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das letzte was du schließt, ist dein twitter feed

25. November 2014

blumenwiese1

Du machst gerade ein Praktikum bei der favorisierten Sonntagszeitung deiner Eltern, sie haben dich nach dem zweiten Anlauf per E-Mail kontaktiert. Wir freuen uns Ihnen mitteilen zu dürfen, dass Sie ab September 2014 eine in Wirklichkeit nicht existente und auch künftig nicht nachbesetzte Stelle ihre journalistische Spielwiese nennen dürfen. Du bist im fünften Semester an der Fachhochschule für Journalismus und möchtest endlich anfangen, dich in der Branche zu etablieren, das hat man dir so geraten. Denn wer während des Studiums nichts macht, macht nichts. Du denkst, du brauchst nur einen Fuß in der Tür. Du grenzt dich von deinen mental benachteiligten Kollegen ab, indem du zielorientierten Ehrgeiz zeigst. Du stehst früh auf, um keine E-Mail zu verpassen, du gehst spät ins Bett, das letzte was du schließt, ist dein Twitter-Feed. Du bekommst Lob auf deine Timeline gespült, auf die du herzlich antwortest. Danke lieber Kollege, bei Gelegenheit retweete ich dann auch deinen Kommentar zur gesellschaftlichen Relevanz geschlechterneutraler Sprache.

Für 500 Euro Taschengeld darf zuerst ein Fuß rein, der Kopf steckt nach kurzer Zeit in deines Vorgesetzten Anus. Immer schön weiter hinein, bringt auch ein paar likes. Ein paar retweets für deine Story über den Vorzeige Migranten, der es geschafft hat sich in seiner neuen Heimat ein Leben aufzubauen, um das ihn die gaffende Autochthonbevölkerung bereits beneidet. Spannend findest du auch die Multimedia Reportage der Süddeutschen über das Jugendgefängnis. Muss schlimm sein, dort drinnen zu sitzen, auf jeden Fall ungemütlicher als auf dem Bürostuhl des Menschen, den sie drei Monate vor dir aufgrund zu hoher Personalkosten abgebaut haben. Er kann seine Vaterpflichten jetzt voll und ganz in Anspruch nehmen, nur leider sind die Kinder auch schon aus dem Haus, wäre früher vielleicht besser gewesen, ein wenig weniger zu arbeiten. Vielleicht machst du eine „gute Gschicht“ draus, du hast wahrscheinlich schon seine Nummer notiert.

In deiner Profilbeschreibung platzierst du das dir zugewiesene Ressort recht prominent, es sollen alle wissen, dass du etwas geworden bist, dass du die institutionelle Decke durchbohrt hast. Schließlich hast du auch zwei Semester Kultur- und Sozialanthropologie studiert, das soll nicht umsonst gewesen sein, das nützt dir jetzt bei den biografisch angelegten Interviews. Als künftiger Meinungsführer fährst du zum Forum Alpbach um dich mit intertransdisziplinären Themenschwerpunkten auseinanderzusetzen. Die Elite bleibt nur zu gerne unter sich, um sich nach Ablauf der Podiumsdiskussionen nette Insider-Schmähs zuposten zu können. Hoffentlich liest der künftige Arbeitsgeber mit. Anschließend schreibst du, von den Geschehnissen inspiriert, einen Artikel über die Generation Y. Du bist nämlich anders, deine Alterskohorte kann man nicht über einen Kamm scheren, alle sind gleich und trotzdem total individuell und dich betrifft das Prekariat ja schließlich auch, aber immerhin hast du gerade einen Platz ergattert, das schließt sich also nicht aus. Du stehst früh auf, um keine E-Mail zu verpassen, du gehst spät ins Bett, das letzte was du schließt, ist dein Twitter-Feed.

Du wirst nicht müde zu betonen, dass das Schreiben immer ein Traum war und trotzdem weißt du, es ist hartes Handwerk, gepaart mit dem nötigen Talent. Das journalistische Handwerk lernt man in der Praxis, nicht an der Universität, das sagen auch deine erfahrenen Mentoren. An der Universität holt man sich höchstens seinen Magister. Fachbegriffe wie Misogynie und Habitus für den intellektuellen Beigeschmack. Wie schreibt man noch mal intelektuell, besser nachgoogeln, wer hat noch ein Lektorat. Deine Geschichten sind, so ist sich der innere Zirkel einig, großartig und besonders lesenswert. Ja, man nimmt einen gewissen Mehrwert mit nach der Lektüre, das ist Qualität, die online nicht bieten kann. Du liest gerade „Tipps und Tricks“ zur Selbstvermarktung auf Social Media, es fehlt noch der letzte Schliff am Branding. Manchmal hast du Angst, dass sie dich nach Ablauf der Probephase doch nicht haben möchten.

Damit das nicht passiert, bleibst du eifrig engagierst, sagt nie nein, auch wenn du eigentlich um 18 Uhr mit deiner Freundin bei Mochi essen wolltest, man muss schließlich schauen, wo man bleibt, auch wenn man den Neoliberalismus sprachlich dekonstruieren kann. Um immer up-to-date zu sein, studierst du die Artikel, die dein Chef mit der community shared, du weißt, was deine Leser wollen. Eure. Wenn schon long-read dann bitte mit animierten Infografiken, hallo, hast du schon in der Grafikabteilung angerufen? Morgens klickst du zuerst auf die APA Homepage und danach auf Al Jazeera, man möchte dem Eurozentrismus entkommen, da passt eine Quelle wie diese ausgezeichnet, sowas nennt sich gut recherchiert. Du stehst früh auf, um keine E-Mail zu verpassen, du gehst spät ins Bett, das letzte was du schließt, ist dein Twitter-Feed.

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