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NEWS. Ein Magazin, das lange mit dem Geruch einer Zahnprophylaxe in Verbindung gebracht wurde, erfindet sich neu.

26. März 2015

So habe ich das zumindest auf twitter verstanden, als Eva Weissenberger der Reihe nach das Dickicht der journalistischen Elite abgraste und dabei alles mitnahm, was nicht falter- und profilfest war. Eva, sie holt euch da raus!

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Das Cover der aktuellen Ausgabe (21. März) deckt sich zumindest inhaltlich mit jener des Falters, womit schon einmal der erste Schritt in Richtung Blattlinienanpassung getan wäre. Ja ja, ich weiß, der Falter hatte das Cover vier Tage später, das berücksichtige ich natürlich in dieser branchenspezifischen Nischenrezension, die außerhalb des Journo-Kosmos – das könnt ihr mir glauben – absolut niemanden interessiert. Nicht einmal die noch übrig gebliebenen NEWS-Leser. Auch ich muss zugestehen, dass mir der qualitätsorientierte (so war das doch geplant, oder?) Schwenk des Magazins bislang nicht aufgefallen wäre, hätte ich die Abwerbungsprozesse nicht quasi live mit einer Hand im Popcornbecher mitverfolgt. Wie dem auch sei. Inhaltlich also hoffentlich bald Falter, optisch mehr so Profil. Mit letzterem gehört man ja auch verlagstechnisch zusammen, da kann man nichts sagen, über das Layout. Es ist seit je her eher naja. Verstärkend trägt natürlich Medienguru Wolfang Fellners moralisches Gespür für österreichische Medienkonzentrationen zum Erfolg bei. Aber das muss nicht extra erwähnt werden, glaube ich.

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Wer hilft den blasenschwachen Österreicherinnen und Österreichern im letzten Abschnitt ihres Lebens, nachdem sie sich vom Ressentiment des Rassismus scheinbefreit haben? Nachdem man sich jahrelang über die Osterweiterungen und den damit verbundenen „Rekordanstieg der Kriminalität“ echauffierte, dürfen jetzt Ludmila, Lenka und Maria offiziell eure Hintern auswischen. Endlich! Danke. Als Mensch mit ostslawischem Migrationshintergrund muss ich bei derlei „Engelsberichten“ immer besonders hart würgen. „Zu Besuch bei den Engeln“ heißt die „guade Gschicht“. Walchshofer porträtiert vier Frauen, die in regelmäßigen, meist zweiwöchigen Intervallen nach Österreich kommen, um das überlastete Pflegesystem Österreichs zu entlasten. Ingrid A. wird manchmal von ihren Patienten geschlagen, weil sie dement sind. Sonst macht es aber „schon Spaß“, lässt mich der Artikel wissen. Aha. Das Schicksal der einzelnen Menschen steht klar im Vordergrund, Maria K. muss für ihre „beiden Söhne hart arbeiten“. NEWS demonstriert uns, wie es funktionieren kann: Ein Scheißleben, damit es deine Kinder besser haben. Auf der nächsten Seite gibt es dann auch etwas Infomaterial für die Zukunft der demografisch betroffenen Zielgruppe.

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Auf Seite 12 sehen wir Bildungs- und Frauenministerin Gabriele Heinisch Hosek, es geht wieder um dieses ekelige Thema der sexuellen Belästigung, muss das sein? Nennen wir es einfach „Po-Grapschen“, ist quasi dasselbe in sexy und lässt nicht sofort alle drüberblättern. Ob sexuelle Belästigung Methode hat, fragt NEWS in einem winzigen Kästchen. Ja, erklärt Heinisch-Hosek. Entnervt.

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Es folgen weitere Themen aus dem Spektrum der beliebtesten Nachrichtenfaktoren. Krieg. Frieden. Juden. Geld. Krebs. Fünf Themen, die immer gehen. Krieg, das ist ja nicht bei uns und überhaupt schauen Fotos mit hohem Kontrast und übertriebener Sättigung gleich eine Spur heroischer aus, gell? Da kann man sich nur freuen, nicht in der Ukraine geboren zu sein. Juden, ja, was machen die eigentlich jetzt so in Wien? Lasst uns mal das alltägliche Leben dokumentieren, ein bisschen Hochzeit, das wär doch nett. Und Krebs, ja an Krebs sterben mittlerweile auch viele. Vorhersehbarer hätte man ein Magazin nicht befüllen können.

„A Jid is geboren“ gibt den Leserinnen einen Einblick in das Leben und Arbeiten von säkularen und weniger säkularen Juden und erklärt, warum ganze 21 Prozent der bisher verliehenen Chemie-Nobelpreise an Juden gingen. „Während Europa, nach der Einführung der Schulpflicht Ende des 18. Jahrhunderts, erst seit rund 100 Jahren flächendeckend alphabetisiert ist, lernen jüdische Kinder ab dem dritten Geburtstag spielerisch lesen – und das seit 2.000 Jahren“. Interessant. Spannend. Spitze! Hätte in dieser uncharismatischen Formulierung fast ein Tweet von Brodnig sein können.

Den pro-forma Fußballerartikel („Wertschätzung und Vertrauen sind für die Psyche wichtig“) über Marc Janko habe ich nur kurz überflogen, ihr entschuldigt. Beim Thema Girokonto kam ich mir  wieder genauso entmündigt vor wie mit 16, ich verfüge auch heute weder über das notwendige Einkommen noch den Arbeitsvertrag, um mir über solchen „Erwachsenenkram“ Gedanken zu machen. Für alle anderen Staatsbürger- und innen aber wahrscheinlich gut zu wissen, wo man wie viel zu viel zahlt. Das ist Leserservice, wie aus dem Journalismus Praxisnah Handbuch.

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Das Interview mit James Ellroy, Kriminalromanautor, will bewusst provozieren und schafft es gerade deshalb nicht. Jeder Mensch, dem man mit der Taschenlampe von unten gegen das Kinn leuchtet und dann im Halbdunkeln fotografiert, wird dabei gruselig aussehen. Dass er seinen Kindern schon mit acht Jahren das Schießen lernen würde, wundert wirklich niemanden. Ein von NEWS-Seiten spärlich kommentiertes Plädoyer für US-amerikanische Selbstverteidigung. In dem Sinne: Kaufe nix, ficke niemanden.

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Zum Schluss gibt’s dann wieder Best of High Society, mit gekonnt inszenierten Turtelpärchen, allen voran die ausgelutschten Bilder von Yanis Varoufakis mit Danae Stratou. „Er hatte eine ganz besondere Wirkung auf seine Studentinnen“, kann man als Statements von Zacharias Maniadis lesen. Auch hier zieht sich der Anspruch des persönlichen Mehrwerts durch die Berichterstattung. Es geht um das Wesen des Menschen, Begeisterung für den Partner („ Klar wir streiten ab und zu. Aber das machen wir nur um unsere Leidenschaft abzuschwächen“) und 175 Quadratmeter Wohnfläche. Politischer Gehalt der Homestory? Zero, aber macht nichts. Kann ab und zu ganz lustig sein.

Mit einem Porträt von The Makemakes hat NEWS noch einen letzten Versuch gewagt, sich an das jüngere Publikum heranzupirschen. Es weiß halt nicht jeder unter – sagen wir – Fünfundzwanzigjährige, wer Rudolf Semrad oder Elisabeth Kaufmann-Bruckberger ist. Letztere bekommt überdurchschnittlich viel Platz, um ihren 50 Millionen Euro Kärntner Seeliegenschaften (what a word) Kauf im Jahre 2007 zu rechtfertigen. Ehrlich gesagt habe ich genug von diesem Kärnten gelesen. Weg mit „Wir stehen vor Schönbrunn und tun so, als ob wir von nichts gewusst hätten“ Fotos, die mit Statements zu „jahrelangen Jörg Haider Freundschaften“ untertitelt werden. Pfui!

NEWS wäre nicht NEWS, hätte es dem Nazi Naturburschen nicht auch noch irgendwo einen Zweizeiler freigeschaufelt. Für mich war hier Schluss mit lustig. Haider, Kaufmann-Bruckberger, danach Schelling. Da vergeht mir ja die Lust am Lesen! Vielleicht bin ich auch einfach die falsche Zielgruppe. Müsst ihr mir noch sagen, ob sich da was ändert. Bis jetzt sieht es für mich noch so aus, als ob ich NEWS weiterhin als das Magazin behandeln müsste, für das ich es jahrelang gehalten habe: Einen Zeitvertreib beim Arztbesuch.

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