No comments
3. Februar 2015
Share:

Die Newsrooms bekannter Tageszeitungen befinden sich momentan mitten in einem für die Zukunft des Journalismus essentiellen Erneuerungsprozess, der aufgrund einer drastisch veränderten Marktsituation hervorgerufen wurde. Viele Medienhäuser haben in Anbetracht der immer größer werdenden Bedeutung von Online multi-platform Ansätze für die Produktion und Distribution ihrer Inhalte ins Konzept integriert.

The process of digitalization has obliged news corporations to migrate from a production model which was constrained by the medium of reception – the newspaper, the transistor radio, the television set –to another model which is relatively independent of this factor.

Konkret bedeutet das, dass moderne Newsrooms zuerst über die wichtigsten Nachrichten des Tages und deren inhaltliche Aufbereitung sprechen, bevor sie sich Gedanken über die Distributionsplattform (sei es über die Homepage, Printausgabe, Radio) Gedanken machen, wohingegen „früher“ bei der ersten morgendlichen Redaktionssitzung zunächst über das Aussehen des Blattspiegels spekuliert wurde.

Veränderungen bei DerStandard und derstandard.at in Wien

„Der Standard“ und „derStandard.at“ waren bis zu Beginn des Jahres 2013 zwei getrennte Unternehmen, mit zwei unterschiedlichen Redaktionen. Ohne einem gemeinsamen, offenen Planungsprozess war die Gefahr gegeben, interredaktionelle Konkurrenz hervorzurufen oder Recherchearbeit aufgrund mangelnder Absprache zwei mal zu tätigen. Der Grundgedanke der Zusammenlegung war „cooperation, rather than merging“. Nach Jahren, in denen das Tempo der einzelnen Newsrooms von Routinen geprägt war und die Plattformen unabhängig agierten, ein gewagtes Vorhaben. In Newsrooms, die mehr auf Koordination denn Integration setzen, ist neben dem schmäleren kreativen Output ein geringerer Teil der JournalistInnen mit Multi-Skills ausgestattet, da Change Management Prozesse nicht verpflichtend sind und die Interaktion mit den Usern in separaten Online departments vonstatten geht. Im Juni 2013, nur ein halbes Jahr später, verkündete Oscar Bronner, dass Der Standard und derstandard.at „would fast-forward the integration of their editorial operations and their business development in all sectors. This would give the company mobility and speed“.
standardnewsroom

DerStandard, mit einer täglichen Leserschaft von 382.000 (mediaanalyse, 2012/13) wurde 1989 gegründet, die Webedition derstandard.at ging 1995 als erste deutschsprachige Onlinezeitung online und wurde 2000 zur unabhängigen Firma. „Fully owned by publisher Oscar Bronner, the print and online editions now share the same premises again.“

Die slow-progress policy, mit kleinen sukzessiven Schritten Richtung cross-media Operationen kann zu einem großen Teil auf die spezielle Situation von derStandard.at zurückgeführt werden, so die Autoren der Studie. Bei derStandard.at arbeiten 50 JournalistInnen, „the largest internet editorial staff in Austrian mass media“. Im März 2013 verzeichnete die Homepage 3.5 Millionen unique users (siehe oewa.at) und meldete Profite im 2 Millionen Euro Bereich. DerStandard.at „represents an exception, a rare case – both in Austria and internationally“, merken die Autoren der Studie “Media convergence revisited” an.

Die Zusammenarbeit ließ anfangs noch zu wünschen übrig. „The Vice Editor-in-Chief for all channels described the point of departure as an arduous process ahead. We communicate a lot, but there have been ony few situations where we have done stories together.“ Der Anfang sah mehr nach einer Koordination isolierter Plattformen aus denn nach inhaltlicher Zusammenarbeit. Heute ist man auf der Suche nach einer sich bewährenden Organisations-Matrix für das gesamte Unternehmen.

„We need to prepare for a future in which at least one model is not going to work. Before that we have to look for ways to cut costs or to increase synergies“, says the Duty Editor pragmatically.

Digital First als Strategie der Welt-Morgenpost-Abendblatt Gruppe in Berlin

Die Strategie von Der Welt-Morgenpost-Abendblatt Group (Berlin) lautet „Digital first“. Drei Tageszeitungen (Welt, Welt kompakt und Berliner Morgenpost), eine Wochenzeitung (Die Welt am Sonntag) und deren Onlineableger wurden seit 2006 zentral von einem integrated online department koordiniert.

Eine kompakte Printversion der Welt am Sonntag wurde seit Februar 2011 gedruckt, Oktober 2012 wurde das Hamburger Abendblatt in die journalistische Struktur der Gruppe eingebettet und im Juni 2013 wurden die Zeitungen Morgenpost und Abendblatt an die Funke Gruppe verkauft. In den vergangenen drei Jahren.

„digital“ has replaced „online“ with an independent mobile browser range rounded off by various apps for smartphones, tablets and internet-enabled TVs.

Im Dezember 2013 sind 120 JournalistInnen in einen größeren, zentralen Newsroom gezogen, der die digitale Produktion ins Zentrum stellen sollte. Unterstützt wurde der Veränderungsprozess durch ein neues Content Management System, das der Chefredakteur „virtual newsroom“ nennt. Mehr dazu in folgendem Video.

Das Motto „online first“ hat 2012/2013 zur „digital to print“ Strategie geführt: „We now first work for digital publishing and also produce daily papers out of what we had initially written for the Web“, says the Chief Editor.

Wie bereits erwähnt ist die Themenwahl anstelle des Mediums in den Fokus der Redaktionssitzung gerückt. Um die Veränderungsprozesse zu beschleunigen, wurden verpflichtende change management seminars organisiert. Warum gerade diese Prozesse Zeit brauchen und nicht von heute auf morgen passieren, habe ich in einem anderen Artikel erläutert.

Veränderte Arbeitsbedingungen bedeuten neue Anforderungen an die JournalistInnen. Um die „digital to print“ Strategie erfolgreich umzusetzen, wurde ein Multi-Channel-Manager eingestellt, der mit den drei bis sechs relevantesten Geschichten des Tages in seinem Ressort beschäftigt sein würde. Da zum Zeitpunkt der Studie lediglich 1-5 Prozent des Traffics durch soziale Netzwerke erzielt wurden, entschloss man Social Media Editors zu engagieren.

Media companies, awakened

Abschließend lässt sich aus der Studie von García-Avilés, Kaltenbrunner und Meier folgendes herausstreichen: “Media companies awakened to changed market situations – and reacted with new business models, which had an impact on the editorial convergence process.“ Bei der Welt haben alle digitalen Plattformen ein paywall model eingeführt. DerStandard „reacted to the situation of radical change in the media market to overcome double economic and editorial structures.“

Das sowohl von der Welt als auch dem Standard eingeführte full integration model weist einen starken themenorientierten Planungsprozess auf, steht für Transparenz und fördert den Dialog mit der Leserschaft auf unterschiedlichen Kanälen. Die JournalistInnen nehmen an verpflichtenden Change-Management Kursen teil, die neue Fachexpertise in Bereichen wie Audio-visual-recording, digital storytelling und social media vermitteln sollen. Veränderung wird als permanente Variable begriffen, die es zu diskutieren gilt. Den traditionellen Rhythmus einer Tageszeitung gibt es nicht mehr, stattdessen bestimmen „speed for breaking news“ und „long-term, in-depth stories“ (investigative/exclusive) den Arbeitszyklus.

García-Avilés, José A, Kaltenbrunner, Andy & Meier, Klaus (2014): Media convergence revisited: lessons learned on newsroom integration in Austria, Germany and Spain, Journalism Practice, 8(5): 573-584

You Might Also Like

by

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close