Film & Popkultur

1258 Seiten und drei Monate später: Ich habe Paul Austers Monster fertig

8. Oktober 2017

Als ich das erste Mal von Paul Austers Roman „4 3 2 1“ erfuhr, über vier läppische Zeilen einer Buchempfehlung, hatte ich keine Ahnung, auf was ich mich einließ.

Die Idee ist verhältnismäßig schnell erzählt: Paul Auster hat einen Roman über vier Jungen mit denselben Eltern, demselben Körper und demselben genetischen Material geschrieben, die je eigenen Gefügen von Umständen ausgesetzt sind. Von den Auswirkungen dieser Umstände handelt der Roman, von der Frage „Was wäre wenn“. Ob man die Liebe des Lebens wegen einer Zugverspätung verpasst, zum Beispiel. Ob man vaterlos aufwächst, ob die Familie in der Provinz oder die Mutter alleinerziehend in New York lebt, ob man zur Upperclass gehört oder schleichend verarmt.

Wie Adam Soboczynski in der Zeit schreibt: „ein einzelnes Ereignis verändert den gesamten Lebensweg, und man wäre ein anderer geworden, wäre dieses oder jenes passiert oder nicht. Die Form dieses Romans mag man experimentell nennen. Er lebt aber von einer durch und durch klassischen Annahme: der durch nichts zerstörbaren Einheit und Identität einer Person.“ Oder, um gleich den Meister selbst zu zitieren: „Das beständige Gefühl, dass die Gabelungen und Parallelen der eingeschlagenen und der nicht eingeschlagenen Wege allesamt zur selben Zeit von denselben Menschen begangen wurden, den sichtbaren und den Schattenmenschen, dass die Welt, wie sie war allenfalls ein Bruchteil der Welt sein konnte, da das Wirkliche auch aus dem bestand, was sich hätte ereignen können, aber nicht ereignet hatte (…)“

Bäm – was für ein quälender Gedankengang, den jeder und jede kennt. Und so liest eins die vier sich abwechselnden Geschichten über Archie Fergusons Leben. Das ist mal mehr, mal weniger spannend, aber immer sprachlich so außergewöhnlich gut und treffend, dass man die Seiten rausreißen und damit die Wand über seinem Bett tapezieren möchte, um auch nur den Hauch jener Inspiration einzufangen, die Auster zu dieser Höchstleistung verholfen haben muss.

Paul Auster hat wirklich alles gegeben und in Archies Geschichte – Sohn jüdischer Einwanderer – nicht nur seine eigene Biografie verwoben, sondern sich auch seines kulturellen Kapitals entledigt. Dass er Intellektueller durch und durch ist, beweist er auch durch das ellenlange Aufzählen von für ihn scheinbar relevanten Literaten und Werken. Väter und Söhne von Turgenjew, Tote Seelen von Gogol, Herr und Knecht von Tolstoi, Schuld und Sühne von Dostojewski (das ich mir jetzt gekauft habe und nach „A Little Life“ lesen werde). Pictures from Brueghel von William Carlos Williams, weitere Gedichte von Eliot. Tagebuch eines Diebes von Genet, Die Falschmünzer von Gide, Tropismen von Sarraute und Nadja von Breton – nicht zu vergessen, Molloy von Beckett und so weiter.

Es kann also schon mal passieren, dass man sich beim Lesen des Romans wie ein unbelesener Vollidiot in der ersten Germanistikvorlesung fühlt. Aber macht ja nichts. Nachdem man nämlich in einem bis zwölf Monaten – je nach beruflicher Aktivität – mit „4 3 2 1“ fertig ist, bleibt bestimmt genug Zeit, um sich den Millionen von anderen Büchern zu widmen, die man in diesem Leben bestimmt nicht mehr fertiggelesen bekommt. Aber wie dem auch sei.

Mir persönlich hat das Buch natürlich sehr gut gefallen, da es sich hauptsächlich um die großen und kleinen Hürden des Schreibens dreht und der Hauptprotagonist Archie – egal, in welcher der vier Geschichten – schriftstellerische Ambitionen hegt, die er, mal mit mehr, mal mit weniger Anklang verfolgt. Paul Auster weiß genau, wovon er spricht, wenn er schreibt:

„Bücher lebten nur so lange in einem, wie man sie schrieb, und sobald sie herauskamen, waren sie verbraucht und tot. Leer. Das war der passende Begriff, befand er, als er sich aufs Sofa setzt und den ersten Schluck Wein trank, die gleiche Leere, von der Vivian gesprochen hatte, als sie ihre Gefühle nach dem Abschluss ihres eigenen Buches beschrieb.“ Für Menschen, die nicht in der Medienbranche arbeiten, müssen sich diese Passagen entweder inspirierend oder todeslangweilig anhören. Ich für meinen Fall hätte jedenfalls keine Lust, mich über hunderte Seiten lang der Arbeitsweise von Chemikern zu widmen und mir dabei ihre Leidenschaft für Reagenzgläser schönreden zu lassen.

Ein Thema, das alle Menschen betrifft und auch Paul Auster sichtlich beschäftigt, ist die Liebe. Es gibt da ein Mädchen namens Amy Schneiderman, dem der Hauptprotagonist verfällt – übrigens in jedem einzelnen seiner Leben, was uns Paul damit wohl sagen will? Durch verschiedenste Zufälle sind sie mal ein Paar, mal Stiefgeschwister, wohnen mal zusammen, dann am anderen Ende Amerikas. Wie gut sie zusammenpassen, hängt auch davon ab, wie Ferguson aufwächst. Ob er politisch ist, oder gebildet. Es sind genau diese Wendungen, die mich als Leserin durch das sorgfältig konzipierte Narrativ beeindruckten.

Es gab keine einzige Stelle im Buch, an der ich das Gefühl hatte, hier wäre etwas erlogen oder schlecht zusammengereimt. Paul Auster (übrigens selbes Geburtsjahr wie Archie im Roman) hat gründlich gelebt und auch nachrecherchiert. Zum Vietnamkrieg, zu Präsidentschaftswahlkämpfen, den Unruhen in Newark, den Arbeitsbedingungen in Elektrohaushaltsgeschäften, den Aufnahmeprüfungen für Princeton und Harvard und dabei das persönliche Schicksal seiner detailliert eingeführten Hauptcharaktere um die Geschehnisse einer Zeit ergänzt, die vor allem eine junge Leserschaft selbst nicht erlebt haben konnte.

Stellenweise muss ich sagen, dass mich die bis ins kleinste Detail geschilderten Räumlichkeiten und Spaziergänge auch ein wenig langweilten. Locker hätte man 400 Seiten streichen können, ohne das Buch schlechter zu machen. Nein, wahrscheinlich wäre das Buch sogar besser geraten, wenn man sich nicht mit jedem Studentenprotest, der Arbeitssituation jedes entfernten Verwandten; jeder Erbse, die irgendwann auf Fergusons Teller lag hätte auseinandersetzen müssen und man dafür ein bisschen mehr Spannung erfahren hätte. Nein, „spannend“ ist nicht das Prädikat, mit dem ich dieses nichtsdestotrotz gelungene Meisterwerk beschreiben würde. Vielmehr ist es strukturell und analytisch relevant.

Müsste ich mich auf drei Adjektive beschränken, ich würde „4 3 2 1“ als anspruchsvoll, lehrreich und emotional bereichernd bezeichnen, weil Auster so wahr, so brutal ehrlich und auf den Punkt getroffen schreibt, dass ich jeden seiner Sätze über Freundschaft, Familie und Beziehungen irgendwo ganz tief in mir drinnen aufnehmen und an eine von mir selbst gemachte Erfahrung anknüpfen konnte.

Diese hier, zum Beispiel: „Es war nicht bloß eine neue Liebe, sondern eine neue Art von Liebe, eine neue Art und Weise, mit jemandem zusammen zu sein, die sich in eine neue Art und Weise, er selbst zu sein, übersetzte, eine bessere Art und Weise aufgrund dessen, wer und was und wie sie mit ihm zusammen war, die Art und Weise, er selbst zu sein, die er stets angestrebt, in der Vergangenheit aber nie hatte erreichen können. Keine Phasen grüblerischer Introspektion mehr, keine Ausflüge in die Sümpfe brütender Selbstquälerei mehr, kein Sich-gegen-sich-selbst-Wenden, eine Schwäche, durch die er immer hinter dem geblieben war, was er hätte sein können“, oder diese: „Bei all ihren Schwächen, bei allen Qualen, die sie ihm bereitet hatte, Anne-Marie hatte immerhin voller Überraschungen gesteckt, hatte immerhin sein Herz in einem Zustand anhaltender Spannung höherschlagen lassen, und jetzt, da sie nicht mehr da war, war alles wieder langweilig und berechenbar, sogar noch bedrückender geworden als in den Zeiten, bevor sie in sein Leben getreten war.“

Wenn ein Buch nicht dafür geeignet ist, es binge-zu-lesen, aufzunehmen und danach wieder auszukotzen, dann ist es „4 3 2 1“. Es ist ein Buch, das seine Leser begleiten möchte, über mehrere Monate hinweg und in ihnen etwas nachhaltig verändert – und sei es ihr Sprachverständnis, oder ihr Blick auf die Welt. Die Wertschätzung dessen, was man hat und dass alles auch hätte schlimmer kommen können. Meistens.

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