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Schreiben für Geld Pt. 3 und wie man dieses Social Media in seinen Berufsalltag integriert, ohne verrückt zu werden

29. Januar 2017

2016 ist etwas verloren gegangen – und es ist nicht nur mein Vertrauen in die Menschheit. Das Internet, wie ich es vor dreizehn Jahren (hallo Beepworld, hallo Girlie-Foren) kennen und lieben lernte, existiert in dieser Form nicht mehr. Wenn ich ein soziales Netzwerk öffne, überkommen mich oft Gefühle von Taubheit, Desinteresse und Überforderung. Wie auf einem Marktplatz, an dem alle schreien und ihre Produkte zu möglichst niedrigen Preisen loswerden wollen.

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Das meiste, was sich im Internet auf einer dieser aalglatten Oberflächen abspielt, hat nur noch wenig mit authentischer self-expression (was soll das noch gleich sein?), Neugierde oder einem niederschwelligen Zugang zu Eigenpublikation zu tun. Trump hier, der hundertste Artikel zur Generation Y da, dazwischen gestellte Momente in Eigen-PR. Und jeder möchte Teil sein! Spaß macht mir Social Media schon lange nicht mehr.

Immer öfter fragte ich mich, warum ich da mitspiele, warum ich auch noch in meiner Freizeit Gedanken rausposaunen sollte, die schon am nächsten Tag niemanden mehr interessieren – aber für alle Ewigkeiten gespeichert bleiben. Seit drei Monaten bin ich jetzt so gut wie weg, vom Klickmaschinen-Rhythmus und süchtig machenden Öffnen-Schließen-Mechanismen, bei denen man sich in der Bahn ertappt. Dabei wird eine App nach der anderen geöffnet, nur um sie lieblos durchzuscrollen und zehn Sekunden später wieder zu schließen – ohne langfristig etwas mitzunehmen. Oder, Gegenfrage: Was war der Inhalt des letzten Artikels, den du überflogen hast?

Den Trend zum Offline-sein, Weniger-posten, Bewusster-lesen – wie auch immer man es nennen möchte – habe ich nicht erfunden. Es gibt bereits einige, auch große Player im Business, die sich 2016 nach vielen beruflich erfolgreichen Jahren dagegen entschieden haben, weiterzumachen. Zumindest in der bisherigen Form. Einer davon ist Martin Weigert. In seiner Kolumne „Social Media: * 2006, † 2016“ auf t3n schreibt er über die Reduktion seiner Social-Media-Aktivitäten:

Es ist „das Ergebnis einer nüchternen Kosten-Nutzen-Kalkulation. Zehn Jahre lang überstieg in meinen Augen der wahrgenommene Nutzen von Social Media die Kosten. 2016 ging diese Rechnung nicht mehr auf. Plötzlich empfand ich die auf One-to-Many-Kommunikation ausgerichteten sozialen Netzwerke eher als Last denn als Segen. Nach einigen Monaten der Selbstbeobachtung war der Punkt gekommen, ein Kapitel zu schließen und dem ständigen Konsumieren von Social Feeds sowie dem eigenen, permanenten lauten Denken in 140 Zeichen den Rücken zu kehren.“

Plötzlich empfand ich die auf One-to-Many-Kommunikation ausgerichteten sozialen Netzwerke eher als Last denn als Segen.

Seine Gründe sind vielzählig: Gruppendenken und Mob-Mentalität, Zeitverschwendung, Prokrastination und gefühlter Klickzwang. „Die Entwickler der Dienste machen in der Umsetzung von verschiedensten psychologischen Kniffen Gebrauch, um im Gehirn bestimmte, teilweise evolutionsbiologische Prozesse in Gang zu setzen, denen Individuen nur mit großer Anstrengung widerstehen können. Der Mensch als temporäre, willenlose Klickmaschine. Kein sonderlich attraktiver Zustand, oder?“ Absolut nicht, lieber Martin. Von dem Geschenk der Fake-News gar nicht erst zu sprechen. „Die ganze Debatte haben wir nur, weil Social Networks es mit ihrer enormen Reichweite und dem Wettbewerb um Aufmerksamkeit sowie den strukturellen Anreizen zur Suche nach ständiger Bestätigung eigener Ansichten für ideologisch oder finanziell motivierte Akteure hochgradig attraktiv und effektiv machen, systematisch Falschmeldungen im Umlauf zu bringen.“

Und obwohl jeder der von ihm genannten Punkte einzeln betrachtet werden müsste, kann ich (zumindest auf der Gefühlsebene) gar nicht anders, als heftig mit dem Kopf zu nicken: „Immer mehr Studien und Anwenderbefragungen kommen zu dem Schluss, dass signifikante Teile der regelmäßigen Social-Media-Nutzer negative Emotionen verspüren (…).“

Zurück zum eigentlichen Thema: Wer publiziert, hat auch meist Kanäle, auf denen er seinen Output verwursten kann – es sei denn, es ist alles für die Schublade. Auf Twitter habe ich zum Beispiel knappe 1500 Follower, auf Instagram 610. Mit meinen Facebook-Freunden komme ich auf 2500 Menschen, die ich selbst direkt adressieren kann. Wo wir schon beim schwierigsten Punkt der Abstinenz wären: Wie erreiche ich Menschen, denen meine Worte womöglich nützen könnten, wenn ich mich selbst ausschließe? Meine Accounts ganz zu löschen kommt trotz aller Negativa nicht in Frage, weshalb sich die bereits beschriebene kognitive Dissonanz zwangsläufig in einem veränderten Nutzungsverhalten niederschlagen muss.

Jens Scholz hat dazu einen reflektierten Blogeintrag geschrieben, in dem er sich mit unserer verschobenen Wahrnehmung auseinandersetzt und Tipps gibt, „wie man das Internet liest, ohne wahnsinnig zu werden“. Einer davon ist auch, radikal zu filtern. Schließlich gehen wir auch im echten Leben Menschen, mit denen wir nichts zu tun haben wollen, aus dem Weg. „Das Praktizieren dieser sozialen Konventionen schützt uns vor Stress und hilft uns, konstruktiv zu sein. Es immunisiert uns, macht ‚unsere’ Welt überschaubar und vermittelt uns ein Gefühl der Sicherheit. Daher muss man auch in der digitalen Welt lernen, sich zu distanzieren, Filter zu setzen, Abstände einzubauen und sich abzugrenzen.“ Wer gerade das Gefühl hat, dass alles „schlimmer“ wird, sollte auch folgenden Aspekt betrachten:

Plattformen haben ihre User Experience so konstruiert, dass sie vor allem Interaktionen hervorhebt und möglichst viele neue erzeugt. Das ist zunächst auch ganz logisch und nachvollziehbar, aber so wie sie es tun, führt das inzwischen dazu, dass der Dissens amplifiziert wird und der Konsens als reiner Statistikwert fast unsichtbar bleibt.

Medienkompetenz hilft, Kontrolle über die eigenen Impulse zu erlangen und Social Media wieder halbwegs so verwenden zu können, wie es der Name verspricht.

Auch ich vertraue darauf, dass es in Zukunft einen neuen, leiseren Weg geben wird. Dass sich Menschen, die Interesse an dem haben, was ich schreibe und mache, melden werden. Sei es, indem sie auf dem Blog vorbeischauen (danke für die vielen Kommentare letzte Woche <3), mir eine PN schreiben (checke ich ab und an) oder eine Mail. Für mich ist der direkte Kontakt etwas ganz Besonderes. Wenn ich merke: Da hat sich wirklich jemand Gedanken gemacht. Ich glaube, dass dem geschriebenen Wort, genauso wie dem Ego des Autors, eine gewisse Social Media Abstinenz sogar gut täte. Wer ständig Feeds checkt, wird abgelenkt und kommt danach schwerer wieder „rein“, ins Schreiben. Seit einiger Zeit bin ich bewusster online, setze mir Limits, breche ab, wenn ich keine Lust mehr habe, twittere nicht und bevorzuge das, was man gemeinhin als „das echte Leben“ kennt.

Likes oder shares sind mir weitestgehend egal – schließlich gibt es auch da immer wieder Kandidaten, die sich „zu gut sind“, einen Beitrag zu liken oder zu retweeten/reposten, obwohl sie den Artikel aus Neugier in Windeseile verschlungen haben (haha: erwischt!). Die soziale Währung ist keineswegs „umsonst“. Sie zollt Respekt, oder eben auch nicht; sie zeigt, wer mit wem befreundet ist – oder nur aus Zugzwang liked, weil man zum Beispiel zusammen arbeitet. Menschen merken das, es gibt nur noch nicht das passende Vokabular um diese teils unterbewusst stattfindenden Vorgänge adäquat zu beschreiben.

Aber keine Sorge: Ich bin dabei.
Ich werde dieses Jahr nebenberuflich und sehr selektiv für Geld über Digitales (und auch ein bisschen Film) schreiben, die ersten Texte findet ihr ab kommender Woche hier auf diesem Blog verlinkt.

So, genug der Ankündigungen.

Erzählt mir lieber in den Kommentaren, ob ihr Ähnliches fühlt oder erfahren habt – oder noch ganz heiß seid, auf den ganzen Scheiß. Ich bin jedenfalls froh, meinen Blog wiederzuhaben. You’re at home, baby.

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3 Comments

  • Reply GLEZ 30. Januar 2017 at 22:19

    Ich öffne die App und scrolle einfach runter, runter, runter. Und wenn es Emotionen gibt, dann überwiegend negative. Ich werde dann neidisch auf den Erfolg anderer obwohl ich meistens weiß, dass er gar nicht echt ist. Oder ich zweifle an mir selbst und vergleich mich ständig mit ehemaligen Studienkollegen und Berufskollegen. Als ich mich 2006 bei Facebook angemeldet habe (damals musste ich mich noch mit einer Uni Mail Adresse anmelden!), schrieb man über persönliches, alltägliches und es war tatsächlich ein soziales Netzwerk. In den letzten Jahren ist mein Feed eine Mischung aus Werbung, politischen pseudo statements und Werbung für das letzte tolle Projekt das man hatte wo man #grateful #blessed ist.
    Leider fällt es mir persönlich extrem schwierig weg zu bleiben obwohl ich genau weiß, dass es Zeitverschwendung ist. Woran liegt das? Vielleicht bin ich tatsächlich süchtig danach?? Wie findest du eigentlich die Selbstdisziplin dir ein Limit zu setzen und nicht doch noch schnell einen Blick auf Twitter zu werfen?
    Ich glaube, dass es zu jedem Trend auch immer einen Gegentrend geben wird. Genauso wie im Zuge von Spotify und co Leute sich wieder nach handfestem Vinyl und Kasetten sehnen und kaufen bin ich mir sicher, dass es viele Leute gibt die bedeutungsvollen Inhalt im Internet suchen. Hoffentlich wird sich das auch mehr und mehr im Social Media wiederfinden! Hast du es geschafft aus dem Internet bedeutungsvolle Beziehungen und Freundschaften zu schaffen? Oder sind wir als Menschen so gebaut, dass wir letzendlich immer eine persönliche (Im Sinne von physisch im gleichem Raum) Beziehung bevorzugen werden?

    • Reply groschenphilosophin 31. Januar 2017 at 12:31

      Hallo Glez (jetzt auf Deutsch ;)) – ja, diese Dinge die du beschreibst, beobachte ich auch ganz stark. Bei mir, bei anderen.
      Ein generelles Unwohlsein, wenn man scrollt. Weil man vielleicht insgeheim weiß, dass es nicht echt ist, dass man sich gerade nur bedingt geistig betätigt, vielleicht eher ablenkt, als lernt. Wie wärs mit einem Buch, einem Film? Einfach rausgehen, den Hund des Nachbars Gassi führen.

      Ich glaube es ist weniger Sucht als ein Automatismus, wenn auch ähnliche (Belohnungs)Prozesse im Gehirn bei SM-Sucht wie bei anderen Süchten (zB. Alkohol) festgestellt werden konnten. Dazu gibt’s auch schon einige Studien. Wie ich es schaffe, wegzubleiben? Naja, ich bin ganz gut darin zu erkennen, was mir schlecht tut, was gut. Demnach ist es „einfach“. Wobei ich ja schon auch noch online bin, so ist es ja nicht. Bevor ich allerdings etwas unreflektiertes auf Twitter oder FB poste, denke ich jetzt lieber im Stillen darüber nach, rufe eine Freundin an, etc. Das gibt mir persönlich mehr als die Masse an Likes von mir unbekannten Personen.

      Zudem verfolge ich aktuell kaum noch Nachrichten, das ist ja auch ein Kerngeschäft von twitter. Es ist mir zu schnell, zu kurzlebig. Nichts, auf das ich im „echten Leben“ setzen würde. Weder bei meiner Kleidung, noch bei meiner Einrichtung, noch bei meinen Beziehungen.
      Es ist meine ganz persönliche, politische Haltung dazu, die mein Nutzungsverhalten verändert hat.

      Zu deiner letzten Frage: Ich habe wahnsinnig tolle Menschen kennengelernt. Habe dazu auch mal etwas geschrieben auf dem Blog: http://www.groschenphilosophin.at/2015/08/jeder-von-uns-ist-aus-diesem-internet/

  • Reply Stefanie 2. Februar 2017 at 10:42

    Mir hilft das bewusste Lesen. Da ich kein Smartphone besitze, gibt es lange Zeiten über den Tag hinweg, in denen ich analog lebe. Wenn ich dann nach Hause komme und mir das Tablet oder den PC nehme, lese ich sehr eingeschränkt vor allem bei WordPress über meinen Blog, lasse aber Twitter und Instagram bei Seite. Auch Facebook sehe ich nur als Austausch mit Freunden und habe alle, deren Glitzerwelt mich nicht interessiert auf unsichtbar gesetzt.
    Das funktioniert für mich ganz gut. Aber ich bin auch zehn Jahre älter als du und hing mit 13 an Bushaltestellen rum, weil es das Internet so noch nicht gab …

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