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Schreiben für Geld: Die Sache mit der Inspiration, meine Pläne und die kleine Sommerauszeit

23. Juni 2017

Würde ich jedes Mal auf die Muse warten, die mich küsst, hätte ich bis heute ganze drei Artikel veröffentlicht. Schreiben ist kein „Ich mache es dann, wenn es mich bockt“-Hobby mehr, wenn du damit dein Geld verdienst. Versteht mich nicht falsch: Hin und wieder ist es wahrlich überwältigend, Kolumnen über das zu schreiben, was mir widerfährt (hallo, Kindheitstraum) und macht das Ganze definitiv zum besten Job der Welt.

Und trotzdem gibt es diese Wochen, da muss ich die Gedanken nur so aus mir rauspressen, wie bei einem Geburtsvorgang. Diese Woche war eine dieser Wochen. Ich konnte kaum eine Nacht länger als sechs Stunden schlafen, weil ich zu aufgeregt war, angesichts der ganzen Aufträge, die sich angesammelt und neu ergeben hatten. Man träumt ja immer davon, gebucht und gelesen zu werden – und dann, wenn die Chance da ist, ist man kurz überfordert und fragt sich, wie man das überhaupt stemmen soll. Für so ein großes Publikum.

Und dann setzt man sich an den Schreibtisch, vier Tage in a row, gleich frühmorgens und überlegt sich die These für den ersten Artikel, die These für den zweiten. Damit ist es aber nicht getan, denn die Artikel müssen reifen im Kopf, wie eine harte Birne im Obstkorb. Man schreibt einen Text nie in zwei Stunden. Man schreibt den Text, dann hat man den Text geschrieben und danach denkt man so lange über den Text nach, zerdenkt ihn, bis er auch gedanklich abgeschlossen ist, geht immer und immer wieder drüber. Bis etwas abgesendet ist, ist es nicht fertig. Das ist übrigens auch der Grund, warum so viele Probleme mit Forschungsarbeiten haben. Weil es im Kopf rumort (muss so!) und weil es anstrengend ist und bezahlt wird man für den Output, als Autorin, nicht für die Runden im Park, die man bei Regen dreht oder im Museum, weil der Einstieg noch nicht perfekt sitzt oder weil man doch noch einen anderen Ton finden möchte, weil der letzte so anklagend war.

Es muss raus, es muss verarbeitet werden und dann kann man nicht schlafen und sitzt um halb zwei am Fenster, ihr wisst schon. Gerade ist mein Kopf sehr voll, ich kann mich kaum auf etwas anderes fokussieren, weil ich gedanklich so in meinen Texten stecke, als ob sie ich wären. Laufen gehen tut gut, aber auch nur temporär. Eigentlich hilft final nur schreiben. Schreiben, schreiben, schreiben. Niederschreiben, bis es raus aus dem Gehirn ist. Und Regen.

Man hat die Idee, ja klar, aber wie sie letztlich auf dem Papier aussieht, oder eher in diesem Internet, steht zuvor nicht fest. Es ist immer immer immer ein neuer Prozess und es überrascht mich jedes Mal aufs Neue, dass ich überhaupt etwas aufgeschrieben habe, das sich flüssig lesen lässt. Das andere gerne lesen.

Es ist Routine geworden, klar.

Ohne die Routine, ohne mein geistiges und praktisches Handwerk und die Fähigkeit, Struktur in wirre Knoten in meinem Kopf zu bringen würde ich diesen Beruf auch nicht ausüben können. Und doch ist es mit dem Schreiben eines neuen Textes so wie mit einem neuen Lover: jedes mal anders. Aufregend. Es gibt keinen Text, der sich gleich angefühlt hat. Weder währenddessen, noch danach. Manchmal habe ich eine besondere Beziehung zu einem Text, manchmal ist er mir schon nach wenigen Tagen fremd und ich frage mich, wann genau ich den überhaupt in meiner Wohnung produziert habe, wenn ich ihn „online sehe“.

Ich schreibe 80 % der Texte übrigens in meiner Wohnung (diesen nicht hier), an meinem geliebten Kentholz-Tisch, der wirklich jeden Cent wert war. Ich schaue dann raus auf den Kastanienbaum vor meinem Fenster und überlege. Wenn ich nicht mehr kann, gehe ich Radfahren in den Rehbergen, wie ich früher in der Lobau in Wien radfahren war. Ich lasse die schwierigen Texte auch eine oder zwei Nächte liegen, aber nicht länger. Ich muss noch genug „drinnen sein“, um Feinheiten abändern zu können. Irgendwann wird ein Text auch kalt. Am nächsten Tag gibt es also meistens den Feinschliff. Es ist vielleicht gar nicht so gut, seine eigenen Texte zu editieren aber ich habe es mir antrainiert, dass ich selbst meine schlimmste Kritikerin und damit auch eine recht passable Lektorin geworden bin. Bei holprigen Stellen markiere ich gelb. Manchmal fehlen mir Synonyme, die muss ich nachsehen.

Aber um nochmal auf diese Woche zurückzukommen. Ich war einmal im Kino (Wilde Maus), ich war einmal im Museum (Belling, Hamburger Bahnhof), ich war einmal Radfahren und einmal Joggen. Ich habe mich mit Tätigkeiten von meiner eigentlichen Tätigkeit abgelenkt, und doch noch alles zufriedenstellend fertigbekommen. Freitagnachmittag und ich habe es geschafft, mal wieder. Vier Texte sind raus. Ein Buchexposé. Dieser Blogeintrag und ein Rezeptepost.

Ich habe mich animieren können. Überlistet, weiterzumachen. Einfach weiterzuschreiben, mal um Mitternacht, nach dem Kino. Bei 30 Grad Außentemperatur in der gut durchlüfteten Wohnung. Ganz früh morgens. Ich sehe mich nicht dabei und doch ziehen die Bilder von mir als schreibender Person an meinem inneren Auge vorbei und deshalb schreibe ich auch das hier auf, um mich genau an die Woche erinnern zu können, die das nächste Jahre auf den Kopf stellen könnte.

Aber dazu mehr, wenn es soweit ist. Bis 1. August nehme ich eine kleine Auszeit vom Schreiben, damit ich all die Texte und Magazine nachholen kann, die ich verpasst habe – sowohl online als auch offline. Ich möchte Paul Auster weiterlesen und mich von den Schriftstellern in meinem Umfeld inspirieren lassen.

Das erste halbe Jahr von 2017 ist rum, ich habe 5 bis 8 Texte pro Monat zusätzlich zu meinem Brotjob und den dort veröffentlichten Texten publiziert und aktuell das Gefühl, dass ich jetzt einen kleinen Bruch machen muss, um mich weiterzuentwickeln. Um neue Thesen, Themen und meinen Stil weiterzuentwickeln, auf natürlichem Weg. Durchs Wandern, Existieren und einfach mit Freunden beim Heurigen sitzen, in Wien.

Dort werde ich meinen Sommerurlaub verbringen, nichts Besonderes, sehr unprätentiös. Und zu guter letzt wollte ich sagen, dass ich mich wahnsinnig freue, so eine tolle Community um mich zu haben, ich freue mich über jeden Kommentar auf watson, ze.tt als auch auf instagram.

<3
Bianca

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2 Comments

  • Reply Finja 24. Juni 2017 at 10:52

    So toll geschrieben, dein Schreibstil ist wirklich ganz besonders. Viel Spass mit Paul und co.
    X finja | http://www.effcaa.com

    • Reply groschenphilosophin 24. Juni 2017 at 14:38

      vielen lieben dank <3

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