internet & identität

Kein Wunder will keiner im Wedding wohnen

7. September 2017

Ich hasse den Wedding. So, jetzt ist es raus – und damit bin ich nicht alleine. John schreibt auf seiner FB-Seite: „Suche WG-Zimmer in Berlin – alles außer Wedding“, ein Bekannter von mir geht sogar so weit, dass er alles meidet, was von der Brunnenstraße aus Richtung Pankstraße verläuft. Denn dort drüben „sei ja Wedding“. Als ich nach Berlin gezogen bin, fand ich diese Anschauung überaus arrogant. „Die haben sie doch nicht mehr alle“, dachte ich mal im Stillen, mal lauter als meinem Umfeld lieb war. „Wie kann man so zimperlich sein?“ Meine Meinung, sie würde sich schon bald ändern.

Gestern Nacht, 2 Uhr. Ich werde zum zweiten Mal in dieser Woche von der 24-Stunden-Bar geweckt, die sich im Erdgeschoß meines Wohnhauses befindet – und merke, dass hiermit endgültig eine Grenze überschritten wurde. Nein, dass diese Grenze schon seit Langem überschritten ist, den ganzen Sommer strapaziert wurde, und dass ich den Wedding schöngeredet und verteidigt habe wie eine toxische Beziehung, als meine Freunde und Bekannte langsam die Mundwinkel verzogen, wenn ich von meiner neuen Wohnung sprach.

Sobald meine Antwort auf die Frage kam, wo denn die Wohnung sei, herrschte Schweigen. Fast so, als ob jemand öffentlich zugegeben hätte, die CDU zu wählen. Ein Bekannter wollte mir sogar ungefragt und auf eigene Faust eine andere Bleibe suche. Frei nach dem Motto: Komm doch zu uns nach Neukölln. Was soll man da noch sagen? Wie schlimm muss es sein? Ich kann mich an keinen konkreten Grund erinnern, warum sie den Wedding so inbrünstig hassten. Keiner sagte das G-Wort. Den Wedding verachten, lernte ich, das gehört zum Bobo-Dasein irgendwie dazu.

In den darauffolgenden Monaten veränderte sich mein Tonfall, wenn ich Wedding sagte, ich verkam zu dieser Person, die es mied „darüber“ zu sprechen. Fast so, als ob ich mich dafür schämen müsste, mir mit meinem Autorinneneinkommen keine eigene Wohnung in Mitte Mitte oder Prenzlberg leisten zu können – dafür müsste ich wohl erst heiraten, um das altbewährte Prinzip „No Kids Double Income“ für meinen persönlichen Aufstieg zu nutzen. Freiwillige anyone? Denn, wenn ich ehrlich bin: Der Umzug nach Wedding war ein Abstieg. Zumindest, wenn ich meine jetzige Situation mit der bequemen Situation vergleiche, in der ich mich in Wien befand.

Zwar habe ich auch dort drei Jahre lang im 15. Bezirk – liebevollerweise Rudolfscrime genannt – gewohnt, aber im Vergleich zur Gegend rund um den Gesundbrunnen, Osloer Straße oder, zumindest etwas besser, Seestraße, ist die Johnstraße ein verdammtes Paradies. So überschaubar, ja fast so ruhig wie ein Spaziergang mit den Großeltern. Meiselmarkt, das war irgendwie immer noch Zuhause. Wedding ist weder Heimat, noch Berlin und bleibt damit ein Drecksloch, aus dem mit bis auf wenige Ausnahme jeder, den ich kenne, schnellstmöglich wegziehen möchte.

Es ist immer noch 2 Uhr morgens, ich schreibe meiner Freundin Caren, weil ich nicht mehr schlafen kann. „Ich muss hier raus. Es ist 2 Uhr nachts und diese Scheißalkoholiker da unten hören immer noch Helene Fischer. Nächstes Jahr zieh ich aus, ich schwöre.“ Die Kneipe, sie raubt mir seit meinem Einzug regelmäßig die Nerven. Schon morgens sitzen Menschen draußen und lassen sich volllaufen. Caren ist zum Glück noch wach, ich weiß ja, warum ich ausgerechnet ihr texte. Nach einer kurzen Mitleidsbekundung stellt sie mir eine Frage, die mich noch länger wachhalten würde: „Findest du nicht, du hättest dir die Gegend ansehen sollen, in die du ziehst, bevor du dich aufregst? Die waren schließlich vor dir da.“

Ja und nein. Wer gerade eine Wohnung in Berlin sucht, weiß, wie hart der Markt umkämpft ist. Als ich 2014 das erste Mal für fünf Tage in der Seestraße wohnte, stand fest: Ich ziehe niemals hier hin. Seestraße, das ist nicht nur Arsch der Welt und außerhalb des Rings sondern heißt auch: Dreck, zerfetzte Klamotten, ominöse Handyläden, Drogensüchtige am Leopoldplatz, vernachlässigte Kinder, ledrige Verkäuferhände und einem direkt ins Gesicht springende Armut an jeder Ecke. Ich kann gar nicht mitzählen, wie oft ich schon angesprochen wurde. Nicht unbedingt das, was ich mir unter „meinem Berlin“ vorgestellt hatte und hier kommen wir zu genau dem Punkt, weswegen mich entweder gleich das ganze Internet oder zumindest eine bestimmte Community hassen wird. Ich fühle mich im Wedding nicht zuhause.

Anders, als Leute, die im Wedding aufgewachsen sind und mit den Umständen – versiffte Eckkneipen und pöbelnde Alkoholiker alle hundert Meter, kaum bis keine netten Bars oder Restaurants (ja, ich kenne Ausnahmen wie die Beste Bar oder Anita Berber), wenig Unterhaltungsmöglichkeiten abseits von Dart- und Kartenspielen – vertraut sind, komme ich einfach nicht darauf klar, dass mir mit jedem Schritt, den ich außerhalb meiner Wohnung gehe, meine eigenen Privilegien wie eine Ohrfeige ins Gesicht knallen. Beinahe überall, wo ich hingehe, bin ich im Umkreis von 300 Metern die einzige weiße, offensichtlich mittel- bis oberschichtszugehörige Akademikerin, die sich ihren Weg durch den Supermarkt bahnt. Alle sind sowas von fertig hier, schieben ihre Existenzen vor sich her wie ein kaputtes Billa-Einkaufswagerl.

Ich fühle mich alleine schon dadurch unwohl, anwesend zu sein, auch wenn mir natürlich niemand etwas getan hat. Es ist ein ekeliges Gefühl, das sich in mir breitmacht. Der rhetorisch fragwürdigen Floskelhaftigkeit bin ich mir im Übrigen durchaus bewusst. Es ist fast so, als hätte man die ganzen Probleme Berlins in einen Stadtteil abgeschoben, sodass man sie nicht mehr täglich sehen muss, während man Chia-Bowls um 9,50 bestellt und mit seinen Freunden Sektfrühstück feiert.

Die deutsche Klassengesellschaft, sie ist dank Menschen wie mir und John und Jonathan auf dem Vormarsch – besonders in Großstädten wie Berlin. Weil wir uns zusammenrotten wie eine Horde von internationalen Überlebenden, strikt unter unsersgleichen bleiben („Und, welche Kunst machst du so?“) und in der Regel einen Scheißdreck tun für Berlin und seine Einwohner, weil wir so mit unserem eigenen Fortkommen, unseren Karrieren in der Medien/Mode/Kunstwelt beschäftigt sind, dass wir lieber wegziehen, als hinzuschauen und das Koks gemeinsam mit dem Abstand nehmen, statt politisch zu handeln. Wir sind das Problem – und doch können wir nicht anders. Scheinbar. Nur weil sich Reich(er)geborene ihrer Privilegien bewusst werden, heißt das noch lange nicht, dass sie bereit sind, diese abzugeben oder ein Leben zu führen, das in ihren Augen unter gewissen Standards liegt. Ich könnte ja einmal mittrinken, zum Beispiel, es ist nicht so, als ob man mich von der Straße aus nicht schon eingeladen hätte. Ich könnte auch einmal zur Familie unter mir gehen und auf die Kinder aufpassen. Aber ich will nicht, ganz offensichtlich. Ich will mich nicht in den Stadtteil einbringen, in dem ich als Zugezogene mein Leben als Freischaffende fröne. Weil ich ignorant und egoistisch bin.

Und trotzdem bin ich es langsam leid, mich – vor mir selbst, sei dazugesagt – dafür rechtfertigen zu müssen, wenn etwas in meinem Kopf eindeutig „falsch“ schreit. Die Alkoholiker mögen vor mir dagewesen sein, aber habe ich deshalb keinen Anspruch auf Ruhe? Dürfen andere ihre Tage versaufen, während ich schreibe? Bin ich ein Spießer, der anderen Leuten vorschreibt, wann sie wie viel zu saufen haben? Fragen, über die ich mir bis zu meinem Umzug gar keine Gedanken gemacht habe. Ich wohne nicht mitten auf dem Kiez, wo eine Bar an die andere anschließt – das wäre eine ganze andere Angelegenheit. Ich wohne in einem ganz normalen Wohnhaus – also, dachte ich zumindest, bis ich einzog. Ein komisches Bauchgefühl hatte ich schon damals.

Was soll ich dagegen tun, dass ich mich in manchen Teilen des Weddings nicht wohlfühle? Dass ich mich nachts auf dem Heimweg manchmal frage, ob ich gleich wieder sexuell belästigt werde wie vergangenen Winter? Dass ich den Sommer über nicht ohne Ohropax schlafen konnte, weil nicht nur die Alkoholikerbar ständig Feste (und gelegentliche Prügeleien) veranstaltet, sondern unter mir auch eine syrische Familie mit zwei kleinen Kindern wohnt, die verständlicherweise auch mal schreien? Armes Mädchen. Es mag Leute geben, die sich von ihrem Milieu befreien können, die sich auch hier einfinden. Das sind dann meist genügsame Menschen, die sagen sie würden ja „ohnehin so gerne Falafel essen“, sie mögen „die kulturelle Diversität“.

Es sind Freunde, die mich mal besuchen kommen und dann behaupten, es wäre „gar nicht so schlimm!“, bevor sie wieder zurück nach fancy Prenzlberg fahren. Woanders wohnen? Wollen die auch nicht. Danke für die Erinnerung, was ein Kompliment. Ich weiß schon. Natürlich ist der Wedding nur aus meiner eigenen, gottverdammten privilegierten Perspektive „schlimm“, die nichts anderes kennt als 200 quadratmetergroße, mehrstöckige Einfamilienhäuser am Stadtrand – wahlweise mit Pool – und viermal pro Jahr locker in Urlaub fahren. Die in einer weißen Mittelschichtsblase in Wien aufgewachsen ist und zum ersten Mal einen Obdachlosen sah, als sie anfing an der Universität Wien zu studieren.

Und doch will ich wie alle anderen auch unter meinesgleichen sein und leben, nicht so tun müssen, als ob ich die Gegend hier lebenswert fände. Ich werde mehr für meine nächste Wohnung zahlen als jetzt und dankbar sein für die Lage. Mich nicht jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, vors Schienbein getreten fühlen, wenn ich jemandem begegne der offensichtlich weniger Glück hatte als ich im Leben. Schimpft mich Hipster, schimpft mich gerne überprivilegierte Spaßverderberin, die nicht nur dafür sorgt, dass die Mieten steigen sondern sich hinterher auch noch darüber beschwert, nicht im Gräfekiez zu wohnen. Los, ihr könnt mich jetzt auseinandernehmen.

Aber meine ambivalente Erfahrung zum Wedding, sie besteht.

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1 Comment

  • Reply Lydia 10. Oktober 2017 at 10:35

    Komm’ mich besuchen, im Wedding.

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