Das Internet und der Journalismus

Ich lebe nicht nur im Internet, ich lebe auch davon. Twitter, heut schreib ich dir einen Liebesbrief

18. Februar 2016
twitter_liebesbrief

Ich lebe nicht nur im Internet, ich lebe auch davon. Beinahe nichts, was ich täglich von mir preisgebe, passiert zufällig. Nach einer bewussten Offline-Phase, die sich ein Jahr hinzog, habe ich mich Ende 2013 wieder dazu entschieden dorthin zurückzukehren, wo 2003 alles angefangen hat. Wo sich meine Kreativität wie von selbst entfaltet, wo ich mit Texten und Fotos versorgt werde, von denen ich sonst nie erfahren hätte und auf Menschen treffe, die mein Leben bereichern. Auf unterschiedliche Weise.

1000twitter

1.000 Follower? Mach dich nicht lächerlich! 1.000 Follower, wird man jetzt denken, das ist doch gar nichts.
Um eines nochmal festzuhalten: Der Wert eines Menschen bemisst sich nicht an der Anzahl der Follower, Retweets oder Likes. 1.000 Follower, die habe ich seit heute. Trotz aller Bemühungen, diese Zahl auszublenden, ist sie mir aufgefallen.
Eigentlich sollte dieser Text einen ganz anderen Teil meiner Persönlichkeit widerspiegeln. Naja, das Leben ist kein Wunschkonzert!!11 Viel Spaß trotzdem

2013: Offline sein wie nie zuvor

Ich spielte schon länger mit dem Gedanken, mir einen „privaten Account“ für Twitter zuzulegen und ahnte wohl schon, dass jetzt die letzte Zeit (FOREVEREVER) angebrochen war, in der ich meine Gedanken für mich behalten würde. Diese Freiheit habe ich genossen. Von facebook hatte ich mich schon eine Weile zuvor abgemeldet und war so offline wie zuletzt 2005. Der Zustand konnte nicht von Dauer sein, das wäre unbefriedigend und entspräche weder meinem Wesen, noch meiner Arbeitsweise. Wer mich heute kennt, kann sich wahrscheinlich gar nicht vorstellen, wie sehr ich mich in dieser Phase meines Lebens vom Internet abgewandt hatte.

Anfang 2014: Das Konzept startet als Gemeinschaftsblog 

Ich hatte die längste Zeit meines Lebens nicht geschrieben. Vier Monate. Vier Monate habe ich mir Zeit genommen, um zu überlegen, was ich mit “mir im Internet“ gerne anfangen würde. So ist ein grobes Konzept entstanden, das aus einem Blog und dem dazugehörigen Twitter-Account bestehen sollte. Ich war zweiundzwanzig Jahre alt. Es war das erste Mal, dass ich mich – zumindest ein klein wenig – strategisch auf einen erneuten Eintritt ins Internetleben vorbereitet hatte. Meine erste Domain kaufte mir meine Mutter mit 13. Diesmal sollte alles anders werden. Besser, dauerhaft. „Professionell“.

Die Abstinenz von Facebook tat gut, ich habe viel gelesen und studiert und mich auch theoretisch mit „dem Internet und dem Journalismus“ auseinandergesetzt. Ich wollte einen medienkritischen Blog machen, fern von Selbstdarstellung, Beauty-Tipps oder Fitnessübungen. Im Februar vor zwei Jahren startete das Projekt noch als Gemeinschaftsblog mit zwei Studienkolleginnen. Danach machte ich alleine weiter.

Ende 2014: Groschenphilosophin was born

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Innerhalb eines Tages habe ich die Domain groschenphilosophin.at und den Webspace gekauft, ein erstes Layout installiert und Twitter registriert. Seither hoste ich mich selbst. Ich wollte anders über alltägliche Dinge schreiben, über Independent Filme genauso wie über abweichende Formen der Sexualität und Schönheit. Meine eigenen Ideen mit philosophischen Ansätzen verknüpfen. Ich wollte zum Nachdenken anregen, manchmal auch zum Lachen.

Dabei wollte ich mein Gesicht zuerst gar nicht ins Internet stellen, sondern ausschließlich durch meine Worte präsent sein. Ich glaube, dass Twitter deshalb zu meinem liebsten sozialen Netzwerk geworden ist. Selbst, wenn ich jetzt Selfies poste. Es ist ein Forum für geistigen Austausch, anders als Facebook, dem für mich der schale Beigeschmack der zwanghaften Selbstinszenierung als ideale Person und Freund beziehungsweise Freundin anhaftet.

2015: Es war nicht alles gut.

Natürlich, nicht alles gefiel mir auf Twitter. Die Influencer konnten übers Nasenpopeln schreiben und würden mehr Retweets bekommen als underdogs, die sich mit Themen fern des Mainstream beschäftigten. Die ungleichmäßige Verteilung von Aufmerksamkeit ist nicht nur massenmedieninhärent.

Sie wirkt genauso innerhalb des Internetsoziotops Twitter und lässt am liebsten jene zu Wort kommen, die entweder schon jahrelang dabei sind, den Fame quasi automatisch durch ihren Posten abbekommen (Stichwort einsilbige Bio: Journalist) oder sich selbst als „Internetexperte“ etablieren (konnten).

Als der Falter junge Frauen suchte, die nach dem Abgang von Brodnig über Digitales schreiben wollten, schickte ich sofort meine Bewerbung ab und bekam: Keine Antwort. Erst als ich Klenk auf Twitter anmotzte, bekam ich eine Reaktion. Heute verstehe ich, dass man als Chefredakteur nicht alle Mails lesen kann. Damals nahm ich die Nicht-Reaktion persönlich. Jedenfalls: Ich bekam den Job als freie Mitarbeiterin im Medienressort.

2016: Wäre ich BWLerin, wäre das ein Meilenstein

Heute folgen mir 1.000 Leute. Was für Menschen mit 13k+ Followern lächerlich scheint, ist für mich ein Zeichen dafür, dass meine Inhalte zumindest 1.000 Menschen interessieren. Ich bin froh darüber, dass ich relativ konstant gewachsen bin, denn dadurch konnte ich auch den persönlichen Kontakt zu vielen von „euch“ (entschuldigt, dass das hier so unpersönlich klingt) herstellen. Ich habe nicht nur wahnsinnig spannende Persönlichkeiten kennengelernt, sondern Freundschaften geschlossen. Ich habe bei Menschen aus diesem Twitter übernachtet, mich auf der re:publica verabredet, Interviews geführt und dabei sehr viel zurückbekommen. Es macht einen Unterschied, ob man twitter lediglich für berufliche Zwecke (aus)nutzt oder dort sein öffentliches, soziales Netz aus Gleichgesinnten findet – das keiner der „Facebook Only“ Freunde versteht.

Was ich eigentlich sagen wollte

Ich wollte mit diesem Blogeintrag einfach mal danke sagen, für die vielen schönen Momente, die wir online, „scheinbar alleine in diesem Internet“ verbracht haben. Wisst ihr was? Ich habe mich dabei nie alleine gefühlt. Keine Sekunde. Jedes Mal, wenn mich jemand davon überzeugen wollte, dass das doch auf Dauer nur einsam und komisch machen kann, denke ich daran, was ich durch meine Community gewonnen habe.

Ich habe Kontakte zu Journalistinnen hergestellt, die ich für meine Magisterarbeit interviewen wollte. Die noch immer mit mir in Kontakt stehen und mein Denken und Arbeiten auf so unterschiedliche Art bereichert haben. Ich habe sehr viel gelernt, über Aktivismus (#Aufschrei #WhyISaidNothing #NotJustSad) und psychische Erkrankungen und politischen Diskurs. Verloren habe ich Zeit, um Bücher zu lesen. Das versuche ich momentan ein wenig auszugleichen, da ich beruflich ohnehin den ganzen Tag online bin.

(Welchen Effort das wiederum mit sich bringt, gibt Stoff für einen ganz eigenen Beitrag. Kurz: Es ist wahnsinnig zeitaufwändig und geistig anstrengend, über „alles“ in jeder Redaktion des Landes auf dem Laufenden zu sein und jeden Hype im Netz zu kennen. UND zusätzlich auf Knopfdruck „lustige“, anregende und einordnende Gedanken dazu zu formulieren, nicht zu viel und nicht zu wenig von sich preiszugeben und dabei den Funken Professionalität im Auge zu behalten, der einem einst zu einer Einstellung verhalf)

Twitter ist eine Sucht. Klar. Ich wusste, dass es von dem Tag an, wo ich mich anmeldete, kein zurück mehr geben würde. Und ich bereue es keinen Tag. Jeden Morgen, wenn ich aufwache, schaue ich gerne rein. Weil es mich interessiert, worüber sich meine Timeline Gedanken macht. Twitter, das ist mein Safe Space und mein Ort, um mich mit Sprache auseinanderzusetzen. Zu lernen, pointierter zu schreiben, Ideen so zu verpacken, dass sie jeder in wenigen Sekunden beim ersten Anlauf versteht. Twitter hilft mir auf meinem beruflichen Weg und Twitter ist der Ort, an dem ich kreativ sein kann.

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Danke. Ich freue mich, dass ihr da seid. Dass ihr die Onlinewelt bereichert, mit euren Beiträgen, Fotos, Statements, Zitaten.

@schlimes : Ich mag deinen Blog sehr sehr gerne und freue mich, dass wir uns kennen lernen konnten und auch noch immer in Kontakt stehen.

@dragoncarcass : Wir kenne uns noch nicht so gut, aber du hörst mir immer zu, wenn es brennt und hast wertvolle Tipps für jede Lebenslage. Danke, dass du mich so unterstützt hast dieses Jahr

@senior_sim : Always on point und sehr supportive.

@OljaAlvir : Mit dir und deinem ff hat alles angefangen. Danke, dass du an mich geglaubt hast. Ich bin froh, dich nicht nur als kompetente Kollegin sondern auch als Verbündete „im Internet“ zu haben

@derSchett : Nach anfänglichen Diskussionen haben wir, glaube ich, doch noch zueinander gefunden

@JollySea : Du bist aus twitter und „dem internet“ ebenfalls nicht wegzudenken

@jleichtfried : Ein Politiker des Volkes, wie man ihn nur auf twitter trifft. Ich freu mich immer.

@Teilzeitvlogger : Begonnen hat alles mit einem Interview, ich würde dich gerne mal treffen, ich glaube, wir hätten eine gute Zeit zusammen

@milch_honig : Ich glaube, wir ticken in manchen Dingen recht ähnlich. Berlin dann

@ohhellokathrina : 2014 habe ich dein Buch rezensiert, Ende 2015 lerne ich dich kennen und es war: auf jeden Fall auf den ersten Blick

@disassociation : Deine Tweets sind göttlich, jedes Mal. Vor allem die über Menstruations- und Saufgeschichten haben mich abends in meiner Wohnung zum Lachen gebracht. Auch dich konnte ich 2015 kennenlernen.

@makellosmag : Du bist zum zweiten Mal Mama geworden, wir haben quasi gleichzeitig angefangen zu bloggen und haben uns einfach sofort verstanden. Du bist die grosse Schwester, die ich nie hatte. Bitte mach weiter so, ich freu mich dich und deine Familie 2016 zu sehen

@sophiahembeck : Ich freu mich, dich bald kennen zu lernen und endlich über das zu sprechen, worüber wir die ganze Zeit twittern. So richtig in Real Life

@N_Flux : Essen am Tempelhofer Feld. Du hast mir ein Stück von Berlin gezeigt und hattest keine Scheu davor, mich zu treffen. Auf hoffentlich bald

@EvaSteinlein : Wir verstehen uns einfach, und du hast mir ein wunderschönes Kompliment gemacht.

@lilablossblau : Du bist so stark.

@NiniaLaGrande : Eine Wahnsinnsperson.

@stripedtigrrr : Fasst banale Dinge des Lebens in eine wunderschöne Sprache

@gehraven : Fempower

@m0eri : Internetlove since .. 2006?

Ein  besonderes <3 geht auch an die Menschen aus meiner Redaktion. @martingiesler @juligrimson, @oler @fraukeln @alexdemling @stluedke @FrauNila @bierdiecorona @filmfranz @SophiaSchirmer ‪@diehoelter‪ ‪@marcroehlig‪

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