Internet & Digitales

Fisch+Fleisch.at als neue Casting-Bühne des österreichischen Journalismus. Jetzt zählt die Eigenleistung!

7. Januar 2015

Unabhängig von meiner unbeabsichtigten Entdeckung des größten journalistischen Ärgernisses des angebrochenen Jahres, empfiehlt auch meinbezirk.at der neuen, unabhängigen „Journalistenplattform“ einen Besuch abzustatten. Klingt beim ersten Überfliegen gar nicht so übel.

Die neue Meinungsplattform Fisch und Fleisch bietet Menschen die Möglichkeit, dort selbst aus dem Leben gegriffene Inhalte zu veröffentlichen. Die Themen reichen von Politik und Wirtschaft bis hin zu Lifestyle und Kultur. Besonders attraktiv für Studierende ist die Kooperation mit Medienhäusern: Werden bestimmte Kriterien erfüllt, so kann es möglich sein, Kontakte für Praktikumsplätze zu bekommen. Dies kann eine tolle Einstiegsmöglichkeiten in die Medienbranche sein.

Na dann, schauen wir uns das Ganze einmal genauer an. Fisch + Fleisch bezeichnet sich selbst als Casting-Bühne, wo jeder Leser (das generische Maskulinum kommentiere ich jetzt nicht) Texte, Fotos, Zeichnungen online stellen kann. Es zählt, wie soll es auch anders sein in Österreich, die Leistung! Diesmal sogar die eigene. Fisch + Fleisch interessiert sich für dein Talent! Wer es schafft, sich in einem der 16 Lebensbereichen (z.B.: Heimat, Tabus oder Gesund) mit Fischen und Likes zu etablieren, wird durch starke Medienpartner selbst prominent (mich lächelt bereits der Job als Star-Reporterin an!) und kann sein Können auf fischundfleisch vermarkten. Die Kooperationspartner von fisch+fleisch sind beispielsweise Krone.at und vienna.at. Danke, aber nein danke. Wer gerne bei Medien arbeiten möchte, die vorwiegend durch rassistische Panikmache Aufmerksamkeit erregen und sexistische Vorurteile als gottgegebene Wahrheiten verbreiten, kann sich auf den weiteren Verlauf seiner Karriere bereits psychisch einstellen.

Mit dem Slogan „JETZT ICH“ passt das Konzept von Fisch+Fleisch perfekt in die superindividualisierte, lies MEINEN wichtigen Beitrag zuerst Gesellschaft. Jeder kann ein Star werden, auch noch heute, und das sogar im Journalismus! Einer Branche, die doch noch vor zwei Jahren totgesagt wurde. Macht nichts, kann man alles lernen, auch die „gute Schreibe“. Alles ist anders, 2015. Fisch+Fleisch ist die Meinungsplattform mit TOP (!) Journalisten und Stars. Auf Twitter steht geschrieben: „Und Stars sind wir alle. Sei ein Fisch – schwimm mit.“ Der Hashtag #jetztich setzt der scheinheiligen ich-will-dir-doch-nur-gutes User-Partizipation noch die Krone auf. Krone, haha! Das Team von F+F sucht auch immer wieder neue Mitarbeiter. Bevor man Mitarbeiter_innen oder Mitarbeiter*innen oder MitarbeiterInnen schreibt, wird lieber ausformuliert, dass man die weibliche Form eh mitmeint. Geht auch schneller und ist nicht so schirch, gell?

Danke auch für deine persönliche Meinung zum Thema Gendern, liebe F+F Social Media Betreuerin (mit dem Namen Silvia, soweit ich das der Homepage entnehmen konnte), die freche Antworten auf nicht beantwortete Fragen gerne mit nicht ernst gemeinten Smileys  zu deeskalieren versucht.  fischundfleisch1 So funktioniert Twitter nicht und ja, Gendermainstreaming ist genau das Thema, mit dem ich mich abseits meines Studiums noch gerne befassen möchte. Vor allem auf Twitter und unter der Prämisse der Meinungsäußerungsfreiheit. NOT!

Kommen wir zu den Beiträgen auf fisch+fleisch. Das kompetente Twitter-Team empfiehlt:

Finde nur ich, dass der hashtag vor einer „guaden Gschicht“ über Gewalttaten in der Familie irgendwie … seltsam kommt? Der dem Tweet folgende Eintrag umfasst 400 Wörter und erklärt uns, dass das Ehe und Familienleben mehr Wut hervorruft, als Menschen in irgendeiner anderen sozialen Situation erleben. Wir sollen lernen, die „Herrschaft im eigenen Haus“ zu behalten und unseren Kindern zu lehren, was man mit extremer Wut, mit Traurigkeit, Angst oder riesiggroßen Wünschen tun kann. Danke für den Ratschlag, next. ÖSTERREICH-Mitarbeiterin Isabelle Daniel schreibt darüber, wie sie endlich rauchfrei wurde („Wie kann eine Frau, die so intelligent wirkt, so dumm sein?“, fragte mich einmal ein Arzt. Meine kokette Antwort: „Weil ich eben nur intelligent wirke“). Eine andere berührende Geschichte mit dem Titel Sturmläuten führt uns vor Augen, dass alles im Leben ganz schnell vorbei sein kann. Deshalb sollte man sich auch nicht zu lange mit dem Schreiben seiner 400-Wörter Gedankenfürzen aufhalten, richtig? Danach eine Story über Krebs – schon fast ein classy-Tränendrücker oder? – angeteastert mit: “Über ihre Krebserkrankung – unglaublich.“ Nein, heftig.de Wording passt hier vielleicht nicht ganz. Abgesehen von der Irrelevanz der Themen und den belanglosen Formulierungen kann man sich die Seite ansehen, wenn man vier Minuten auf die U-Bahn wartet und als Alternative nur die Heute Zeitung zur Hand hätte. Besonders erzürnt hat mich der Eintrag „über Feminismus“. Alleine die Anmoderation des Social Media Teams lässt das gerade verschlungene Sonnenblumenkernweckerl in meinem Magen rotieren.  

Danke für die subtile Betonung der offensichtlich hegemonialen Denkweise: Feminismus. Ein Rückschritt? Mit dem obligatorischen Zusatz: Oder wie seht ihr das, Mädels? Die Formulierung des tweets impliziert doch bereits Ablehnung! Als @LadyBossa schreibt, dass sie vielleicht vor 20 Jahren darüber diskutiert hätte, fragt das Team, warum man denn auf twitter nicht KONSTRUKTIV diskutieren kann. Ich platze.

Vielleicht weil der Kommentar von Herrn Marcus Franz pure Provokation war? Ich zitiere:

Der Feminismus hat den Frauen eine neue Freiheit gebracht: Sie müssen heute nicht mehr nur die Kinder gebären und betreuen, sondern sie können und sollen neben diesen genuin frauenspezifischen Aufgaben auch noch arbeiten gehen oder sich überhaupt nur dem Beruf widmen.

Es wird noch besser:

Weder die Politik noch die Frauenrechtlerinnen haben es bisher geschafft, für die Frauen jene Utopien zu verwirklichen, welche ihnen von den Verfechtern der Emanzipation seit Jahrzehnten versprochen werden. Und das liegt definitiv nicht an der Reformresistenz der Männerwelt und auch nicht an der Unfähigkeit der Politik, sondern ganz einfach in der Natur: Frauen sind Frauen und keine Männer.

Natürlich, es ist für alle super hilfreich wenn die Diskussion auf dieser hochkarätig besetzten Meinungsplattform wieder bei 0 anfängt und allerlei Diskurse der letzten, sagen wir fünf bis fünfzig Jahre, einfach in der Argumentation ausgespart bleiben. Weil, man wird doch wohl noch sagen können! Am besten, wir fangen alle wieder an, uns zurückzuentwickeln und über Themen zu publizieren, über die man gefühlte fünfzehn Sekunden nachgedacht hat, während man mit seinem Mobiltelefon auf dem Klo saß. Danke Florian, dass du dich dieser Debatte ausgesetzt hast.  

Ja, um vom Journalismus leben zu können, muss man seine Texte verkaufen. An Medienunternehmen, die nach den kapitalistischen Spielregeln unserer Gesellschaft funktionieren und agieren. Trotzdem, und ich kann hier nur für mich sprechen, könnte ich es nicht vor mir selbst rechtfertigen, jemals den Praxen von krone.at, vienna.at, ATV oder wie sie alle heißen, Einzug in mein Leben zu gewähren. Gerade nicht als etablierte Journalistin, die ich nicht bin, denn dafür hat frau meines Wissens ihre eigene Publikationsplattform. Falls nicht: Kostet keine 4 Euro im Monat, sich Webspace und eine eigenen Domain zu besorgen.

Related Post

Liked it? Take a second to support groschenphilosophin on Patreon!

You Might Also Like

2 Comments

  • Reply makellosmag 7. Januar 2015 at 17:12

    Oh Mann, diese Auszüge sind ja der Hammer! Erinnert mich irgendwie hieran: https://www.youtube.com/watch?v=vouZ5UUt28c

    • Reply groschenphilosophin 8. Januar 2015 at 17:36

      Schon, oder? Ich musste das einfach festhalten gestern, weil mir schon die Kotze im Mund stand. Das Video kannte ich noch gar nicht, sollte man mal weiterleiten ;)

    Leave a Reply

    *

    By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

    The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

    Close