Film & Popkultur

Klingt wie Himbeersorbet, schmeckt nach Pommes aus dem Backofen: „Raus aus der Comfort Zone“

25. Juli 2016

Für die meisten privilegierten Twenty-Somethings stellt sich irgendwann zwischen nächtlichem Größenwahn und dem nahenden Ende des elterlichen Monatsvorschusses diese eine Frage: War’s das jetzt? Soll ich bleiben, in meiner Studienstadt, und hier für immer überteuerten Latte Macchiatto schlürfen?

Freundschaften wurden vertieft, vielleicht gibt es sogar jemanden mit besonderem Charakter, um derentwillen man bleiben würde. Auch wenn man eigentlich denkt, wegzuwollen. Wegwill. Wenn’s passt!

Weg sein, das ist fast immer mit imaginierten Abenteuern verbunden. Interessanten Gesprächen auf WG-Balkonen. Ein Glas in der Hand, der Blick über Berlin.

Was es wirklich heißt, auszubrechen, alles abgeblasen zu haben? Diese Realität ist zum Zeitpunkt des Entschlusses nur eine waghalsige Utopie. Gespeist aus rührseligen Erasmus-Fotos auf Facebook und grauenhaften Essays über die „wahren Wege zum Glück.“

Jeder liest auf WhatsApp keiner schreibt

Auch wenn man die gut gemeinten Bedenken und die liebgewonnene Eierspeise der besten Freundin bei der Entscheidung berücksichtigt, geht nach einem „Ja“ zur Ferne alles viel zu schnell. Erstens Jobs suchen. Zweitens Wohnung kündigen. Wie loslegen? Wo anfangen?

Ich habe das in den letzten 24 Monaten zwei Mal getan. Einmal bin ich zurückgekehrt – für acht Monate. Ordnung gab es seither nur auf meinem Instagram-Account. So ein Neuanfang kann dreckig werden.

Jetzt, im Wienurlaub inklusive Heurigen-Besuchen und Vorstadt-Hedonismus, denke ich wieder darüber nach: Was wäre wenn. Wenn ich nie gegangen, hier in eine größere Wohnung gezogen und dann in bürgerlicher Zweisamkeit sesshaft geworden wäre. Mit meinen 24 Jahren. Oh, da sind sie wieder, die Zweifel von damals. Beim niedergeschriebenen Wort fällt mir alles wieder ein. Dass ich keinen Stillstand und stattdessen neue Orte, Stadtparks und Stephansplätze kennenlernen wollte. Himmelnochmal, ich habe nur dieses eine Leben. Der Wunsch nach Unbekanntem war und ist größer als die Sehnsucht nach Konstanten.

Dadurch, dass ich meine zugegebenermaßen ziemlich annehmbare Comfort-Zone verlassen habe, ist es mir gelungen, weiterzukommen. Nicht zu labern, sondern aktiv an meiner Zukunft zu arbeiten. Meine Persönlichkeit und ihre Stärken zu entwickeln, mir in jeder Situation zu vertrauen und, das vielleicht Beste: Keine Angst zu haben. Weil man nach all den Momenten, in denen man nicht weiter wusste und keinen Backup-Plan hatte: Alkoholkranke Mitbewohnerin, dadurch bedingte einwöchige Obdachlosigkeit, Schwierigkeiten mit Menschen aus dem beruflichen Umfeld, das Fehlen der wichtigsten Bezugspersonen und die zusätzliche bürokratische Herausforderung einer neuen Stadt gelernt hat, lernen musste, klarzukommen. Mit dem, was man hat. Und sei es die Übernachtungsmöglichkeit bei einer neuen Bekannten, die keine Sekunde zögerte, mich aufzunehmen. Als ich eines Morgens mit zwei vollbepackten Koffern auf St. Pauli stand.

Oder dieser wunderbare Kerl, der die ersten Wochen jeden Abend mit mir in heruntergekommenen Eckkneipen verbrachte. Er zumindest genauso verloren wie ich. Da waren wir also. Plötzlich schicksalsverwandt.

Komm gerne raus aus deiner Komfort-Zone, Kind, aber zieh dich gut an

Und heute, bald ein Jahr später. Was habe ich von den mal mehr, mal weniger erfolgreich unterdrückten Strapazen, die mit der Entwurzelung einhergehen mitgenommen? Heute geht es mir besser. Besser als damals. Jemals.

Berlin bye Nacht – Copyright light bei @n_flux_ #portrait #analogue #igersberlin #igersvienna #girlswithshorthair

Ein von Das Private ist beruflich (@groschenphilosophin) gepostetes Foto am

Die Rückschläge, das Aushalten, das ganze Kopfzerbrechen. Es war wichtig, allen voran wegweisend. Das sage ich nicht als jemand, der zwanghaft versucht das Gute in einer Situation („alles passiert aus einem Grund“) zu sehen. Sondern als eine junge Frau, die erstmal verstehen musste, was es bedeutet, auf sich alleine gestellt zu sein. Die eigenen Bedürfnisse benennen zu können. Erwachsen zu werden.

Dazu gehört für mich beispielsweise die Reife, Probleme im richtigen Moment anzusprechen. Situationen nicht noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon sind. Aber auch, kluge Entscheidungen für die Zukunft zu treffen und sich alle potenziellen Szenarieren vor Auge zu halten. Und dann, der Lage angemessen, zu reagieren. Nicht aufzugeben. Nicht aufzugeben. Nicht aufzugeben. Nähe zuzulassen. Ein Wochenende heulend im Bett zu verbringen. Und wenn es sein muss, auch das nächste.

An unusual personality is a lot of fun – right up until the moment it isn’t.

Sich selbst nicht zu verlieren, in den ekelerregenden Abgründen der Leistungsgesellschaft. Persönlichkeit und freier Wille ist das, was in dieser Welt am wenigsten gefragt wird. Für Kapitalisten und gnadenlose Opportunisten wirst du nie mehr als ein Produkt sein, das man so lange ausquetscht, bis es idealerweise nicht mehr fähig ist, die eigene Haltung zu reflektieren.

Wichtiger als alles andere. Wenn ich eins gelernt habe, dann das.

Ein von Das Private ist beruflich (@groschenphilosophin) gepostetes Foto am

Wo wir beim letzten Punkt wären. Selbstreflexion. Nicht unbedingt die unmittelbare. Sondern jene der stillen Momente, in denen man sich eine Zigarette teilt. Nachdenkt, über Gesprochenes und Geschriebenes. Und vor dem Schlafengehen weiß: es ist OK so, für heute und wird besser werden, morgen.

Und wenn nicht? Weiß man hoffentlich, wann es Zeit ist, zu gehen. Aus einer Beziehung, einer Freundschaft, einem Job, oder gar einem Beruf auszusteigen. Gestärkt aus der Zone zu kommen, die mit Komfort rein gar nichts mehr zu tun hat. Dafür umso mehr mit kultivierter Selbstliebe.

Klarheit über die eigenen Wünsche und Vorstellungen erlangt zu haben, ist besser als Geburtstag feiern

Aus einem „was wäre wenn“ wird ein „wie war’s denn“. Kein „hätte hätte Fahrradkette“. Sondern ein ganzer Haufen Erfahrung, der einen nicht reumütig zurückblicken lässt, sondern auch retrospektiv signalisiert: du hattest, du hast Mut. Du hast gehandelt. Bestmöglich für dich und dein Leben entschieden.

Genau dieses Gefühl! Es hält nachhaltig.

You Might Also Like

1 Comment

  • Reply Klara 26. Juli 2016 at 0:42

    Schöner, inspirierender Artikel! Danke, dass du deine Erfahrungen teilst.

  • Leave a Reply

    *

    By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

    The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

    Close