Subjektives Geplänkel

Ein Plädoyer für den feministischen Boyfriend

6. März 2016
fem_boyfriend

Oder auch: Was wäre die Alternative? Soll ich mir lieber einen hohlbirnigen Sexisten ins Haus holen?

Mitte Februar ist ein spannender Text von Nadia in der „ak – analyse & kritik – zeitung für linke Debatte und Praxis“ erschienen. „Feministische Männer, oder: eine Verheißung, die keine ist“ lautete der Titel.

Nadia lässt sich in ihrer Abhandlung über feministische Cis-Männer aus, die ihr im Laufe ihrer Karriere begegneten. Diese Männer teilten der Autorin oftmals ungefragt ihre Sicht der Dinge „zum Feminismus“ mit. Erklärten, dass sie es „jetzt begriffen hätten“ und sich ab sofort „für die Sache“ einsetzen würden. Nach der detaillierten Schilderung gespenstischer Szenen und Erlebnissen folgt eine meines Erachtens wenig differenzierte Typologie, die mit Keks- und Breitbein-Feministen abrechnet. Ich musste beim Lesen schmunzeln – bis ich zu folgendem Absatz kam:

„Der feministische Boyfriend ist vor allem im Umfeld von Heten-Feministinnen anzutreffen, dadurch aber nicht weniger unangenehm (…) Trotzdem darf nicht vergessen werden: Auch der Boyfriend einer Feministin gehört zum unnützen Krempel von »all men«, und nichts schützt ihn davor, ein hohlbrotiger Keks- oder Breitbein-Feminist zu sein.“

Ich verstehe die Kritik nicht. Okay, der feministische Boyfriend ist im Umfeld von Heten-Feministinnen anzutreffen. Aber, Gegenfrage: Wo denn sonst? Feministinnen haben Boyfriends. Feministinnen ficken und werden gefickt.

Warum ist es schlecht, als Hetero-Fem einen „feministischen Boyfriend“ zu haben? Was ist die Alternative – frage ich mich. Soll ich mir lieber einen hohlbirnigen Sexisten ins Haus holen – für den Fall, dass „mein feministischer Boyfriend“ (schön, diese Objektifizierung auch mal andersrum zu erleben!) auch mal etwas Falsches sagt?

Meiner Erfahrung nach werden sich die meisten weißen Hetero-Männer ihrer Privilegien erst so richtig bewusst, wenn sie anfangen, eine Feministin zu lieben. Wie von selbst liegen Wochen später Bücher zu Gesprächen zwischen Beauvoir und Schwarzer auf ihrem Nachtkästchen. Es ist vielleicht das erste Mal, dass sie bewusst weniger wissen als eine Frau und dieses Un-Wissen unterbewusst kompensieren müssen. Dafür brauchen sie die Hilfe ihrer Freundinnen.

Wie sollen sie es auch besser wissen als wir? Sie sind keine Frauen. Ich finde, dass man mit ihnen nicht allzu streng verfahren darf.

Nadia zählt in ihrem Artikel unterschiedlichen Typen von Feministen auf, die es im Grunde alle gleich machen: Nämlich falsch. Ja, die pseudo-feministischen Bros sind blöd und wollen einem nur den Platz im Rampenlicht stehlen, den man hier in der feministischen Bubble endlich bekommen hätte. Dass es sich hierbei um den längst bekannten Wiederholungstäter „Alpha Mann“ handelt, wird ausgeblendet.

Natürlich wird der Alpha-Mann anfangen, Interesse am Feminismus zu entwickeln – schließlich gilt es 2016 als cool und hip, sich an emanzipatorischen Debatten zu beteiligen und endlich mal etwas für die Frauen zu tun!!111 Der Breitbein Feminist ist nichts weiter als ein stinknormaler Alpha-Mann, der – wie Nadia richtig schreibt – zur Gattung der männlichen Vollidioten gehört, die sich überall breitmachen und Raum einnehmen müssen: auf Veranstaltungen, auf Demos, im Internet, in Expertengremien und überhaupt überall dort, wo Kameras, Mikros, Geld oder Aufmerksamkeit locken.

Die Karrierefeministin hasst den Alpha-Mann auch deshalb besonders inbrünstig, weil sie sich mit ihm nicht nur um Jobs streiten, sondern auch den Platz in der Öffentlichkeit teilen muss. Wenn er jetzt zusätzlich anfängt, ihre Standpunkte zu seinen eigenen zu machen, wo bleibt dann das Alleinstellungsmerkmal?

Es geht weiter im Text, auch schreibende Männer sind doof! Egal, was sie machen, im Sinne „der Frauen“ ist es auf gar keinen Fall. Auch nicht, wenn sie sich journalistisch engagieren. Hier frage ich mich wieder, was denn besser wäre: Wenn sich diese gut etablierten Männer nicht (!) als Feministen bezeichnen würden? Wenn sie sich wieder uneingeschränkt auf sich selbst konzentrieren würden, was ihnen in Punkto Karrieregeilheit ja sowieso vorgeworfen wird?

Ich denke nicht, dass feministische Männer absichtlich Unsinn reden. Dass sie keine Lust haben, „von uns“ dazuzulernen. Dass dabei nicht alles richtig läuft heißt trotzdem nicht, dass sie per se rücksichtslose Patriarchen sind.

Ich finde Texte wie jene von Nadia wichtig und ich habe an der einen oder anderen Stelle durchaus nicken müssen. Für das Zusammenleben finde ich es jedoch falsch und kontraproduktiv, alle feministisch engagierten Männer in einen Topf zu werfen. Nein, man muss ihnen nicht „danken“, dass sie sich endlich dazu überwunden haben, Feministinnen nicht als unrasierte Spaßbremsen zu pauschalisieren.

Aber genauso sollten wir „dem feministischen Mann“ nicht im automatischen Umkehrschluss Geldgier, Aufmerksamkeitsgeilheit und fehlende Sensibilität unterstellen.

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1 Comment

  • Reply Cornelia 7. März 2016 at 13:00

    ich habe den text anders verstanden. nämlich, dass es vor allem darum geht, dass es für einen cis-mann eben feministisch wäre, sich nicht (in welcher form auch immer) theoretisch ständig als feminist zu produzieren, sondern eben tatsächlich feministisch zu handeln (die problematik bzw. diskrepanz wird vor allem in care-arbeit-aufteilungs-kämpfen sichtbar; zB: https://umstandslos.com/2016/02/19/dabei-hast-du-mir-doch-von-butler-erzaehlt/). das streicht nadja ja auch hervor: „Sie können sich sinnvoll beteiligen, indem Sie feministische Arbeit durch Geldspenden, Care-Arbeit, Putzdienste und vor allem in den meisten Fällen durch eigene Unsichtbarmachung unterstützen.“ dem würde ich noch hinzufügen: andere cis-männer in sachen feminismus zu bilden.

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