Das Internet und der Journalismus

„Zu weich, zu persönlich, zu irrelevant.“ Über Personal Writing

6. Februar 2016

Ich führe sehr gerne Interviews. Jede Situation ist genuin anders und dabei doch derselben Unvorhersehbarkeit ausgesetzt. Wie wird die andere Person reagieren? Was, wenn Stille herrscht? Uneinigkeit? Kein Interview, das ich bisher geführt habe, glich einem anderen und jedes Mal habe ich etwas für mich mitnehmen können.

Jetzt wurde ich im Gegenzug auch einmal interviewt, genauer gesagt habe ich über meine Forschungsarbeit zum weiblichen Ich im deutschsprachigen Feuilleton gesprochen. Ich beschäftige mich nicht nur theoretisch mit literarischem Journalismus, sondern verfasse selbst Texte aus der Ich-Perspektive, die mir narrativen Spielraum gewähren. Das Feuilleton ist dafür bekannt, die scheinbaren Nebensächlichkeiten des Lebens zu behandeln und genießt nicht unbedingt den besten Ruf.

Ich habe mit Elisa Ludwig über die Negativa des Genres gesprochen, über strukturellen Hass im Netz gegen Frauen, über den Vorwurf der Plauderei und mich der Frage genähert, ob es soetwas wie „weiblichen“ Journalismus überhaupt gibt.

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Das vollständige Interview gibt es auf politicas.at

„Niemand interessiert sich für deine Befindlichkeits-Scheiße!“: Ein glorreiches Kommentar-Beispiel aus deinem Arbeitsalltag. Sowas kennen die meisten Autorinnen im Internet. Die darin enthaltene und allzu häufige Anschuldigung gegenüber Journalistinnen ist, dass sie bloß „quasseln“ würden. Wie kommt es zu diesem Vorwurf?

Schreiben war im politischen Kontext lange Zeit Männern vorbehalten, während Frauen eine gewisse kommunikative und ästhetische Kompetenz zugestanden wurde. Otto Grothwar der Meinung, dass Frauen die Arbeit im Feuilleton leichter fällt, da diese Tätigkeit „bei ihrem Subjektivismus und ihrer Fähigkeit zu plaudern“ naheliegt. Damit waren sie dann quasi für die nicht allzu tiefgründige Schriftstellerei qualifiziert. Wir kennen die stereotypen Geschlechtszuschreibungen auch noch heute: „Frauen können gut zuhören und kommunizieren, das ist eben typisch weiblich.“ Historisch betrachtet waren Frauen in der Journalismus- und Literaturgeschichte lediglich „die Anderen“. Frauen arbeiteten als Lektorinnen und Zuarbeiterinnen ihrer Männer und Brüder. Für die nüchterne Darstellung der Fakten blieb der Mann zuständig.

Kann es denn überhaupt „objektiven“ Journalismus geben?

Aus konstruktivistischer Perspektive nicht. Die Vertreter*innen lehnen positivistische Konzepte von Wahrnehmung entschieden ab, sie halten die objektive Erkenntnis für prinzipiell unerreichbar. Die Trennung von Information und Meinung etablierte sich im deutschsprachigen Journalismus erst nach 1945 und gilt seither als scheinbar unumstößliche Norm. Das ist seriöser Journalismus und nur das. Dabei wird gerne vergessen, dass sich der redaktionelle Journalismus erst gegen Mitte des 19. Jahrhunderts nach dem schriftstellerischen entwickelte. Man muss aber keine Angst haben, dass der anerkannte „Objektivitätsjournalismus“ durch den neuen, personalisierten ersetzt wird. Unterschiedliche Darstellungsformen können nebeneinander bestehen, ohne sich auszuschließen. Auch ist die eine nicht besser als die andere, sie bedienen lediglich unterschiedliche Funktionen und Zielgruppen.

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