Food & Design

Gedanken zum Thema Fast Food Fotografie

9. April 2016

Freitagmorgen, viertel vor neun. Ich hole meine Analogfotos ab, bei Budnikowsky. Fast hätte ich sie nicht gefunden, die aktuelle Lieferung musste noch einsortiert werden. Wer geht schon vor neun zum Drogeriemarkt. Ich.

Es irritiert mich, welchen Wert Fotos bekommen; welcher Wert ihnen beigemessen wird, sobald sie nicht sofort nach dem Schießen zur Verfügung stehen. Zur Weiterverwertung, zum schnellen Senden an Freunde. Um danach vergessen, oder gelöscht zu werden. Fastfood Fotografie.

Generell muss man viel warten, bei den Analogfotos. Geduldig sein. Erst, bis der Film voll ist; dann, bis man Lust bekommt, die Kamera endlich ins Geschäft zu tragen, um die Fotos entwickeln zu lassen. Zwischen dem letzten Foto und dem Abholen der papierumhüllten Erinnerungen liegen nicht selten zwei Monate. Fast hätte man darauf vergessen. So ist das Öffnen jedes Mal wie ein Ausflug ins eigene Gedächtnis. Abgleichen tut man dann, die Erinnerung mit der Endversion. Ob die Fotos auch so geworden sind, wie man sie sich ausgemalt hat. Es ist selten der Fall. Sie haben ihre eigene Ästhetik. 

gosiafriend

Im Budnikowsky selbst fühlt man sich wie die eigenen Eltern in den Neunzigern. Schon damals war das Fotoschauen eine Familientradition, die am Sonntagnachmittag bei Kaffee und Kuchen auf dem Sofa stattfand. Heute lehne ich an der kalten Bushaltestelle. Acht Minuten Zeit, bis der M3 kommt.

Ich verschlinge die Fotos, eines nach dem anderen. Jeder darauf abgebildete Moment ist auf seine Art besonders. Oder wird dadurch besonders, dass er eingefangen wurde. Die Motivation analoge Fotos zu schießen ist natürlich eine ganz andere, als welche mit dem Handy aufzunehmen. Beide erfüllen ihren Zweck und haben eine Berechtigung.

Ob das, was auf den Fotos zu sehen ist, überhaupt das echte Leben darstellt? Mein Leben? Ich denke schon. Schließlich war ich da. Die Fülle meines Lebens überrascht mich, in nachdenklichen Momenten. Und auch wenn ich meine Freunde nicht immer sehe, nicht immer in Berlin sein kann, war ich gerade noch dort. Vor kurzer Zeit. Und ich werde wiederkommen und die Fotos dazwischen auf meinen Kühlschrank kleben und mich gut fühlen, wenn ich sie betrachte. Frei. 

analog3

Ist es nicht das, wofür Fotos da sein sollten? Sie sind eine Hommage an das eigene Leben, dessen wertvolle Augenblicke man viel zu schnell vergisst. Umso besser, wenn man die Kamera auch mal in einem scheinbar unpassenden Moment rausholt, wenn es gerade besonders lustig ist. Nur noch ein kleines bisschen das zwischenmenschliche Dasein zelebrieren. 

Die Fotos erinnern mich an die schönen Momente in meinem Leben.
Über Selbstinszenierung müssen wir ein anderes Mal reden.

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