinnern, wie wertvoll jeder Tag ist und sich dies auch nicht zur Sicherheit in die Bio zu schreiben. Ich bin ein ausgestreckter Mittelfinger auf zwei Beinen für alle, die an die Reinigung von hellgrünen Herzchakras und Mandala-Tattoos als langfristige Inspirationsquelle für die Zukunft glauben.

Heute verrate ich euch mein kleines Geheimnis für ein erfolgreiches Dasein™: Ich lebe nicht jeden Tag, als wär’s der letzte – wieso sollte ich auch? Für Späße wie diesen bin ich viel zu geizig. Und letztlich auch zu verfressen. Wenn ich ehrlich bin, würde der letzte Tag meines Lebens genauso aussehen wie es ein perfekter Sonntag tut: ausschlafen, Brathähnchen mit Pommes und dann den ganzen Tag Sex. Alle drei Dinge kann man relativ einfach besorgen. Warum also die Aufregung?

Erst unlängst hat sich eine alte Erasmus-Bekanntschaft das Recht genommen, über „meinen Charakter“ zu urteilen, als ob sie auch nur einen Tag in meinen schwarzen Vagabond-Plateauschuhen auf dem harten Berliner Pflaster brilliert hätte. Ich muss mich an dieser Stelle leider wiederholen, aber scheinbar haben manche das 1×1 der Entfernte-Studienkollegen-Höflichkeitsbibel immer noch nicht gelesen: würde mich deine Einschätzung interessieren, hätte ich gefragt.

Meine engsten Freundinnen und Freunde dürfen mir gerne Ratschläge geben und sie dürfen sich um mich Sorgen machen. Aber ganz sicher nicht irgendwer, der oder die schon seit Monaten, wenn nicht gar Jahren auch nur den Hauch einer realistischen Einschätzung meiner Arbeit oder meines Alltags gewonnen hat.

Ich scheiß auf Yoga und ich scheiß auch auf Surfen

Wenn wir bei Negativität und Positivität von zwei konträren Konzepten ausgehen, greift das menschliche schwarz-weiß-Denken schonungslos naiv, wo es doch eigentlich Aufklärung leisten wollte. Erstere ist klar das Böse (destruktiv, falsch, vernichtend), Letztere das Gute (schön, großzügig, lebensbejahend). Als ob man eine Seite ergreifen und dann für den Rest seines Lebens dabei bleiben könnte. Ich habe es langsam satt, mich für mein negatives Wesen™ rechtfertigen zu müssen, nur weil andere keinen Sinn für a) Zynismus oder b) Humor haben und sich Menschen als eindimensionale Schablonen vorstellen, die am besten den ganzen Tag mit Roboterlächeln durch die Co-Working-Spaces laufen sollen.

Habe ich etwas gesagt, als du plötzlich angefangen hast „mindfullness“ zu propagieren, als ob es dabei um die Rückeroberung Südtirols ginge, nur weil es gerade Trend ist? Später, als du und im zarten Alter von 27 zum „Personality-Coach“ avanciert bist und für deinen Erfolg aggressiver auf Facebook geworben hast als Die Grünen zur Nationalratswahl? Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem sich jeder Mensch bei Verstand erstmal selbst besser kennenlernt, bevor er sich dazu befähigt fühlt andere Blinde durch den Ego-Wald zu führen. Und das, das nennt sich dann Positivity und nicht Selbstausbeutung?

Lebst du gerade deinen Traum oder redest du dir das alles nur ein?

Nein, ich habe natürlich bis heute meine Fresse gehalten, wie es sich gehört. Bis du meintest, dich einmischen zu müssen. Nicht zu „meinem Besten“ allerdings, wie das Freundinnen normalerweise tun – sondern ungefähr so konstruktiv wie ein Spiegel-Online-Troll.

Klar, es ist bestimmt social-media-gerechter und noch dazu natürlich sympathischer, wenn man seine Mundwinkel auf Fotos verzieht und Witze reißt, bevor man später alleine vor Netflix weint und sich über die Unechtheit der Branche wundert. Ich hingegen, ich möchte nicht jede meiner Captions mit dem immergleichen „XY ist eine GANZ BESONDERS GROSSE Inspiration für mich“-Spruch beginnen, ich möchte echt sein dürfen. Ohne die Grinse-Fabrik, ohne dem Insta-Clique-Bonus, der jeden Anflug von Positivity zum Werbegag verkommen lässt. Ich kann auch ohne Buzz-Word-Aktivismus aufmerksam mit mir und anderen umgehen. Dabei geht es gar nicht „nur“ um dieses Internet.

Seit wann ist es verboten, auch nur für einen Moment unglücklich zu sein? Haben „wir“ genau das verlernt, um likeable und vermarktbar zu erscheinen? 

Wieso darf ich in dieser Gesellschaft nicht lethargisch sein und mein Wochenende ohne Ausflugziel und Yoga-Retreat auf dem Sofa verbringen? Wieso darf ich mich nicht beschweren, wenn es persönliche Gründe gibt? Warum darf ich keine schlechte Stimmung haben, trotz einer vielerorts angespannten politischen Situation? Wieso denken viele, dass es genügen würde „mal wieder rauszugehen“ (embrace your inner whatever), mal „ein bisschen im Park zu laufen“ (So wirst du wirklich XY), oder „ein gemütliches Essen mit Freunden“ (wie Dinner dich zu einem besseren bla) zu machen? Ja, ja, ja – all diese Dinge tu ich doch auch. Ich versuche damit nur nicht etwas zu übertünchen, was bereits tief in mir schlummert, weil ich das für genauso falsch halte wie sinnlosen Freitagabendkonsum im Kapitalismus. It’s not gonna work out the way you expect it to.

Also, um Missverständnisse aus dem Weg zu räumen: nur, weil ich nicht ständig darüber spreche, wie geil ich koche, wie gut ich Trompete spiele, wie außergewöhnlich schick ich mich anziehen und mein Berufsleben organisieren kann, heißt das nicht, dass ich keinen gottverdammten Spaß habe. Vielleicht habe ich diesen Spaß ganz einfach auf meine Weise. Vielleicht schließt sich Spaß haben und schlecht gelaunt sein nicht aus, sondern ergänzt sich irgendwo in der Mitte.

Ich genieße die Melancholie, das bewusste Abgeschiedensein, das Nicht-Kommunizieren und manchmal auch erst später Zurückschreiben als Kontrast. Sprachnachrichten statt Treffen und Drama statt Komödie. Durch bewusste Auszeiten hole ich mir Raum für mich zurück. Weil ich nicht immer geben kann, sozial auf Partys stehen und mit „meinen beruflichen Erfolgen angeben kann“. Weil ich nicht will. Die sogenannte „Negativität“ – nehmen wir dem Wort bitte endlich sein Stigma – ist Teil meiner Persönlichkeit, Teil meiner Arbeit – und wird es immer bleiben. Ich möchte mich nicht länger dafür schämen müssen.

Denn ich genieße die vermeintlich schlechten Momente im Prinzip genauso wie die guten, ja manchmal zelebriere ich sie zusätzlich mit Musik. Sie inspirieren mich, sie gehören zu diesem gottverdammten Leben genauso dazu wie Ängste und Zweifel und keine Meditation der Welt sollte sie uns nehmen, nur weil sie „unangenehm“ sind und der eigenen Leistung abträglich. „Schlechte“ Gefühle können aus guten Grund kommen. Um uns zeigen, wo es brennt und wann eine Pause nötig wird, zum Beispiel.

Die Menschen um mich herum, die gekommen und geblieben sind, die lieben mich so, wie ich bin. Die tun das wirklich – ohne mich als Gegenleistung für einen stickigen Fünftagesaufenthalt in einer reudigen Berghütte ohne ordentlichem Klo zu verpflichten und davon fünftausend Insta-Storys pro Tag zu posten. Wer das unter Entspannung verbucht, bittesehr! Jeder Mensch ist anders, auch wenn herkömmliche Influencer gerade das Gegenteil davon präsentieren.

Sobald ich das Gefühl habe, beweisen zu müssen, dass ich „auch anders kann“, dass ich „auch mal lächle“, dass ich „doch nicht immer so sein müsse“, ist es für mich vorbei. Oder, wie Milchhonig so schön auf twitter schreibt:

Auch, wenn ich nicht jeden Tag vor Energie und Hoffnung sprühe: ich liebe mich und mein Leben. Ich bin ein angenehmer Mensch, ein zuverlässiger, hilfsbereiter und interessanter Mensch, der weiß, wo seine Grenzen sind. Niemand hat das Recht mir zu sagen, wie ich die Freude darüber darzustellen und zu äußern habe. Wie ich sein soll.

Lass mich bitte einfach keine Frohnatur sein. Hör auf, mir Ratschläge zu geben und mir einzureden, ich sei deshalb ein schlechterer Mensch, jemand, den man nicht gerne um sich hat, nur weil er das Leben und die Liebe nicht verklärt.

Das heißt nicht, dass ich nicht daran glaube. Es heißt lediglich, dass ich umso fester dranbleibe, wenn es echt ist.

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