In dem Moment, in dem man anfängt seine Stimme für Geld zu verkaufen, ändert sich alles. Es ist jetzt 15 Monate her, dass ich das letzte Mal etwas geschrieben habe, ohne dafür im Gegenzug Kohle, Reichweite oder den kostenlosen Eintritt in ein Museum, einen Film, ein Konzert bekommen zu haben. Warum? Weil Schreiben ein Handwerk ist, das entsprechend entlohnt wird, wenn man es richtig anstellt.

Versteht mich nicht falsch: Es ist vollkommen legitim, “einfach so” zu schreiben. Auf seinem Blog. Auf coolen Indie-Plattformen, die keinen Cent in ihre Autoren und dafür umso mehr in eine super-artsy Repräsentation investieren. Auf der Schreibmaschine vom Flohmarkt. Es ist allerdings auch in Ordnung, davon leben zu wollen. Nicht mehr ausschließlich bis spät nachts an philosophischen Grunddebatten zu scheitern und das Ganze als etwas zu verstehen, was Schreiben auch ist: ein knallhartes Business, das dich schon bald darum betteln lässt, auch mal wieder irgendwo hinzugehen zu können, ohne danach darüber öffentlich schwadronieren zu müssen.

Ich war natürlich auch mal so eine, die andere verurteilt hat. Antje Schrupp habe ich beispielsweise öffentlich angekackt, weil sie auf Mainstream-Plattformen veröffentlicht hat, die mir persönlich nicht zusagten. „Warum“, dachte ich, „tut sie das! Die kann doch viel mehr. Also ich kann nur für ein Medium schreiben, hinter dem ich ideologisch hundertprozentig stehe.“ Und das habe ich dann auch getan, drei oder vier Jahre lang. In dieser Zeit habe ich keine einzige Monatsmiete von meinen lukrierten Gehältern bezahlen können. Zugegeben: Wahrscheinlich lag es nicht nur an der prekären finanziellen Lage meiner (linken) Auftraggeber, sondern auch daran, dass ich studierte und nicht auf das Schreiben als einzige Einkommensquelle angewiesen war. Etwas, das ich übrigens auch heute nicht – mehr – sein möchte, lesen sie bitte hier weiter. Inzwischen weiß ich: es gibt kein Medium, mit dessen Autoren und Autorinnen ich mich ausnahmslos arrangiere und auf dem es keinen einzigen Artikel gibt, der mich verstört zurücklässt.

Was ich eigentlich sagen möchte: es macht einen riesengroßen Unterschied, ob man „ab und zu zum Spaß schreibt“, zum Beispiel weil man das Bloggen gerade für sich entdeckt hat. Ob man vorhat, erst im Stillen einen Roman fertigzustellen, bevor man diesen an Verlage pitcht oder entschließt, kurzlebigen und dafür halbwegs aktuellen Onlinejournalismus zu machen, der von den größten Verlagen Deutschlands immerhin ausreichend angefragt wird. Das eine ist nicht zwingend „besser“ als das andere, es wirkt höchstens altruistischer, reiner. Edler. Vor allem vor anderen. Falsch finde ich, andere pauschal dafür zu verurteilen, wie sie sich für das jeweils andere entschieden haben. Apropos Entschluss.

Entschließt man sich, Vollzeit als Journalistin tätig zu sein, gibt es soetwas wie Denkpausen nur noch mit sehr viel Selbstdisziplin. Man ist 24/7 drinnen, im Weltgeschehen, in politischen Lagen, im Internet und den dort stattfindenden Debatten, Phänomenen, Kritiken. Das Ganze ist nicht mehr ein kleines nettes Liebhaber-Nebenprojekt, mit dem man auf Instagram angeben kann. Es ist dein verdammtes Scheißleben, das daran hängt. Es ist alles, was du hast und alles, was du kannst. Es ist die Bühne, auf der du als Autorin stehst, die dich dazu ermächtigt, öffentlich Position zu beziehen und dich zwingt, mit den Reaktionen umzugehen. Dafür stehst du mit deinem Namen. Es verändert dich, es macht dich angreifbar und ermächtigt dich gleichzeitig.

Es macht einen gewaltigen Unterschied – und ich kann das als Bloggerin einfachmal mal so behaupten – ob man 10.000 Klicks im Monat auf seiner selbstgehosteten Website verzeichnet oder 50.000 Klicks auf einen einzigen Artikel, der hunderte Kommentare, Mentions oder sogar Blogeinträge nach sich zieht.

Bis es so weit ist, wirkt das Internet wie eine schöne Spielwiese, auf der man seine provokanten Gedanken weitestgehend empirisch ungeprüft hinausposaunen kann, ohne dafür auf die Fresse zu bekommen. Denn, so leid es mir tut: Ohne einer gewissen Reichweite wird man als Autorin lediglich im kleinen Kreise etwas bewirken können. Etwas, das natürlich ebenso absolut legitim ist. Man kann diese zwei Arten zu schreiben – die halbprivate (Blog)Angelegenheit vs. die massenmediale – nur nicht miteinander vergleichen. Und das ist etwas, das ich gerne nach außen tragen möchte.

Was sich noch ändert? Das Verhältnis zum Schreiben. Es ist plötzlich nichts mehr, das man machen kann, es ist etwas, das man machen muss. Weil es Auftraggeber und Chefs gibt, die auf die Abarbeitung deiner Pitches warten. Und selbst, wenn du von einem Thema überzeugt bist, und Bock darauf hast, heißt das nicht, dass du Montagfrüh noch Bock darauf hast. Es kann sein, dass du aufwachst und alles lieber machen würdest, als dieses Interview mit einem „Experten“ zu führen, der auch nicht mehr als du weißt, aber als legitime Quelle gilt. Es kann sein, dass du eine Blockade hast, die dich eigentlich dazu zwingt, drei Monate nichts zu verfassen. Aber du kannst dir das nicht leisten, denn – es – ist – dein – Scheiß – Job. Vielleicht hast du auch keine Lust auf diesen Leserbrief, der dein Müsli wieder hochkommen lässt und dir gleichzeitig zeigt, wie weit wir in der westeuropäischen Gesellschaft sind: Leider noch nicht so weit, wie du das im Gender-Seminar an deiner Universität eingetrichtert bekommen hast. Sorry for that one.

Oh, und noch was: Für Geld zu Schreiben kann sich schon mal wie geistige Prostitution anfühlen. Du denkst dir: Das sind meine Gedanke, also entscheide ich, wie sie rezipiert werden. Aber das stimmt nicht. Sobald du sie hergibst, sind sie da. Draußen und können jederzeit von jedem gelesen, weitergetragen und verarbeitet werden. Ist es nicht das, was du wolltest?

Für Paranoia ist keine Zeit, auch wenn du dir klammheimlich wünscht, dass dich auch mal wieder dein Exfreund lesen würde. Vielleicht tut er es sogar, ohne es dir jemals mitzuteilen. Wozu sollte er auch, er kann ein Stück weit in dich hineinsehen. Mehr, als du jedenfalls in ihn hineinsehen kannst und das ist auch eine gelegentlich ekelige Erfahrung: Menschen wissen oder glauben gewisse Dinge über dich zu wissen, weil du auch über private Dinge schreibst. Natürlich entfremdet und mit einer gewissen These, aber es sind Themen, die in deinem Kopf geboren und mit deinen Fähigkeiten fertiggestellt wurden. Du schaffst – mal mehr, mal weniger – mit anderen dein Endprodukt, das aus Buchstaben und Wörtern und Sätzen besteht. Und du hasst es, gelegentlich. Weil du weißt, dass du es besser kannst und du nochmal ran möchtest, wenn es erschienen ist. Weil man danach, das gilt für das Leben und auch für das Schreiben, immer klüger ist. Eine der besten Sachen: Klüger zu werden, ein bisschen.

Ein bisschen, das gerade so viel ist, um zu reflektieren, was man eigentlich davon hält, mit dem Schreiben Geld zu verdienen, denn es bringt dich auch von deinen ursprünglichen Anforderungen an den Beruf weg. Für Geld zu Schreiben ist weder immer spannend, noch befriedigend. Es ist eine Herausforderung, eine Aufgabe, ein ganz besonderer Beruf, der nicht mit herkömmlichen Dienstleistungen vergleichbar ist, weil dein Gehirn zu viel drinnen steckt, wenn du Glück hast.

Und da wäre noch die Sache mit dem Spaß. Manchmal fühlt es sich an wie früher, als du nicht vor den Augen der Öffentlichkeit publiziert hast und dich danach besser und befreiter gefühlt hast. Wenn dieser Zustand eintritt, ist es am besten, ein paar Tage abzuwarten und dann nochmal auf das Ergebnis zu schauen. Manchmal ist es ein Volltreffer. Ein Text, der flüssig zu lesen und trotz kritischen Untertons amüsant ist.

Aber wie mit allem, was man liebt, erfährt auch diese Tätigkeit irgendwann erste Abnutzungserscheinungen. Man fragt sich, ob man sich nicht vielleicht auseinandergelebt hat. Ob man noch dasselbe fühlt wie damals, vor fünf Jahren. Und natürlich ist die Antwort: nein. Das wäre auch verwunderlich.

Dafür hat man jetzt etwas anderes: Die Gewissheit, was danach kommt. Was kommt, wenn man etwas so weit treibt, bis es kein zurück mehr gibt. Es zeigt dir deine Grenzen und das, was du bereit bist, zu geben. Zu opfern, für dich und für andere. Für die Gesellschaft und politische Überzeugungen. Du wirst enttäuscht sein, von dir. Und verdammt stolz. Auf dich.

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Ich freu mich auf eure Rückmeldungen und Erfahrungen zum Schreiben, ran an die Kommentare. Seit wann schreibt ihr, mit welcher Intention? Was sind eure Ziele, Wünsche, Anforderungen ans Schreiben – vielleicht sogar als Beruf?